Die Wirtschaft ist süchtig nach billigem Geld

Die Tiefzinspolitik ist eigentlich ein Anker in Krisenzeiten. Doch sie wurde längst zum Dauerzustand. Kommt man da unbeschadet wieder raus?

Es wird gebaut, was das Zeug hält: Wohnsiedlung in Volketswil ZH. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Bei uns hat die Frankenaufwertung viel grössere Auswirkungen als eine Aufwertung im Euro- oder Dollarraum, nicht zuletzt, weil wir ohne irgendwelche Rohstoffe auskommen müssen und vollständig vom Export abhängen. Also druckt die Schweizer Nationalbank Franken und kauft Fremdwährungen, bis der Frankenmarkt gesättigt ist. Kann denn die Gefahr eines Franken-Absturzes mit Rückkäufen von Franken mittels der angehäuften Fremdwährungen gebannt werden? N.H.

Ich habe Zweifel, dass ein Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik in der Zukunft so einfach funktionieren wird. Sowohl die Nationalbank als auch die Europäische Zentralbank haben die Möglichkeit eines sanften Ausstiegs verpasst, als die Konjunktur in Europa noch gut lief.

Inzwischen taucht die Konjunktur in mehreren EU-Ländern, insbesondere auch in Deutschland, womit ein Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik weit in die Ferne gerückt ist und die Zinsen im Gegenteil nochmals gesenkt werden.

Die Politik des billigen Geldes mit extrem tiefen Zinsen ist eigentlich ein Mittel, um in Krisenzeiten die Wirtschaft zu stabilisieren und wieder auf Touren zu bringen. Doch inzwischen wurde sie zum Dauerzustand. Die Wirtschaft und nicht zuletzt die Finanzmärkte sind längst abhängig vom billigen Geld. Wie bei einem starken Medikament, das man längere Zeit immer nimmt, entsteht eine Abhängigkeit, gleichzeitig nimmt aber die Wirkung ab, weil man sich daran gewöhnt hat. Je mehr die Wirtschaft vom billigen Geld abhängig ist, desto schwieriger wird der spätere Ausstieg.

Wenn die Nationalbank später die riesigen Mengen an Fremdwährungen, die sie im Kampf gegen den starken Franken angehäuft hat, wieder wie von Ihnen vorgeschlagen in Franken umtauschen würde, hätte das eine starke Wirkung auf die Finanzmärkte.

Wenn die Nationalbank später einmal die Zinsen erhöht, hat das Konsequenzen für die Konjunktur. Eine rasche Straffung der Geldpolitik wäre für die Konjunktur fatal. Doch sind wir von einem Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik weit entfernt, da die Niedrigzinspolitik derzeit wegen des Konjunkturabschwungs in Europa sogar noch verstärkt wird.

Aus meiner Sicht beinhaltet die jahrelange Politik des spotbilligen Geldes, wie sie alle grossen Notenbanken der Welt betreiben, enorme Risiken für die Stabilität unseres Finanzsystems. Das zu billige Geld schafft völlig falsche Anreize: Schulden machen wird belohnt.

Zwar ist die Teuerung nach wie vor gering und die Inflationsziele der Notenbanken dürften angesichts der wieder schlechteren Konjunkturperspektiven kaum so rasch erreicht werden. Gleichzeitig beobachten wir aber seit längerem eine Inflation bei den Vermögenswerten.

Offensichtlich ist die Fehlentwicklung bei den Immobilien: Die tiefen Zinsen der Notenbanken machen die Fremdfinanzierung von Immobilien erst recht attraktiv und stimulieren die Nachfrage nach Liegenschaften. Im gleichen Atemzug, wie die Nationalbank billiges Geld herausgibt, warnt sie vor Blasen am Schweizer Immobilienmarkt. Dabei führt massgeblich das billige Geld der Nationalbank dazu, dass die Nachfrage nach Immobilien hoch bleibt.

