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Die dreckigsten Orte der Schweiz

Von DB, 5. Juli 2015 Kommentarfunktion geschlossen
Tonnenweise krebserregende Stoffe im Wohnquartier: Eine von der Öffentlichkeit bislang nicht beachtete Datenbank entlarvt Betriebe, die gefährliche Schadstoffe in die Umwelt leiten.

Von Martin Stoll, «SonntagsZeitung»

Das Swiss Pollutant Release and Transfer Register (kurz: SwissPRTR) hat ein edles Ziel: Es will Transparenz über Schadstoff-Emittenten herstellen und die «Ökoeffizienz» bei den Betrieben fördern. Seit 2007 sind diese verpflichtet, den Ausstoss von 86 Problemsubstanzen zu melden. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) stellt diese Daten ins Netz. Zu dieser aktiven Information über Umweltdaten ist das Amt auch gemäss der Aarhus-Konvention verpflichtet, welche die Schweiz 2014 ratifiziert hat.

Das Schadstoffregister blieb von der Öffentlichkeit bis heute unbeachtet – obwohl sich darin auch die Emittenten von hochgiftigen und krebserregenden Substanzen finden lassen.

Erstmals wertet «SonntagsZeitung»/Datenblog nun die 10’120 Angaben zum Schadstoffausstoss aus, welche Firmen, Kehrichtverbrennungen oder Kläranlagen den kantonalen Umweltschutzämtern gemeldet haben. Die Dreck-Hotspots befinden sich in den bekannten Industriestandorten, aber auch in Wohnquartieren und der Provinz.

Schweizerhalle gehört zu den Orten mit der landesweit höchsten Schadstoffbelastung und zu den dreckigsten Flecken der Schweiz. Über 100’000 Tonnen Substanzen, die den Menschen oder die Umwelt schädigen, leiteten Industriebetriebe hier zwischen 2007 und 2013 ins Wasser und in die Luft. Schweizweit belasteten Industriebetriebe die Umwelt in dieser Zeit mit 636’842 Tonnen Schadstoffen – Industrieabfall und Treibhausgas nicht mitgerechnet.

Schmutzigste Orte CH Schmutzigste Orte CH

Gewiss ist die Schweiz heute nicht mehr so schmutzig wie in den 1970er-Jahren, als Giftmüll in Steinbrüchen und über Grundwassergebiet verbuddelt wurde, als die Fabrikschlote schwarzen Rauch ausstiessen. Doch die Dreckschleudern, die überdurchschnittlich viel Schadstoff ausstossen, gibt es noch immer.

Zu den grössten industriellen Schadstoffemittenten im Land gehört die Zementindustrie. Allein Holcim pumpte mit seinen Werken in der Deutsch- und Westschweiz zwischen 2007 und 2013 total 11,4 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft. Die grössten Klimaschädiger sind laut der Bafu-Datenbank die Holcim-Werke in Würenlingen AG und im ehemaligen Bauerndorf Untervaz GR. «Wir haben in den letzten zwanzig Jahren über 150 Millionen in die Optimierung unserer Werke gesteckt», sagt Georges Spicher, Direktor von Cemsuisse, dem Verband der Zementindustrie. Ohne diese Anstrengungen , wehrt er sich, hätte die Schweiz die Vorgaben des Kyoto-Klimaabkommens nie einhalten können.

Doch die Fabriken stossen nicht nur Klimagift aus, sondern auch krebserregende Stoffe – oft tonnenweise. Zum Beispiel die Chemiefabrik Axalta Polymer Powders in Bulle FR. Die Firma, eingequetscht zwischen Wohnquartieren, gab zwischen 2007 und 2013 gesamthaft 130 Tonnen Trichlor­ethen in die Luft ab. Das Lösungsmittel ist gefährlich: Es wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die höchste Gruppe der krebserregend Stoffe eingeteilt. In der EU soll Trichlorethen durch andere Produkte ersetzt werden.

App zur Schadstoffdatenbank

Studierende der Universität Bern haben im Rahmen der Open-Data-Vorlesung aus Behördendaten zahlreiche Applikationen entwickelt. Die App zur Schadstoffdatenbank von Martin Vogel und Janik Endtner ist von einer Fachjury zum Sieger erklärt worden. Auf der App werden die einzelnen Schadstoffgruppen und die ausgestossenen Schadstoffmengen auf einer Schweizer Karte dargestellt. In einem Diagramm ist der Ausstoss der einzelnen Firmen über die Jahre wiedergegeben. So lässt sich bewerten, ob sich eine Firma seit 2007 verbessert oder verschlechtert hat. Eine Weiterentwicklung dieser Applikation wird in die Bafu-Seite eingebaut werden. In ihrer vorläufigen Anwendung stellen die Studenten auch die Rohdaten im Excel-Format zur Verfügung.

Auch in der Schweiz sind die Behörden verpflichtet, den Ausstoss krebserregender Stoffe möglichst tief zu halten. In Freiburg beschäftigt sich das Amt für Umwelt denn auch seit 1988 mit dem Problembetrieb. Zuerst verlangte es eine Abluftreinigung, damit die Grenzwerte eingehalten werden – und stellte später fest, dass der schädliche Stoff über andere Wege noch immer in die Umwelt gelangt. Bis heute gelang es nicht, die Verschmutzung aus der Welt zu schaffen. «Leider konnte bisher keine befriedigende Alternative zum bisherigen Herstellungsverfahren gefunden werden», schreibt das kantonale Umweltamt.

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Ähnlich vertrackt ist die Situation im Wallis. Das Chemiewerk der Lonza in Visp steht wegen Quecksilberablagerungen in der Kritik von Umweltorganisationen – Altlasten, die sich bis 1973 in einem Industriekanal anhäuften. Die Datenbank des Bundes enthüllt aber auch, dass Lonza noch heute tonnenweise Stoffe in ihre Abluft leitet, die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen. Das Walliser Chemiewerk hat zwischen 2007 und 2013 rund 134 Tonnen Dichlormethan in die Umwelt abgegeben. «Bei Unterhaltsarbeiten oder Störungen müssen die Zufuhrleitungen entspannt werden, was zu Emissionen führt», schreibt Lonza. Weil die Walliser Umweltbehörden an mehreren Anlagen Mängel feststellten, muss Lonza diese bis 2017 sanieren.

Auch hier wird sich der Aus­stoss der Problemstoffe bestenfalls verringern lassen. Ausschalten lässt er sich nicht – oder nur wenn der Stecker gezogen wird.

Diese Radikalmassnahme haben in der Schweiz ansässige Konzerne in den letzten Jahren wiederholt ergriffen. Unter anderen hat Clariant seine «umweltintensive» Textilfarbstoffproduktion von Schweizerhalle nach Asien verlegt. Die Auslagerung von Problemproduktionen in Länder mit einer schwachen Umweltregulierung ist für Nino Künzli, den Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Luft­hygiene, kein gangbarer Weg. In der Schweiz konsumierte Güter müssten auch nach den strengen Schweizer Umweltregeln produziert werden: «Alles andere», sagt er, «ist ein moralischer Skandal.»