Amortisieren statt spekulieren

Wer eine hohe Hypothek hat, sollte nicht an der Börse anlegen, sondern die Schuld teilamortisieren oder seine Altersvorsorge stärken.

Langfristige Tragbarkeit: Wer sein Haus auch nach der Pensionierung behalten möchte, sollte vorsorgen. Foto: Getty Images

Da ein Teil unserer Hypothek im Sommer 2021 ausläuft und wir über die letzten Jahre wieder etwas sparen konnten, überlegen wir uns, was wir mit unserem Geld machen sollen. Unser Haus ist hoch belastet und wir möchten dieses Haus bei der Pensionierung behalten. Jetzt wissen wir aber nicht, was wir mit unserem Vermögen machen sollen. Die Hypothek amortisieren, in unsere Pensionskassen einzahlen oder das Geld an der Börse investieren? Unsere Bank rät uns dazu, wir sind jedoch skeptisch. R.S.

Ihren ergänzenden Angaben entnehme ich, dass Sie und Ihre Partnerin ein hohes Einkommen erzielen und einiges an liquiden Mitteln, die derzeit brachliegen, auf der hohen Kante haben. Die hohe Hypothek auf Ihrem Haus können Sie dank Ihrer Einkommenssituation und den rekordtiefen Zinsen problemlos tragen. Sie hätten also durchaus Spielraum, um das Kapital an der Börse zu investieren, wie es Ihnen Ihre Bank empfiehlt.

Dennoch verstehe ich Ihre Skepsis – nicht nur, weil es an den Finanzmärkten im Zuge der Coronakrise zu erheblichen Turbulenzen kam. Im Gegenteil: Die Korrekturen an den Aktienmärkten bieten Ihnen sogar die Chance, bei einigen Titeln zu etwas tieferen Preisen auf den Börsenzug aufzuspringen. Für ein Investment spricht auch Ihr Anlagehorizont. Immerhin haben Sie noch über zehn Jahre bis zu Ihrer Pensionierung.

Trotzdem würde ich in Ihrer Situation die liquiden Mittel nicht an der Börse anlegen, sondern das Geld für eine Teilamortisation Ihrer Hypothek nutzen. Momentan geht es Ihnen gut und ich hoffe, dass dies auch so bleibt. Doch kann sich die berufliche Situation auch mal unerwartet verändern. Dann sitzen Sie auf einer hohen Hypothek, die dann vielleicht trotz tiefer Zinsen zu einer erheblichen Belastung wird.

Wenn Sie die Hypothek behalten und auch noch das Geld bei der Bank anlegen, verdient diese doppelt.

Für eine Teilamortisation der Hypothek spricht auch, dass Sie Ihr Haus auch nach einer späteren Pensionierung behalten möchten. Dann wäre die Hypothek wohl zu hoch. Auch könnten die Immobilienbewertungen wieder mal sinken. Dazu kommt, dass die Hypozinsen zwar tief sind, aber Sie müssen der Bank dennoch Zinsen abliefern, die höher sind als eine sehr konservative Anlage in Schweizerfranken.

Mit Aktien könnten Sie im positiven Fall zwar mehr Rendite erzielen als Sie der Bank Zinsen für die Hypothek zahlen. Sie tragen aber zwingend ein erhöhtes Anlagerisiko. Wenn Sie berücksichtigen, dass Sie bei der Bank eine hohe Schuld haben, würden Sie faktisch doch mit Fremdkapital spekulieren, was ich nicht tun würde.

Die Bank hat ökonomisch ein anderes Interesse: Wenn Sie die Hypothek behalten und auch noch das Geld bei ihr anlegen, verdient sie doppelt. Bei einer Teilamortisation hat sie weniger Zinseinahmen und keine Gebühreneinnahmen aus den Anlagen.

In Ihrer Situation würde ich einerseits die Hypothek teilamortisieren, anderseits prüfen, ob weitere freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse sinnvoll wären und zusätzlich die Säule 3a, die Sie und Ihre Partnerin bereits haben, voll ausschöpfen. Mit den Einzahlungen in die 2. und die 3. Säule können Sie Ihre Steuerbelastung, die angesichts Ihrer komfortablen Einkommenssituation stattlich sein dürfte, reduzieren – da Sie diese von den Steuern in Abzug bringen können. Darüber hinaus stärken Sie Ihre Altersvorsorge. Sie würden so die Hypothek zusätzlich indirekt teilamortisieren.

Unbedingt kompensieren würde ich den Vorbezug für Wohneigentumsförderung aus der Pensionskasse Ihrer Partnerin. Durch die Rückzahlung werden in der Regel die Risikoleistungen wieder angehoben. Zudem werden die Steuern, welche bei der Auszahlung erhoben wurden, wieder zurückerstattet. Vor allem würden Sie die Alters- und Risikovorsorge für Ihre Partnerin wieder erhöhen, was ich besonders wichtig finde, da Sie nicht verheiratet sind.

Vor diesem Hintergrund rate ich Ihnen, die gesamte Risikoabdeckung und Erbsituation genauer zu prüfen und allenfalls die gegenseitige Risikovorsorge zu optimieren, zumal die hohe Hypothek im Todesfall für den überlebenden Partner unter Umständen zum gravierendes Problem werden könnte.