Auch diese Beispiele zeigen Ihnen, dass ein späterer Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik extrem heikel ist. Leider befürchte ich, dass nach den Jahren des billigen Geldes eine spätere Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik ohne Verwerfungen kaum möglich sein wird.

Auch die Tatsache, dass sich die Märkte an die expansive Geldpolitik gewöhnt haben und von ihr abhängig sind, sollte uns zu denken geben. Was genau machen die grossen Notenbanken, falls es erneut zu einer weltweiten Finanzkrise mit starken Verwerfungen käme?

Ich befürchte, dass es dann den Finanzmarktfeuerwehren, welche die Notenbanken darstellen, an den nötigen Instrumenten fehlt, um eine Krise wirksam bekämpfen zu können.

20 Kommentare zu «Die Wirtschaft ist süchtig nach billigem Geld»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Die Geldmenge der Notenbanken ist nicht entscheidend. Entscheidend ist einzig die Gesamt-Geldmenge, also inklusive der von den Geschäftsbanken geschöpften Gelder. Wenn nämlich das Kreditwesen unter den Banken einschläft, dann fehlt der Wirtschaft Geld und die Notenbanken müssen mehr Giralgeld erschaffen. Und für eine steigende Wirtschaft (und sie steigt ja auch weltweit jedes Jahr um 2 – 5 %) muss die Geldmenge entsprechend anwachsen, sonst wird das Wachstum ausgebremst.
    Ob das Geld billig oder teurer ist, spielt dabei keine Rolle bzw. je billiger, desto weniger Geschäftsbanken-Geldschöpfung und umso mehr Giralgeld ist nötig.

    • Claude Fontana sagt:

      @Rothacher: Wenn das Geld Billig ist, wird es entwertet. Aber Attraktiv. (Black Friday-Prinzip: Bitte konsumieren) Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ für Betriebe wird also schon gewährt. Soll man jetzt auf den „Trickle down effekt“ hoffen, wie man das von der Geldschwemme, die die FED veranstaltet, erwartet? man weiss, dass das geld nur bei den Aktionären verbleibt. (Jetzt wo sich die Hypoblase weiter wölbt, braucht man es, um „Assets“ zu kaufen?

  • Josef Marti sagt:

    Die Gefahr eines CHF Absturzes besteht erst dann wenn es der SNB nicht mehr gelingt die LB Überschüsse zu verteidigen und der Exportsektor einbricht und hohe Arbeitslosigkeit einkehrt. Mit den dann riesigen SNB Buchgewinnen aus der CHF Abwertung würden die immer grösseren Haushaltslöcher der Kantone gestopft.

    • Claude Fontana sagt:

      Wie könnte denn der Exportsektor einbrechen? Vielleicht durch das fehlen eines Rahmenabkommens?
      Und wer ist da dagegen?
      Die, die das Billiggeld bekommen.

      • Max Bernard sagt:

        Der Exportsektor wird bei der kommenden Krise mit oder ohne Rahmenabkommen einbrechen. Je mehr dieser aufgebläht wird, desto grösser wird der Einbruch für unsere gesamte Wirtschaft sein.

  • Anh Toàn sagt:

    „Kann denn die Gefahr eines Franken-Absturzes mit Rückkäufen von Franken mittels der angehäuften Fremdwährungen gebannt werden? N.H.“

    „Wenn die Nationalbank später die riesigen Mengen an Fremdwährungen, die sie im Kampf gegen den starken Franken angehäuft hat, wieder wie von Ihnen vorgeschlagen in Franken umtauschen würde, hätte das eine starke Wirkung auf die Finanzmärkte.“

    Insbesondere doch auf die Devisenmärkte: Der CHF würde steigen (die Nati wird Nachfrager), USD und EUR im Prinzip geschwächt, aber dies sind trotz der Ausweitungen der Natibilanz deutlich grössere Töpfe als der CHF.

