Warum der Euro weiter schwächeln wird

Hohe Schuldenberge, rekordtiefe Zinsen: Gegen einen deutlich höheren Eurokurs sprechen mehrere Faktoren. Foto: iStock

Wir sind frühpensioniert und machen viel Ferien im europäischen Ausland, in Deutschland, Frankreich, Portugal und Spanien. Daher ist für uns der Euro wichtig. Wenn er steigt, werden unsere Ferien teurer. Sollen wir uns mit Euro eindecken, weil er vielleicht bald teurer wird? W.Y.

Die positive Nachricht gleich vorweg: Ich erwarte keine markante Erstarkung des Euro in den nächsten Monaten. Ihre Ferien in Europa dürften weiter günstig bleiben.

Gegen einen deutlich höheren Eurokurs sprechen mehrere Faktoren. Erstens die Geldpolitik: Die Zinsen in Europa bleiben noch mindestens bis in die zweite Hälfte des nächsten Jahres auf einem Tief. Das hat die Europäische Zentralbank erklärt. Gleichzeitig hat sie klar signalisiert, dass sie die Geldpolitik noch mehr lockern könnte und die Zinsen sogar noch weiter senken – also noch tiefer ins Minus drücken könnte.

Für einen tiefen Eurokurs spricht auch die hohe Verschuldung in Europa: Staaten wie Italien sitzen auf immensen Schuldenbergen. Würden die Zinsen steigen, müssten die Italiener für ihre Schulden noch weit mehr zahlen, was niemand will und was sie wahrscheinlich nicht können. Auch andere Länder wie etwa Frankreich verfügen über beträchtliche Schulden. Die Schuldenberge tragen mit dazu bei, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen im Euroraum noch lange tief lässt.

Gegen einen deutlich festeren Euro spricht weiter die Konjunkturlage: Die europäische Wirtschaft schwächelt. Das Wachstum hat sich auf breiter Front abgeschwächt. Selbst die für ganz Europa wichtige Konjunkturlokomotive Deutschland hat stark an Schub verloren. Wenn die Wirtschaft nicht stärker auf Touren kommt, ist die Europäische Zentralbank nicht in der Lage, eine Zinswende ins Auge zu fassen. Im Gegenteil: Sollte sich die Wirtschaft weiter abschwächen, müsste sie tatsächlich die Geldpolitik wie signalisiert weiter lockern, damit der Konjunkturmotor nicht noch mehr ins Stottern gerät.

Für einen tendenziell eher schwachen Euro sprechen weiter der internationale Handelsstreit zwischen den Supermächten USA und China, der sich jederzeit auch wieder auf Europa ausweiten kann sowie der Brexit, der Austritt von Grossbritanien aus der EU.

Der Brexit hat sich längst zu einer unendlichen Geschichte entwickelt. Immerhin sind die Chancen gestiegen, dass die Briten im Oktober tatsächlich die EU verlassen. Eine Vertragslösung hingegen ist noch immer in weiter Ferne. Es ist gut möglich, dass es dann zu einem mehr oder weniger chaotischen Brexit kommt. Auch das ist für die EU und für die europäische Währung ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor.

Persönlich gehe ich davon aus, dass sich der Euro in den nächsten Monaten weiter in einer Bandbreite von rund 1.10 Franken bewegen dürfte. Dass der Euro zum Franken deutlich nachgibt erwarte ich ebenso wenig wie eine markante Erstarkung.

Jedenfalls wird die Schweizerische Nationalbank alles unternehmen, dass der Euro zum Franken nicht stark nachgibt, da sie sonst Nachteile für den Schweizer Export und den hiesigen Tourismus befürchtet. Nationalbank-Präsident Thomas Jordan hat denn auch bereits angedeutet, dass die SNB den Minuszins hierzulande von 0,75 Prozent auf Minus ein Prozent ausweiten könnte. Damit will sie verhindern, dass der Franken deutlich stärker wird.

Trotz zahlreicher Unsicherheitsfaktoren rechne ich beim Euro vor diesem Hintergrund eher mit einer Seitwärtsbewegung auf tiefem Niveau.

4 Kommentare zu «Warum der Euro weiter schwächeln wird»

  • Albert Fiechter sagt:

    Wenn möglichst viele Franken-Besitzer jetzt Euro kaufen, verringert sich der Kummer der SNB.

  • Hans Harrer sagt:

    Ich finde die ganzen Stützkäufe der NB verantwortungslos! Wir stützen damit eine Währung welche gegenüber dem Schweizer Franken masslos überbewertet ist. Für mich wäre ein Wechselkurs von maximal 1:1 gerechtfertigt. Dies zeigt sich auch dadurch, dass viele Produkte in der Eurozone beim Anwenden der heutigen Wechselkurse praktisch gleich teuer sind wie in der Schweiz. Vergleicht man aber das Lohngefüge mit den Preisen in den benachbarten Euro-Staaten, so stimmt hier das Verhältnis schon lange nicht mehr. Auch unsere Exportindustrie sollte mit dem Jammern etwas kürzer treten. Qualitätsprodukte haben eben ihren Preis – auch in den EU-Staaten – weshalb auch von EU-Kunden gerne ein gewisser Mehrpreis akzeptiert wird.

    • Vanessa Curiger sagt:

      Harrer: Blödsinn: Kleider kosten in der Schweiz durchschnittlich 40% mehr als in Deutschland, Zeitschriften sogar 70% und für Kosmetikartikel zahlt man im Mittel ebenfalls 70% mehr als in Deutschland, obwohl es sich um die exakt gleichen Produkte handelt. Solch grosse Preisdifferenzen lassen sich nicht mit höheren Kosten für Löhne oder Mieten begründen, die Schweizer Konsumenten werden schlicht und einfach abgezockt und dies seit Jahren. Uns kosten überteuerte Importprodukte jährlich 20 Milliarden Franken.

  • Anh Toàn sagt:

    Der EUR wird weiterhin schwächer, weil es der USD wird und die EZB erfolgreich die Aufwertung des EUR zum USD verhindert.

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