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Die Pfnüselküste ist jetzt fast gleich teuer wie die Goldküste

Von Iwan Städler, 12. September 2015 10 Kommentare »
In Kilchberg und Zollikon zahlt man die höchsten Mieten des Kantons Zürich. Besonders stark gestiegen sind sie am linken Seeufer, wie unsere animierte Grafik zeigt. Es gibt aber immer noch günstige Orte.
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Wer in Kilchberg eine Wohnung sucht, muss mit einer happigen Miete rechnen – einer noch höheren als in der Stadt Zürich. 2840 Franken werden hier laut dem Immobilienberatungsbüro Wüest & Partner für eine mittlere Vierzimmerwohnung mit 110 Quadratmetern fällig. Ohne Nebenkosten. Damit ist Kilchberg die teuerste Gemeinde im Kanton Zürich – zusammen mit Zollikon, wo die Mieten genau gleich teuer sind. Dahinter folgen die Stadt Zürich, Küsnacht und Rüschlikon.

Iwan Sommerserie Teil 2 Maturitätsquoten Zürcher Gemeinden

 

Zur Jahrtausendwende war dies noch anders. Damals rangierten ausschliesslich Goldküstengemeinden auf den teuersten vier Plätzen (Küsnacht, Herrliberg, Erlenbach und Zollikon). Inzwischen sind die Mieten auch an der Pfnüselküste auf Spitzenwerte geklettert.

«Die Nachfrager haben das linke Seeufer entdeckt», weiss Patrick Schnorf, Immobilienexperte bei Wüest & Partner. Zwar geniesst die Pfnüselküste weniger direkte Sonneneinstrahlung als die gegenüberliegende Goldküste. Aber sie ist mit der Autobahn und per Zug besser erschlossen. «Von dort ist man schneller in den Skigebieten und in den Voralpen», sagt Schnorf. Das werde immer wichtiger. Denn die Freizeitgestaltung habe in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass zunehmend Teilzeit gearbeitet wird.

Hier sehen Sie die Entwicklung der Mietpreise seit dem Jahr 2000, wobei die Höhe in Form von Bergen dargestellt wird:

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Warum aber muss man in Kilchberg und Zollikon mit noch höheren Mieten rechnen als in Zürich? Zum einen verlangen diese Gemeinden deutlich weniger Steuern als die Stadt. Zum andern liegen sie ebenfalls zentrumsnah. Sowohl Kilchberg als auch Zollikon grenzen direkt an Zürich. Das zieht zahlungskräftige Leute an und treibt die Mieten hoch. Derart hoch, dass es Einheimische hier schwer haben, wenn sie in ihrer Gemeinde eine Wohnung suchen.

Stattdessen sind Ex-Pats zugezogen, deren Mieten oft die Arbeitgeber übernehmen. «Da ist zum Teil übertrieben worden», sagt Schnorf. Unterdessen hätten die Firmen aber korrigiert. Heute würden sie ihre internationalen Mitarbeiter nicht mehr so stark unterstützen, was Vermieter von enorm teuren Wohnungen an der Goldküste zu spüren bekämen.

Viele leere Wohnungen in Herrliberg

Kommt hinzu, dass viele Gutverdiener angesichts der tiefen Zinsen lieber ein Eigenheim kaufen statt eine Wohnung mieten. Das dämpft die Nachfrage nach Mietwohnungen. Gleichzeitig steigt das Angebot, weil in etlichen Goldküsten-Gemeinden grosszügig gebaut worden ist. «In Herrliberg wird heute für jede zehnte Wohnung ein Mieter gesucht», weiss Immobilienexperte Schnorf. Dies drückt natürlich die Mietpreise. Günstig sind sie deswegen aber noch lange nicht. In Herrliberg muss man für eine mittlere Vierzimmerwohnung immer noch mit monatlich 2500 Franken rechnen.

Anders in Volken, Benken, Truttikon und Berg am Irchel: In diesen vier Gemeinden – den günstigsten des Kantons Zürich – zahlt man weniger als 1600 Franken. Sie liegen alle im Weinland, was kein Zufall ist. Schnorf spricht von einem «Erreichbarkeits-Handicap»: Je weiter die Mieter zu ihrem Arbeitsplatz pendeln müssen, desto weniger attraktiv ist für sie eine Wohnung. Und da die Arbeitsplätze vieler in Zürich sind, ist die Distanz dorthin entscheidend.