    • Anh Toàn sagt:

      Gerade weil die Nati die Zinsen nicht erhöhen kann, sollte der CHF abwerten (wenn der Text so richtig ist, wegen den Auswirkungen auf den Immobilienmarkt, den Verlusten in den PK’s auch aus langlaufenden Anleihen), kann sie CHF kaufen, nachdem sie mal mit Verkaufen aufgehört hat, mit den angehäuften Devisenreserven und so den CHF stärken ohne die Zinsen zu erhöhen. Aber das wird nicht geschehen, aber die Gründe dafür liegen nicht bei der Nati, sondern vor allem in der US Geld- und Fiskalpolitik, selbst die EZB reagiert nur, taktisch geschickt, indem sie bereits auf die erwartenden Schritte der FED reagiert, und so oft sogar vor der FED handelt. Aber letztlich dreht sich die Welt des Geldes noch immer um den USD.

  • Peter Müller sagt:

    Ich persönlich kann wenig anfangen mit diesen Argumenten. Als es 2008 zur Kreditklemme kam hat niemand mehr Krediten vergeben bis Greenspan mit seinem quantitative easing angefangen, das Ziel war das Banken,Investoren und Pensionskassen ihr Geld nicht als Bargeld oder in Staatsanleihen halten sondern ihre Rendite in der Wirtschaft suchen. Ich möchte nicht erleben was passiert wäre hätten die Zentralbanken nichts getan.
    Das Problem wo wir haben ist nicht das billige Geld es wird zu wenig investiert, zu viel Geld parkiert, was mit der Globalisierung zu tun hat welche uns zu produktiv gemacht hat.
    Die Demographie wird die Negativzinsen so in ca. 10 Jahren zum verschwinden bringen, solange müssen wir durchhalten.

  • Urs Schumacher sagt:

    Jedenfalls werden die Hypothekarnehmer niemals rechtzeitig aus den Krediten aussteigen koennen – aus den Immobilien anschliessend ausziehen schon…

    • Stefan Fritsche sagt:

      @Herr Schuhmacher. Wahrlich Wahrlich Herr Schuhmacher. Wieviele Drogensüchtige können rechtzeitig aussteigen.? Einige gibts immer aber wir sind uns ja einig.

  • Karl Knapp sagt:

    Was Jordan und seine opposite numbers veranstalten, kann man auf meinem Füdlibürger-Level nicht beeinflussen. Konkret würde ich von Hr.Spieler wenigstens Handlungsoptionen erwarten, nicht Phrasen, sorry.

  • Dana Wecker sagt:

    Der Point of No Return ist längstens überschritten. Die nächste Bankenkrise wird nicht bloss Privat-, sondern inbesondere auch Nationalbanken betreffen. Nach dem nächsten nunmehr unabwendbaren Credit Crunch – der 2008 wie ein Kindergeburtstag aussehen lassen wird – werden die verbleibenden Banken allesamt in staatlichen Besitz übergehen. Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben, so viel steht fest. Renten, alle Sozialversicherungen, Pensionskassen etc. werden Bankrott gehen und gepaart mit einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und einem gewaltigen Immobiliencrash war’s das dann mit dem „Friedensprojektchen“ EU/Euro. Leider scheint diese brutale Zäsur nötig zu sein, um die europäische Bevölkerung aus ihrer wohlstandsverwahrlosten Lethargie zu reissen.

    • Pan Flöte sagt:

      Auaaa … Und die Chinesen werden alle europäischen und amerikanischen Banken übernehmen und uns an den Eier haben. So geht das mit der Übernahme der Weltherrschaft 😉

  • Girod Dummler sagt:

    Der entscheidende Punkt ist, dass die Finanz- und Aktienmärkte zum erfolgreichen Monopoly der Reichen geworden ist. Was sind lächerliche 0.5% Minuszinsen oder mehr im Vergleich zu 20% Aktiengewinn im Jahr ? Die arbeitende Bevölkerung finanziert das vorhandene Vermögen und es machen alle mit. Die Blase wird platzen, aber leiden werden wieder die dummen Bürger durch PK Verlust, Konkurse durch Immowertverlust und Arbeitslosigkeit. Das Vermögen hat sich bis dahin mit Gold, Kunst und Cash neu positioniert, um bei “Los” im Monopoly wieder zu beginnen. Diese ganzen Theorien der Makro-Ökonomik ist Augenwischerei für kleine Kinder.

