Warum der ABB-Kurs bald steigen dürfte

Elektrotechnikkonzern in Bewegung: Interimsmässig hat VR-Präsident Peter Voser die Konzernführung übernommen. Foto: Keystone

Ich habe ein gut diversifiziertes Aktiendepot. Dazu zählen auch 3500 ABB-Aktien. Soll ich diese verkaufen? Das Geld brauche ich momentan nicht. Mein Bankberater ist mir für eine Antwort zu wenig kompetent. Wenn ich verkaufe, stellt sich aber die Frage nach einer neuen Anlage. S.B.

Da Sie mir schreiben, dass Sie das investierte Kapital momentan nicht brauchen, würde ich die ABB-Aktien nicht verkaufen. Der Elektrotechnikkonzern ist meines Erachtens in einer spannenden Phase.

Mitte April hatte sich der Verwaltungsrat vom bisherigen ABB-Konzernchef Ulrich Spiesshofer getrennt. Interimsmässig hat VR-Präsident Peter Voser die Konzernführung übernommen. Hinter den Kulissen läuft die Wahl des neuen Konzernchefs.

An der Börse wurde in den letzten Wochen intensiv darüber spekuliert, dass der Nachfolger von Spiesshofer aus Skandinavien kommen wird. Als potenzielle Chefs genannt wurden etwa Börje Ekholm, Chef der schwedischen IT-Firma Ericsson und Björn Rosengren, Chef der Sandvik-Gruppe. Begründet wurde das damit, dass die beiden grössten Einzelaktionäre, Investor AB und Cevian, beide in Schweden verankert seien.

Woher der künftige Konzernchef tatsächlich kommen wird, halte ich nicht wirklich für relevant, vielmehr seine Fähigkeit, mehr Aktionärsnutzen bei der ABB zu schaffen. Daran hat es in den vergangenen Jahren stark gemangelt. Entsprechend machen Grossaktionäre Druck – insbesondere die aktivistische Grossaktionärin Cevian aus Schweden. Die fordert schon seit längerem strategische Änderungen, damit der Aktienkurs bei der ABB endlich in die Höhe klettert.

Mit der Abspaltung der Stromnetzsparte wird eine wichtige Forderung von Cevia umgesetzt, obwohl sich der frühere Konzernchef Ulrich Spiesshofer immer wieder dagegen gewehrt hatte. Man darf davon ausgehen, dass dieser wichtige strategische Entscheid letztlich auch gegen den Willen von Spiesshofer gefällt wurde. Und dass wohl auch Cevian mit zum Rücktritt von Spiesshofer beigetragen hat.

Tatsache ist: Die ABB ist in einem tiefgreifenden Umbruch. Der Verkauf der Stromnetzsparte ist ein Bruch mit der Vergangenheit und spült dem Konzern viel Geld in die Kasse. ABB hat versprochen, dass ein beträchtlicher Teil dieses Kapitals an die Aktionäre zurückfliessen soll. Dies allein schon spricht dafür, dass Sie Ihre Aktien jetzt nicht abstossen sollten.

Vom neuen Konzernchef erwarte ich weitere strategische Massnahmen mit dem Ziel, den Aktionärsnutzen bei der ABB zu erhöhen. Dass diese nicht mehr wie früher auf die lange Bank geschoben werden, dafür dürfte nur schon die aktivistische Grossaktionärin Cevian sorgen. Auch der Verwaltungsrat hat die Signale verstanden und verspricht für das laufende Jahr ein Umsatzwachstum und eine Margenverbesserung.

Interimskonzernchef Peter Voser peilt mittelfristig eine operative Marge von 13 bis 16 Prozent an. Gegenüber der heutigen operativen Marge von knapp 11 Prozent wäre das schon eine beachtliche Steigerung. Im momentanen globalen wirtschaftlichen Umfeld, das von Unsicherheiten rund um den Handelskonflikt zwischen den USA und China und einer Wachstumsabschwächung in Europa geprägt ist, wird es für die ABB allerdings nicht einfach, diese Ziele zu erreichen.

Dennoch sollten wenigstens die strategischen Änderungen, die neue Konzernführung sowie die Aussicht auf das Kapital, das im Zuge des Verkaufs der Stromnetzsparte an die Aktionäre zurückfliessen wird, dem ABB-Aktienkurs in den nächsten Monaten Impulse geben.