Geringer Anstieg im Unterland

In der Stadt selbst sind die Mieten seit der Jahrtausendwende um 65 Prozent gestiegen. Auch in Horgen, Andelfingen, Mönchaltorf, Flurlingen, Rheinau und Wald haben sie sich um mehr als 60 Prozent erhöht. Verglichen wurden jeweils die Mieten jener Wohnungen, die auf dem freien Markt angeboten werden. Handelt es sich dabei gegenwärtig vor allem Neubauten, ist in der Regel der Ausbaustandard höher, wodurch der ausgewiesene mittlere Preis entsprechend höher ausfallen kann.

Balkengrafik Autorate

In etlichen Unterländer Gemeinden stagnieren dagegen die Mietpreise. Am stärksten ist dies in Niederwenigen und Neerach zu beobachten, wo die Mieten seit dem Jahr 2000 um weniger als zehn Prozent gestiegen sind. Den Grund dafür sieht Schnorf auch hier in der Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr. Diese sei im Unterland weniger gut als anderswo im Kanton Zürich, was die Nachfrage nach Wohnungen dämpfe. «Im Oberland hat der Ausbau der S-Bahn zu deutlich mehr Dynamik geführt», so der Immobilienexperte von Wüest & Partner.

Weil die Nachfrage nach Wohnungen in der Stadt Zürich nicht mehr befriedigt werden kann, verlagert sie sich zunehmend in die Agglomeration. Mit dem Resultat, dass die Mieten dort ebenfalls in die Höhe getrieben werden. Dagegen hilft laut Schnorf vor allem eines: höher bauen. Dieses Potenzial werde in Zürich aber zu wenig genutzt. Der Immobilienexperte hält daher die hohen Zürcher Mietpreise im Wesentlichen für «hausgemacht».

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Serie Mietpreislandschaft

Wo zahlt man die höchsten Mieten? Wie stark sind sie in den letzten Jahren gestiegen? Und welche Folgen hat dies für den Wohnungsmarkt? Die Serie präsentiert Antworten und Grafiken.

Bisher erschienen:

 

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10 Kommentare zu “Die Pfnüselküste ist jetzt fast gleich teuer wie die Goldküste”

  1. Monique Ray sagt:

    Woher kommt der Begriff “Pfnüselküste” ?

  2. Alexander Romero sagt:

    Da merkt man die Mechanismen einer falschen unkoordinierte Siedlungs, Raum und Verkehrsplanung. Die Sünde hierfür ist die Anpassung der Verkehrsinfrastruktur für einen dezentralisierten expandierenden Siedlungswachstum. Mit dem befeuerten Landfrass profitierten Stadt und Land. Die Stadt wurde vom Siedlungsdruck befreit und konnte sich aufwerten. Auf dem Land freute man sich über den Wachstum. Nötig wäre die Beschränkung oder gar ein Rückzonen der Bauzonen in der ländlichen Agglo. So soll das Wohnen auf dem Land unerschwinglich gemacht werden. Durch Verdichtung der Stadt statt Aufwertung, durch Sistierung des Pendlerpauschale bei den Steuern, Sistierung von Verkehrsinfrastrukturausbau oder Vernachlässigen von Schnellverbindungen für über 20km, soll das Zusammenrücken gefördert und so das Wohnen in der Stadt erschwinglicher wie attraktiver gemacht werden.

    • Martin Richter sagt:

      Das Problem sind vor allem die Städte. Sie wollen zwar unkontrollierte Zuwanderung, aber einen Wohnplatz für die benötigten Fachkräfte mag man nicht zu Verfügung stellen. Z.B. Stadt Zürich wehrt sich mit Händen und Füssen gegen verdichtetes Bauen. Täglich Pendeln über 400’000 Menschen in die Stadt Zürich. Die Städte müsste man in die Pflicht nehmen, d.h. im Innerstädtischen Bereich Bauzonen mit mindestens 10 Stockwerken vorsehen, Mietpreise senken und Infrastruktur in der Stadt ausbauen (Schulen, ÖV, Spitäler, etc.). Durch den Mietpreiszerfall der Stadt würden sich das Problem der Zersiedlung ohne weiteres von selbst lösen. Die Leute “flüchten” aufs Land, da dort die Mieten noch einigermassen Zahlbar sind. Allerdings steigen sie auch dort Jahr für Jahr und die Bevölkerung muss weiter in die ländlichen Gegenden umziehen. Also nicht das Land muss teurerer werden, sondern die Stadt muss billiger werden und bereit sein zu wachsen wollen.

