Der Brexit-Entscheid ist wie ein Damokles-Schwert

Am 23. Juni stimmt Grossbritannien über den Verbleib in der Europäischen Union ab: Im Fall eines Austritts dürfte Londons Wirtschaft leiden. Foto: Keystone

Am 23. Juni stimmt Grossbritannien über den Verbleib in der Europäischen Union ab: Im Fall eines Austritts dürfte Londons Wirtschaft leiden. Foto: Keystone

Würden Sie Kunstwerke in London versteigern? Die Auktionsfirma behauptet, die aus der ganzen Welt kommenden Käufer würden angesichts des tief bewerteten Pfunds mehr bieten. Mein Gedanke: Bei einer Ablehnung des Brexit-Referendums würde sich die britische Devise erholen und das Ergebnis in Franken wäre höher. C. K.

Wenn die Briten einem Austritt von Grossbritannien aus der EU zustimmen würden, hätte dies gravierende Auswirkungen auf das britische Pfund und auf die Wirtschaft im Lande. Meines Erachtens müsste mit einer weiteren Abschwächung des Pfunds gerechnet werden, da die Konjunktur in Grossbritannien mit grosser Wahrscheinlichkeit leiden könnte, das Wachstum abnehmen und der Finanzplatz London an Attraktivität und Bedeutung verlieren könnte.

Generell würde die Unsicherheit stark zunehmen. All dies spricht für eine Schwächung der britischen Währung. Sollten die Briten indes einen Austritt ablehnen, rechne ich ebenso wie Sie mit einer Erholung des Pfunds. Denn damit würde die schon länger anhaltende Unsicherheit, welche das Pfund bremst, wegfallen.

Ob Käufer aus aller Welt wegen des Brexit bereit sind, mehr für Kunstwerke zu zahlen, wie dies offenbar Ihre Auktionsfirma behauptet, kann ich nicht beurteilen. Meines Erachtens sind der Währungsaspekt und die konjunkturellen Folgen rund um das Brexit-Referendum relevanter als die erwähnten Preisaspekte.

Persönlich rechne ich damit, dass die Briten nach Abwägung aller wirtschaftlichen Konsequenzen schliesslich einen Austritt des Landes aus der EU ablehnen, weil sie trotz beträchtlichen Vorbehalten gegenüber der EU die ökonomischen Risiken für sich selbst als zu hoch einstufen.

 

Schlechterer Zins und längerer Vertrag

In den letzten eineinhalb Jahren hatte ich bei der UBS einen Hypothekarkredit im 1. Rang, auf jedes Quartal kündbar, zu einem 3-monatigen Libor-Zinssatz von 0,56 Prozent. Von meiner Seite hat sich nichts geändert. Nun offeriert sie mir 0,8 Prozent mit einem neuen Rahmenvertrag über 3 Jahre. Wie stufen Sie als neutraler Experte das Angebot der UBS im momentanen Zinsumfeld ein? A. W.

In der Vergangenheit hatten Sie sehr attraktive Konditionen. Mit diesem Zins lag die UBS in Ihrem Fall tiefer als viele Konkurrenten. Das neue Angebot bewegt sich in Richtung Durchschnitt, ist aber dennoch nicht schlecht. Wenn Sie Gegenofferten bei Konkurrenzbanken einholen, dürften Sie wohl noch tiefere Konditionen erreichen. Vielleicht käme Ihnen auch die UBS dann nochmals etwas entgegen, wenn sie merkt, dass Sie ein Konkurrenzangebot haben.

Sehr viel allerdings kaum, denn ich beobachte schon seit einiger Zeit, dass die Banken ihre Hypothekarmargen auszuweiten versuchen. Dazu kommt, dass die Hypothekarkredite für die Banken selbst etwas teurer geworden sind, da sie gemäss neuen gesetzlichen Vorschriften die Hypotheken mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen. Doch Eigenkapital ist teuer. Daher führt das dazu, dass die Institute ihre Margen vergrössern.

Denn der Zins, den Sie bei einer Liborhypothek der Bank zahlen, entspricht praktisch voll der Marge, da der Liborzins null ist oder sich sogar im Minus bewegt. Noch wichtiger als die reine Zinshöhe ist meines Erachtens der Rahmenvertrag über drei Jahre. Faktisch bedeutet dies, dass Sie mindestens drei Jahre an die Bank gebunden sind. Sie haben also nicht mehr die gleiche Flexibilität wie früher.

