Ist ein starker Franken Fluch oder Segen?

Was, wenn der Franken schwächelt? Exporteure profitieren, Konsumenten zahlen dafür mehr für Importe und Auslandreisen. Foto: Shutterstock

Wenn der Schweizer Franken abwertet, dann stelle ich fest, dass mein Vermögen steigt. Aus der «SonntagsZeitung» entnehme ich, dass bei einer Abwertung auch die Nationalbank gewinnt. Können Sie mich aufklären, ob kurz- und langfristig bei einer Abwertung auch unser beider Wohlstand oder gar unsere Lebensqualität zunimmt? J.L.

Wenn sich der Franken abschwächt und die wichtigsten Fremdwährungen wie Euro und Dollar an Wert gewinnen, profitieren jene Anleger, welche Fremdwährungspositionen im Depot halten. Sowie im grossen Stil die Schweizerische Nationalbank, die als Folge ihres Kampfes gegen den starken Franken auf hohen Milliardensummen in Fremdwährungen sitzt. Ihr Vermögen steigt, wobei es sich dabei nur um Buchgewinne handelt, die sich rasch wieder in Luft auflösen können.

Die Aufwertung der Währung für ein stark von Exporten und dem Tourismus abhängiges Land wie die Schweiz wird zu einem Problem, weil die Exporte ins Ausland teurer werden und Touristen aus dem Ausland mehr bezahlen müssen und so eher wegbleiben. Eine Abschwächung des Frankens wirkt sich positiv auf die Exporte und den Tourismus aus.

Ob die Auf- oder Abwertung positiv ist, hängt von der Perspektive der Betroffenen ab. Anders als für Exporteure ist die Abschwächung des Frankens für Schweizer Konsumenten ohne Auslandinvestments negativ: Sie bekommen für ihren Franken weniger importierte Güter oder müssen für ihre Reisen im Ausland mehr zahlen. Die Frankenstärke machte in der Vergangenheit die Importe aus dem Ausland hingegen deutlich billiger.

Direkt spürbar sind die Auf- oder Abwertung der Währung bei den Rohstoffen, welche wir vollumfänglich aus dem Ausland einführen müssen. Da die meisten Rohstoffe in US-Dollar gehandelt werden, müssen wir hierzulande dafür tiefer ins Portemonnaie greifen, wenn der Dollar gegenüber dem Franken mehr kostet.

Interessant ist die Frage nach der Wirkung von Währungsauf- und abwertungen im Kontext des internationalen Handelsstreites: Nachdem die USA hohe Strafzölle gegen China verhängt hat, gehe ich davon aus, dass China bemüht sein wird, den chinesischen Yuan weiter schwach zu halten oder sogar zu schwächen. Damit würden die Strafzölle wenigstens teilweise kompensiert. Doch auch US-Präsident Trump ist an einem eher schwachen Dollar interessiert, ansonsten werden die US-Produkte im Ausland teurer.

Aus der Perspektive eines Schweizer Anlegers, der sein Vermögen ausschliesslich oder weitgehend in Schweizer Franken hält, ergibt sich ein Dilemma: Einerseits profitiert er von einer Abschwächung des Frankens über steigende Aktienkurse von stark exportorientierten Börsenfirmen wie Nestlé, Novartis oder ABB. Anderseits nimmt bei einer Abschwächung des Frankens seine persönliche Kaufkraft gegenüber dem Ausland ab.

Persönlich ist mir lieber, wenn der Franken stark und die Inflation gering bleibt, da so der Wert des Vermögens eher erhalten bleibt. Von einer hohen Teuerung sind wir weiterhin entfernt. Beim Franken indes werden wir in nächster Zeit tendenziell eher stärkere Schwankungen erleben.

Das neuste Beispiel der Türkei-Krise und der enormen Abwertung der türkischen Lira zeigt, wie schnell die internationalen Anleger wieder in den sicheren Hafen des Schweizer Frankens fliehen und unsere Währung damit wieder stärker wird.

Für das Wachstum unserer Wirtschaft, die stark auf den Export ausgerichtet ist, wäre eine erneute deutliche Aufwertung des Frankens aber negativ. Ob ein starker oder ein schwacher Franken nun ein Segen oder ein Fluch ist, ist letztlich nur eine Frage der Perspektive und der eigenen wirtschaftlichen Interessen.