Alles auf die Gewinner der Digitalisierung?

Bieten Chancen und Risiken zugleich: Die Gewinner der Digitalisierung und des elektronischen Handels wie Amazon, Alibaba und Co. Foto: Getty Images

Einen Drittel unseres Vermögens will ich komplett in Aktien investieren, die restlichen zwei Drittel bleiben als Bargeld erhaltenen. Ich nehme nie einen Aktienfond, welchen eine Bank vorschlägt, denn sie schlagen vor allem Angebote vor, bei denen sie am meisten Provision einstreichen. Und ich investiere nur in Branchen, in welchen ich Fachwissen mitbringe. Darum habe ich zum grossen Teil in Amazon sowie in Alibaba, Alphabet, Microsoft, Salesforce, Walt Disney, Netflix, Tencent und Baidu investiert. Übersehe ich dabei etwas? J.V.

Ihre Strategie finde ich spannend. Sie fokussieren sich voll auf Aktien aus der internationale Technologiebranche und die Gewinner der Digitalisierung und des elektronischen Handels.

Damit gehen Sie streng nach den Regeln der Portfoliotheorie ein grosses Klumpenrisiko ein, zumal Sie wichtige Anlageklassen wie Obligationen, Immobilien oder Rohstoffe bewusst weglassen.

Das Klumpenrisiko besteht gar doppelt: Einerseits durch den Fokus auf Aktien, anderseits auf nur einen Sektor. Wenn das Wachstum im E-Commerce wie in den letzten Jahren anhält oder sich noch akzentuiert, werden Sie dank dieser Fokussierung überdurchschnittlich profitieren und in der Lage sein, ihr Vermögen vielleicht sogar zu vermehrfachen.

Allerdings sind die Bewertungen der Techaktien meines Erachtens sehr hoch. Diese sind nur gerechtfertigt, wenn die Unternehmen weiterhin ein sehr hohes Wachstum generieren. Die Erwartungen der Märkte an die von Ihnen gehaltenen Unternehmen sind hoch – ebenso das Potential für Enttäuschungen. Sollten die Aktienmärkte, insbesondere im Techsegment, crashen, müssten Sie mit einschneidenden Rückschlägen rechnen. Ein weiteres Risiko besteht in den Fremdwährungen.

Eine Abfederung all dieser Risiken, welche in der Regel mittels breiter Diversifikation in konservative Anlageklassen wie Anleihen oder Immobilien zu erreichen versucht wird, ist bei Ihnen gemäss Schulbuch nicht genügend gegeben. Teilweise abgesichert haben Sie sich aber dadurch, dass Sie zwei Drittel Ihres Vermögens als Bargeld halten. Selbst bei einem Crash wäre ein Grossteil des Kapitals nicht gefährdet.

Der hohe Cashanteil hat allerdings zwei Nachteile: Erstens erzielen Sie damit angesichts der rekordtiefen Zinsen keine Rendite, was schade ist. Und zweitens setzen Sie sich möglicherweise dem Konkursrisiko bei der Bank aus. Im Rahmen des gesetzlichen Einlagenschutzes sind liquide Mittel im Konkursfall der Bank nur bis maximal 100’000 Franken je Kunde geschützt. Falls die liquiden Mittel mehr ausmachen, würde ich bei den Bankbeziehungen diversifizieren und damit das Risiko ausschliessen.

Sie können sich aber auch überlegen, ob Sie den Cashanteil reduzieren und wenigstens einen Teil sehr konservativ investieren möchten – mit dem Ziel damit wenigstens eine Minimalrendite zu erreichen, wobei für Sie die Rechnung nur aufgeht, wenn Sie die Gebühren mitberücksichtigen.

Auch wenn Ihre Strategie gegen die klassischen Schulbuchregeln der Anlage verstossen, sehe ich für Sie durchaus Erfolgschancen. Für Ihre gewählte Strategie spricht die Tatsache, dass Sie und Ihre Frau, wie Sie mir schreiben, auf das Geld nicht angewiesen sind und bewusst langfristig auf zehn Jahre oder mehr investieren.

Auch Ihre Fachkenntnisse aus dem Bereich E-Commerce helfen Ihnen, allfällige Marktveränderungen frühzeitig zu erkennen. Dies setzt voraus, dass Sie Ihre Anlagen jederzeit genau überwachen. Ihr Weg eignet sich sicher nicht für jedermann und jedefrau, sondern setzt über Ihr spezifisches berufliches Knowhow hinaus eine hohe Risikobereitschaft voraus, welches Sie mitbringen.

Wenn Sie sich bewusst sind, dass Sie auf den Aktienanlagen phasenweise sehr hohe Buchverluste einfahren können und eine Baisse auch mehrere Jahre hinweg andauern kann. Und wenn Sie über die nötigen Nerven verfügen, dass Sie dann nicht doch zum schlechtest möglichen Zeitpunkt einer Baisse alle Aktien abstossen. Dann sehe ich keinen Grund, warum Sie von Ihrem Weg abweichen sollten.

Es ist ein Weg mit Wagnis, aber auch ein Weg mit auf lange Sicht überdurchschnittlichen Renditechancen.     

3 Kommentare zu «Alles auf die Gewinner der Digitalisierung?»

  • Hans Ernst sagt:

    Das Problem dieses Investment ist: Es wird nur in die grössten Firmen investiert. Starkes Wachstum ist aber für sehr grosse Unternehmen viel schwieriger zu erreichen. Denn die Grössenordnungen des nötigen Wachstums sind extrem und werden deshalb kaum erreicht. In der Statistik kennt man ausserdem die Tendenz zur Mitte, die besagt, dass die heute als Beste identifizierten in Zukunft eher schlechter und die Schlechtesten eher besser abschneiden werden, das weil unter den Besten immer ein paar drin sind, die nur zufällig eine Bestleistung erbrachten. Wenn man diese besten IT-Unternehmen nimmt, wird auch manches davon eine Glücksstränge gehabt haben, die nicht mehr kommt, während man die Gewinner von morgen, die heute noch klein sind nicht erfasst, wenn man sich auf die Grossen konzentriert.

  • Hans Hödli sagt:

    Ist doch schön wenn man auf das Geld nicht angewiesen ist, dann kann man in Ruhe bis zum Exitus einschlafen, wie Herr Spieler sagt braucht es dafür lediglich starke Nerven.

  • Pius Tschirky sagt:

    Machte mir in der letzten Zeit auch Gedanken, ob man vielleicht Aktien der Deutschen Post kaufen sollte?

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