Wie man sich ein reales Bild einer Firma macht

Phoenix Mecano ist nicht alleine: Laut der Studie kommt der Rechnungslegungsstandard Swiss GAAP FER bei 23 Prozent aller nicht kotierten Unternehmen zur Anwendung. Foto: PD

Seit vielen Jahren halte ich Aktien von Phoenix Mecano. Nun habe ich gesehen, dass die Firma die Rechnungslegung ändert und auf Swiss GAAP FER wechselt. Gibt es deswegen für mich als Aktionärin einen Nachteil? E.Z.

Nein. Im Gegenteil. Ich stufe den Wechsel des Komponenten- und Gehäuseherstellers Phoenix Mecano vom internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS zu Swiss GAAP FER als positiv ein. Die Komplexität in der Rechnungslegung ist bei IFRS höher und damit in der Regel auch die Kosten. Phoenix Mecano selbst begründet den Wechsel denn auch damit, dass die zunehmend komplexen und aufwendigen Detailregelungen und Offenlegungspflichten bei IFRS ein vernünftiges Verhältnis von Kosten und Nutzen erschwerten.

Für Sie als Anlegerin ist wichtig, dass Sie eine hohe Transparenz haben und sich, wenn Sie das wünschen, ein möglichst genaues Bild über den tatsächlichen Zustand einer Börsenfirma machen können und auch detaillierte Finanzkennzahlen inklusive Segment-Informationen erhalten.

Das ist im Falle von Phoenix Mecano auch nach einer Umstellung auf Swiss GAAP FER gegeben. Aktionäre benötigen ein gut verständliches und dennoch umfassendes Regelwerk. Dank der breiten Anwendung von Swiss GAAP FER in der Schweiz können die Abschlüsse der verschiedenen Unternehmen gut miteinander verglichen werden. Dafür ist IFRS, welcher komplexere Sachverhalte in einem höheren Detaillierungsgrad regelt, die internationale Vergleichbarkeit stärker gegeben.

Interessant ist der Hinweis von Phoenix Mecano, dass auf der Basis der neuen Rechnungslegung sowohl das Betriebsergebnis, die Betriebsergebnis-Marge und der Reingewinn im vergangenen Jahr höher ausgefallen wären.

Phoenix Mecano ist mit dem Wechsel nicht alleine. Laut einer aktuellen Studie der Stiftung für Fachempfehlungen zur Rechnungslegung hat der Standard Swiss GAAP FER in den letzten Jahren nicht nur bei börsenkotierten Unternehmen hierzulande eine grössere Akzeptanz gewonnen. Laut der Studie kommt Swiss GAAP FER bei 23 Prozent aller nicht kotierten Unternehmen zur Anwendung, was einem Anstieg von fünf Prozentpunkten im Vergleich zur früheren Erhebung vor fünf Jahren entspricht.

Diese Verschiebung geht einerseits zulasten der IFRS-Anwendung, welche seit 2014 um rund 4 Prozent abgenommen haben. Gleichzeitig scheinen sich laut der Studie viele Erstanwender eines Regelwerkes nach «true and fair view» – das heisst einer zusätzlich zum Abschluss nach Obligationenrecht erfolgenden Berichterstattung – für Swiss GAAP FER zu entscheiden.

Die grösste Zunahme der Swiss-GAAP-FER-Anwender erfolgte in den letzten fünf Jahren bei den mittelgrossen und grossen Unternehmen. So schliessen heute rund 47 Prozent aller Unternehmen mit 250 bis 500 Mitarbeitenden und 66 Prozent aller Unternehmen mit über 500 Mitarbeitenden nach Swiss GAAP FER ab.

Laut Sven Bucher, Head of Research der Zürcher Kantonalbank und Mitglied im Fachausschuss der Stiftung für Fachempfehlungen zur Rechnungslegung, trägt das günstigere Kosten-/Nutzen-Verhältnis massgeblich dazu bei, dass Schweizer Börsenfirmen vermehrt auf Swiss GAAP FER umstellen. «Zudem hat es in der Vergangenheit bei IFRS immer wieder neue Standards und laufende Weiterentwicklungen gegeben, welche aus Sicht verschiedener Schweizer Unternehmen nur bedingt sinnvoll waren und somit die Firmen zu einem Wechsel motiviert haben.»

Für Bucher ist es wichtig, dass die Firmen, die beispielsweise auf Swiss GAAP FER umgestellt haben, die bisher relativ hohe Transparenz auch in Zukunft weiter behalten. «In den letzten Jahren haben auch die sogenannten adjustierten Zahlen an Bedeutung gewonnen, und hier wird ebenfalls die Transparenz und die Art und Weise der Kommunikation wohl noch an Bedeutung gewinnen.»

Da die Rechnungslegung rückwärtsgewandt ist, wünscht sich Sven Bucher zudem, dass die Bedeutung von zukunftsgerichteten Aussagen zum Markt, Wettbewerbsumfeld, Zulieferketten etc. bei den Unternehmen eine weiterhin hohe Bedeutung geniessen.

1 Kommentar zu «Wie man sich ein reales Bild einer Firma macht»

  • Jean Gilette sagt:

    Wer Aktien von „Phoenix Mecano“ im Depot hält muss wahnsinns Nerven zeigen. Der Kurs lag schon in den 90iger bzw. 2002 auf gleichem Niveau wie heute. Hier kauft man pures Risiko und bekommt im Gegenzug lediglich eine Dividende von 3 Prozent. Ein Null-Summen-Spiel minus Kurszerfall minus Gebühren. So ein Engagement bringt gar nichts. Ausser Frust.

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