  • Peter Waldner sagt:

    Ist es nicht auch einfach so, dass Euro und USD so schwach sind, weil die jeweiligen Notenbanken ihre Länder für Konsum, Investition und staatliche Schuldenwirtschaft fluten? Je mehr Geld ein Währung im „freien“ Umlauf ist, desto weniger wird es wert sein – alleine schon wegen „Angebot und Nachfrage“. Ich frage mich deshalb, ob es sinnvoll ist, den CHF nur durch Devisenkäufe zu schwächen. Wärenicht besser, wenn die Nationalbank die Schweiz mit mehr Geld für Investitionen „fluten“ würde? Warum die (zu) hohen Reserven nicht für den Tunnelbau, öV, Infrastrukturen von Spitälern und Universitäten, Kampfflugzeuge oder Sozialwohnungsbau ausschütten?

    • Anh Toàn sagt:

      Da haben Sie sehr recht, aber die Politik will dies nicht. Durchaus legitimiert im Volk, wir müssen sparen herrscht vor, ist wie in Deutschland mit der schwarzen Null, nur wertet deren EUR halt nicht auf, weil da sind noch andere drin: Braucht der Bund Geld für ETH oder Tunnelbau, umweltfreundliche Technologien oder Soziales, kann er sich zu 0% auf rund 40 Jahre verschulden: Wenn sich bis dahin die Investitionen nicht gelohnt haben, lässt man die besser bleiben: Weil der Bund im Inland nicht investiert (Devestiert = Schulden Abbau), investiert halt die Nati im Ausland. Die Nati kann nicht die Aufgaben des Bundes übernehmen. Macht der Bund genug Defizite für Soziales, wird der CHF schwächer. Aber wer will denn sowas!

      • Peter Waldner sagt:

        Herr Toàn – vielleicht verstehe ich das System nicht richtig, aber ich gehe davon aus, dass die „Reserven“ der Nationalbank nicht wirklich im Umlauf sind; das ist falsch. Ganz grundsätzlich bin ich sogar für mehr als eine „schwarze Null“ – ich bin für eine antizyklische Finanzpolitik – also Schuldenabbau bei guter Konjunktur. Auch bin ich (im Gegensatz zumindest zum Verhalten der Europäischen Zentralbank) absolut nicht für eine Finanzierung des „Konsums“, also z.B. im Sozialbereich (die AHV z.B. würde ohnehin einfach ihre Reserven erhöhen). Ich wäre dafür, das Geld aus den Reserven (die durch Gewinne der Nationalbank gespiesen wurden) einmalig, aber gebunden auszuschütten; auszugeben aber nur für Investitionen. Ein paar Beispiele hatte ich genannt. Damit kommt mehr CHF in Umlauf.

      • Anh Toàn sagt:

        „absolut nicht für eine Finanzierung des „Konsums“,“

        Ja ja ich weiss, wenn schon muss man investieren, nicht konsumieren, investieren und sparen ist aber das Gleiche, das Gegenteil ist konsumieren. Aber ich sag‘ ja, das will doch niemand, wir müssen sparen.

      • Anh Toàn sagt:

        Investieren ist ja, was die Nati macht, mit den CHF in denen Sie sich verschuldet, investiert sie, halt im Ausland vor allem (NESN NOVN und ROGS sind ja eigentlich vor allem auch im Ausland). Sie macht dabei riesige Gewinne, die investiert sie wieder im Ausland.

        Würde sich der Bund verschulden für Konsum, also z.B. Erhöhung der tiefsten AHV/IV Renten, hätten ein paar wirtschaftliche schwache Schweizer was davon und die stärkeren keine Klumpfuss überbewertete Währung.

Kommentar

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