Italien: Sorglos in die nächste Krise

Nach mir die Sintflut: Der italienische EZB-Chef-Mario Draghi scheint die Lösung eines der heikelsten Probleme der EU seinem Nachfolger zu überlassen. Foto: Bloomberg

Die Griechenland-Krise ist vom Tisch und die politischen Wirren in Italien scheinen den Investoren plötzlich nicht mehr grosse Sorgen zu machen. Offenbar waren die Ängste vor der nächsten Eurokrise wegen Italien übertrieben. Was glauben Sie? Erleben wir gerade die Ruhe vor dem nächsten Sturm? A.V.

Ja. Ein guter Stimmungsindikator sind die Zinsen für italienische Staatsanleihen. Noch im Mai waren diese wegen der Ängste vor einer neuen Eurokrise um zwei Prozent gestiegen, inzwischen aber wieder deutlich gefallen.

Hauptargument für die Sorglosigkeit ist die Europäische Zentralbank, welche öffentlich versprochen hat, die Zinsen bis sicher im Sommer 2019 tief zu halten und die Märkte damit weiterhin mit spotbilligem Geld zu versorgen.

Trotz enormer Verschuldung besteht für Italien kein Druck, die Schulden zu reduzieren oder ernsthafte Reformen umzusetzen. Im Gegenteil: Die neue Regierungskoalition von Cinque Stelle und Lega Nord gibt munter Geld aus, das sie gar nicht besitzt, um ihre populistischen Wahlversprechen umsetzen zu können.

Politisch ist das aus Sicht der Regierungspolitiker gut nachvollziehbar, ökonomisch aber fatal. Doch seitens der EU kommt kaum ernsthafter Widerstand.

Über die Italienkrise hat sich eine sommerliche Ruhe gelegt – die Politiker in Italien und die EU-Funktionäre aus Brüssel haben sich in die Sommerferien verabschiedet, ohne dass das Italienproblem auch nur ansatzweise angegangen wurde.

Und ausgerechnet die italienischen Banken, welche bereits auf hohen Risiken sitzen, haben laut Statistik der EZB weiter im grossen Stil italienische Staatsanleihe erworben. Dies offensichtlich in der Überzeugung, dass die EZB Italien zu Hilfe eilt, wenn der weiter steigende Schuldenberg dann irgendwann zusammenbricht. Als Anleger sollte man das im Hinterkopf behalten.

Meines Erachtens bilden die Risikoprämien und Renditen der Staatsanleihen der meisten südeuropäischen Länder nicht wirklich die realen Gefahren ab. Für die Länder Südeuropas ist auch der Euro eigentlich viel zu teuer. Die Geldflut der EZB führt zu einer gefährlichen Marktverzerrung und lässt die Anleger im Irrglauben, dass alles gut kommt.

Nach mir die Sintflut, scheint sich EZB-Chef-Mario Draghi zu sagen, der Ende Oktober 2019 aus dem Amt scheidet. Der italienische Chef der Europäischen Zentralbank scheint dringend nötige und in Südeuropa unpopuläre Massnahmen für Italien hinauszuzögern und die Lösung eines der heikelsten Probleme der EU seinem Nachfolger zu überlassen.

Für die Finanzmärkte könnte sich diese Verzögerungstaktik negativ auswirken und über kurz oder lang durchaus zu einer neuen Eurokrise führen. Das wäre dann der Sturm nach der momentan sommerlichen Ruhe in Italien.

8 Kommentare zu «Italien: Sorglos in die nächste Krise»

  • Hans Hödli sagt:

    Italien schreibt im Gegensatz zur Griechenland keine Handelsdefizite und ist nur im Inland verschuldet. Draghi kann die Staatsbonds so viel er will auf seine Bilanz nehmen, genau gleich wie das die BOJ macht, welche die Hälfte der eigenen Staatschulden hält. Gehen die Banken pleite verlieren die italienischen Sparer, die sind aber ohnehin viel reicher als die deutschen Haushalte. Die faktische Vergemeinschaftung von Schulden ist im Euro schon längst Tatsache, also gibt es nicht die geringsten Probleme.

  • Thomas sagt:

    @hödli: Ist Ihr letzter Satz ironisch gemeint?

  • Pius Tschirky sagt:

    Sind Sie so sicher, Herr Spieler, dass Griechenland tatsächlich über den Berg ist? Die Staatschulden haben ja nicht etwas abgenommen.

  • TTek sagt:

    Fast jeder hat bezahltes Hauseigentum und wenig Schulden in Italien, während der Staat (im eigenem Land) hoch verschuldet ist. Mir macht die starke private Verschuldung hier in der Schweiz mehr Sorgen. Hoher Zins und fast alles kollabiert. Hier bekommen Leute günstig Kredit fürs bauen und haben nicht mal die Hälfte selber bezahlt. Ich habe schön gehört, dass man Kredite hier vergibt, mit einem fünftel eigenes Geld, Geld das vom Ausland kommt und hier parkiert wird. Das kann nicht wirklich aufgegeben in schlechter Zeit, die garantiert irgend einmal wieder kommt. Also empfehle ich vorsichtig mal vor dem eigener Türe zu kehren.

  • Heinz Dietsche sagt:

    Italien wird noch gross und stark

  • René Bolliger sagt:

    Oktober 2019 wird Draghi nicht reichen, um die Krise auszusitzen. Es wird vorher scheppern.

  • Dr. Teofilo Folengo sagt:

    TTek hat völlig recht. Spieler rezitiert naive Argumente, die schon mehrfach widerlegt wurden. Wenn die Zinsen niedrig sind, und sowieso in der eigenen Währung denominiert sind, tut die Regierung das richtige indem sie Schulden aufnimmt. Alles andere würde die Wirtschaft strangulieren.

  • Walter Meili sagt:

    Die EZB hat den Handlungsspielraum verloren. Sobald die Inflation ansteigt kann die EZB die Zinsen nicht anheben, da die Schulden nicht mehr bedient werden können. Also wird man die Schulden weginflationieren. Draghi ist nach 2019 nicht mehr im Amt. Die Nachfolger dürfen die Suppe auslöffeln.

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