  3. […] In Kilchberg und Zollikon zahlt man die höchsten Mieten des Kantons. Besonders stark gestiegen sind sie am linken Seeufer. Wo ist es immer noch günstig? – —> Go to a original Source […]

  4. helbling sagt:

    interessant wäre die Karte wenn ein Filter zwischen privater und gemeinnütziger Mietwohnungen schaltbar wäre. Zürich als Gemeinde ist jetzt einfach rot. Schade geht diese Karte nicht mehr ins Detail. Daten sind doch inzwischen so einfach zu erheben…

  5. Flo sagt:

    nicht nur in Kilchberg sind die Mieten exorbitant – nein am ganzen linken Zürichseeufer sind die Mieten enorm angestiegen. Wenn man noch das Glück hat in einer noch preisgünstigen Wohnung zu wohnen droht einem eine baldige bevorstehende Luxussanierung mit nacher enorm erhöhten Mietzinsen. Von Seiten der Gemeinde gibt es keinerlei Gegensteuer. Wohnung z.b. für nicht ganz so betuchte ältere Menschen sind absolute Mangelwar und nicht passiert in dieser Richtung von Seiten der Gemeinden/Politik. Obwohl, bekannter Massen, die Anzahl der älteren Menschen kontinuierlich ansteigt.
    Es gibt Gemeinenden am linken Ufer, früher mal hauptsächlich mit Fabrikarbeitern – Menschen die heute noch dort leben (möchten).

  6. Marcel Zufferey sagt:

    Was in Horgen derzeit passiert, kann eigentlich niemand mehr richtig nachvollziehen. Da sind die Preise förmlich explodiert, und zwar überproportional im Vergleich zu den steuergünstigen Nachbargemeinden Thalwil und Kilchberg oder jenen in den beiden schwyzer Bezirken March und Höfe. Passend dazu am See unten auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik finden wir seit Ewigkeiten leer stehende Luxuswohnungen aus dem obersten Preissegment, die niemand kaufen will… ein ähnliches Bild bietet sich in Wädenswil, ebenfalls am See, etwas ausserhalb: Luxus, wohin das Auge blickt. Nur kaufen will das niemand.

  7. Alex Bloch sagt:

    Die Explosion der Preise für Wohnraum, der Verkehrsinfrastrukturkosten, Überbelastung der Sozialwesen, etc. haben eine gemeinsame Ursache: immer mehr Menschen auf einem kleinen Raum. Das Schweizer Volk hat entschieden, dass es diesen Weg nicht mehr gehen will. Wann kommt endlich die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitive?

    • Marcus Ballmer sagt:

      Die Umsetzung kommt 2017. Stand im Initiativtext und wurde bis heute Hunderttausendfach verbreitet. Sagen Sie bloss, das sei an Ihnen vorübergegangen. Oder war Sie auch einer von denen, der gar nicht wusste, worüber abgestimmt wurde? Ob die Umsetzung überhaupt kommt, steht zudem in den Sternen, siehe RASA. Und wenn Sie der Hoffnung sind, Wohnraum, Verkehr und Sozialwesen würden durch die MEI entlastet, werden Sie bitter in enttäuscht werden. Erstens, weil ein Grossteil der Probleme hausgemacht sind und zweitens, weil die SVP schon dafür sorgen wird, dass die Umsetzung bis zur Wirkungslosigkeit durchlöchert wird. Sonst könnten sie dieses Thema ja gar nicht mehr bewirtschaften…

      • Flo sagt:

        Oder war Sie auch einer von denen, der gar nicht wusste, worüber abgestimmt wurde?
        Ich denke ein bisschen Vorsicht mit solchen Unterstellungen ist schon angebracht. Ich sage nur RASA
        Natürlich ist 2017 das bewwusste Datum ; a b e r haben sie das Gefühlö, dqss es dann 2017 Knall und Fall umgesetzt werden kann oder will? Heute schon etwas Steuer geben würde dem Umsetzungswillen des Bundesrates ein bisschen glaubwürdigkeit verleihen.