Immer mehr Banken bieten Liborhypotheken nur noch im Rahmen von solchen mehrjährigen Rahmenverträgen an. Damit wollen Sie verhindern, dass die Kunden bei attraktiveren Konditionen der Konkurrenz schneller wechseln. Zudem ist für die Bank dank solcher Verträge das Geschäft besser voraussehbar. Für Sie aber ist es ein Nachteil. Sprechen Sie doch nochmals mit Ihrer Bank, ob Sie nicht einen kürzeren Rahmenvertrag abschliessen können.

 

Sparer und Versicherte werden enteignet

Mit dem Sparbatzen auf dem Bankbüchlein kann heute kein Geld verdient werden. Heute verliert der Sparer. Der Vergleich mit der Teuerung ist zweifelhaft und jedes Jahr anders. Pro 100’000 Franken mehr auf dem Sparbüchlein müssen über 400 Franken an Vermögenssteuern abgeliefert werden. Was denken Sie dazu? F. S.

Wenn man nur schon die Gebühren berücksichtigt, verliert man auf seinem Sparkonto bei vielen Instituten faktisch Geld. Noch schlechter sieht die Bilanz aus, wenn man zusätzlich, wie Sie richtig darauf hinweisen, auch noch den Steuereffekt miteinbezieht: Dann wird der Sparbatzen zum Negativgeschäft.

Persönlich halte ich die Negativzinsen wie sie derzeit die Schweizerische Nationalbank und eine Reihe weiterer Notenbanken umsetzen, für sehr problematisch. Das Ziel dieser einschneidenden Massnahme ist, den Franken gegenüber dem Euro weniger attraktiv zu machen, da auch die Europäische Zentralbanken Negativzinsen eingeführt hatte. Die SNB will verhindern, dass der Franken nicht noch stärker wird und die Schweizer Exportwirtschaft sowie der Tourismus noch mehr Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen. Das ist durchaus nachvollziehbar.

Die Kehrseite der Medaille, die oft nicht oder zu wenig beleuchtet wird, ist allerdings die Tatsache, dass durch die Negativ- und Niedrigstzinsen die Sparer und Versicherten faktisch Schritt um Schritt enteignet werden, indem sie mit ihrem Sparbatzen Geld verlieren. Fatal ist die Entwicklung im Vorsorgesystem. Wegen der rekordtiefen Zinsen müssen die Versicherten wesentlich mehr Geld ansparen, damit sie später nach der Pensionierung eine Rente erreichen, welche ihren Lebensunterhalt deckt. Der Zuschuss seitens des Kapitalmarktes fällt immer geringer aus, was zu gewaltigen Lücken im Vorsorgesystem führt.

Teilweise versuchen Sparer und Versicherte, diese durch die Tiefzinsen verursachten Lücken zu kompensieren, indem sie ihr Kapital in besser rentierende Anlagen investieren, die allerdings deutlich höhere Rückschlaggefahren beinhalten. Hier baut sich ein erhebliches Risiko auf. Sollte es dann zu einem Crash auf breiter Front kommen, sind auch Vorsorgegelder stärker betroffen als bei früheren Verwerfungen.

Wer im Alter seinen bisherigen Lebensstandard nur annähernd halten möchte, muss aufgrund der tiefen Renditen, welche mit konservativen Anlagen zu erreichen sind, deutlich mehr und länger sparen. Dies bedeutet aber auch, dass dieses Geld nicht in den Konsum gelangt. Wenn eine breite Schicht von Leuten mehr sparen muss, dürfte sich dies über kurz oder lang auf den Konsum auswirken.

Damit verpufft einmal mehr die angestrebte Wirkung der tiefen Zinsen: Denn eigentlich wollen die internationalen Notenbanken mit den tiefen Zinsen die Wirtschaft ankurbeln. Bis jetzt jedenfalls ist genau dies in Europa und Japan erwiesenermassen nicht gelungen, obwohl die Sparer und Versicherten erhebliche Nachteile wegen dieser fragwürdigen Geldpolitik der Negativzinsen in Kauf nehmen müssen.