Wie Sie Risiken realistisch einschätzen

Konflikt Nordkorea und USA: Geopolitische Krisen können bei den Märkten zu Rückschlägen führen. Foto: Getty

Konflikt Nordkorea und USA: Geopolitische Krisen können bei den Märkten zu Rückschlägen führen. Foto: Getty

Bei meinem früheren Arbeitgeber unterhalte ich ein Konto mit 300’000 Franken. Leider wurde der Zinssatz von 0,75 auf nur noch 0,5 Prozent reduziert. Ich bin 73 Jahre alt und pensioniert. Ausser einer kleinen Hypothek habe ich keine Schulden. Im Februar 2016 liess ich mir beim VZ die Funktionsweise von ETFs erklären. Ich beabsichtigte, 100’000 Franken zu investieren. Bis heute habe ich aber davon abgesehen. Soll ich es heute noch wagen oder zuwarten? W.H.

Exchange Traded Funds (ETFs) sind Anlagevehikel, die an der Börse gehandelt werden. Sie sind für Sie als Privatanleger somit einfach zu kaufen und zu verkaufen. In der Regel sind ETFs an einen Index gekoppelt und bilden diesen vollständig oder weitgehend ab. Typische ETFs sind Fonds, die an den Swiss-Market-Index, den Dow-Jones-Index oder den DAX gebunden sind. Der grosse Vorteil dieser Produkte liegt darin, dass man mit geringen Kosten einen ganzen Markt abbilden kann und so auch als Privatinvestor eine breite Diversifikation nach Anlageklassen und Weltregionen erreicht.

ETFs gibt es nicht nur für die Anlageklasse Aktien, sondern auch für andere Segmente wie Rohstoffe oder Anleihen. Ein weiterer Pluspunkt dieser Instrumente liegt in den höheren Renditechancen: Wenn Sie etwa in einen ETF investieren, der an einen Aktienindex gekoppelt ist, haben Sie die Möglichkeit, eine deutlich höhere Rendite zu erzielen, als wenn Sie Ihr Geld einfach auf dem Konto liegen lassen. Allerdings gibt es diese Chance nicht gratis. Der Preis dafür ist das deutlich höhere Risiko. Sie müssen bei solchen Anlagevehikeln mit zum Teil erheblichen Kursschwankungen rechnen. Wenn sich ein Markt entgegen Ihrer Erwartung negativ entwickelt, schlägt dies direkt auf Ihren ETF durch, und Sie sitzen unter Umständen längere Zeit auf hohen Buchverlusten.

Dies muss man aushalten können. Sie müssen sich somit genau überlegen, ob Sie die nötige Risikofähigkeit und die Nerven haben, um mit stärkeren Kursschwankungen gut leben zu können. Gerade die Aktienmärkte, welche eine höhere Rendite versprechen, sind nach gut acht Jahren Hausse keineswegs mehr günstig bewertet. Es braucht wenig, und wir erleben eine heftige Korrektur. Geopolitische Krisen wie der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA können die Märkte verunsichern und Auslöser für eine Korrektur sein. Rückschläge sind jederzeit möglich.

Da Sie mir schreiben, dass Sie noch über eine Hypothek verfügen, frage ich mich, warum Sie nicht einfach die Hypothek amortisieren. Denn hier bezahlen Sie der Bank Zinsen, die Sie sich eigentlich sparen könnten. Für Sie geht die Rechnung nur auf, wenn Sie mehr Rendite erwirtschaften, als Sie Zins zahlen. Ohne höhere Risiken ist dies derzeit trotz tiefer Zinsen fast nicht möglich, da auch sehr sichere Obligationen kaum mehr vernünftige Renditen abwerfen. Selbst wenn Sie den Steuereffekt des Schuldzinsabzugs mitberücksichtigen, dürften Sie mit einer Amortisation der Hypothek bei vergleichbaren Risiken wohl besser fahren.

Mit steigendem Alter würde ich tendenziell eher weniger Risiken eingehen, da Sie zwangsläufig einen kürzeren Anlagehorizont haben als ein junger Mensch. Sie können eine Baisse nicht gleich locker aussitzen wie ein Junger. Vor diesem Hintergrund finde ich Ihre Anlage bei Ihrem früheren Arbeitgeber – sofern dieser auf einer soliden Grundlage steht – keine schlechte Lösung. Auch wenn der Zins auf 0,5 Prozent reduziert wurde, ist dies immer noch deutlich mehr, als Sie sonst auf dem Konto bei einer Bank oder mit einer Bundesobligation erhalten. Gleichzeitig sind Sie aber keinen Schwankungsrisiken ausgesetzt.

Abgesehen von der Hypothekenamortisation, würde ich höchstens einen kleinen Teil in ETFs auf einen Aktienindex investieren – sozusagen als Spielgeld, mit dem Sie eine deutlich höhere Rendite anstreben, aber auch gut damit leben können, falls es zu einem heftigen Taucher kommt.

1 Kommentar zu «Wie Sie Risiken realistisch einschätzen»

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