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Briten wohnen im Seefeld, Portugiesen in der Hard

Von Iwan Städler, 11. März 2015 Kommentarfunktion geschlossen
In der Stadt Zürich leben Einwanderer aus 169 Ländern. In welche Quartiere ziehen sie?

Fast ein Drittel aller Einwohner der Stadt Zürich haben keinen Schweizer Pass – dafür einen deutschen, italienischen oder einen der 167 weiteren Nationen, die hier vertreten sind. Wer sind diese Menschen und wo wohnen sie?

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass der Ausländeranteil seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark gestiegen ist – von 7 auf 32 Prozent. In den dreissig Jahren zuvor ist er allerdings noch stärker gesunken. Lebten doch kurz vor dem Ersten Weltkrieg anteilsmässig mehr Ausländer in der Stadt als heute (1912: 34,2 Prozent).

Vor allem Deutsche zog es damals nach Zürich. 21 Prozent aller Einwohner stammten seinerzeit aus dem nördlichen Nachbarland. Heute sind es mit 8 Prozent deutlich weniger. Dies reicht aber bei weitem, um erneut die grösste Ausländergruppe zu stellen.

Die zweitgrösste Gruppe – jene der Italiener – ist mit einem Bevölkerungsanteil von 3,5 Prozent nicht einmal halb so gross. Vor zwanzig Jahren war dies noch anders. Damals lebten doppelt so viele Italiener wie Deutsche in Zürich. Seither hat sich die Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung stark verändert: (Zur Vollbildansicht)

Ein Vergleich der Quartiere zeigt, dass der Ausländeranteil heute in Schwamendingen-Mitte am höchsten ist. Über 40 Prozent haben hier einen fremden Pass. Auch die Quartiere Hard, Lang­strasse und Seebach sind bei weniger gut verdienenden Ausländern beliebt, weil dort die Wohnungen noch relativ günstig sind.

Am wenigsten Fremde trifft man dagegen im Friesenberg-Quartier. Hier hat nicht einmal jeder Fünfte einen ausländischen Pass. Das hängt wohl damit zusammen, dass es am Friesenberg viele Genossenschaftswohnungen gibt. Sie ziehen eher Familien und langjährige Mieter an. Überdies muss man für eine solche Wohnung das Genossenschaftswesen gut kennen, was Einheimische begünstigt.

In den letzten fünf Jahren ist der Ausländeranteil am Friesenberg gar noch gesunken. Stark gestiegen ist er dagegen in den Quartieren Seefeld, Mühlebach und Enge. Dort ziehen immer mehr Deutsche, Briten und Amerikaner hin. Sie verdienen in der Regel besser als die Schweizer, können sich dadurch höhere Mieten leisten und verdrängen so Einheimische aus den attraktiven Quartieren rund ums Seebecken.

Doppelte Gentrifizierung

Eine solche Verdrängung ärmerer Schichten nennt man Gentrifizierung. In den letzten zehn Jahren hat sie den Ausländeranteil in den begehrtesten Quartieren um mehr als acht Prozentpunkte in die Höhe schnellen lassen. Genau den gegenteiligen Effekt bewirkt die Gentrifizierung in Stadtteilen, in welchen die Mieten noch günstiger sind – etwa in den Quartieren Hard, Gewerbeschule und Sihlfeld. Dort ersetzen Schweizer weniger gut verdienende Ex-Jugoslawen, Türken und Italiener. Entsprechend sinkt in diesen Quartieren der Ausländeranteil.

Besonders stark fiel er um die Jahrtausendwende im Escher-Wyss-Quartier. In nur fünf Jahren sank hier die Ausländerquote von 44 auf 26 Prozent. Inzwischen steigt sie wieder, weil jetzt gut verdienende Deutsche, Franzosen und Österreicher in den aufgewerteten Stadtteil ziehen. Hier können Sie die Entwicklung in allen Quartieren nachverfolgen:

Und hier finden Sie für jeden Stadtteil aufgeschlüsselt, welche Nationalitäten wie stark vertreten sind:

Noch genauer illustriert die untenstehende Karte die Ausländerdichte, die auch innerhalb der Quartiere variiert. Darüber hinaus zeigt sie für die wichtigsten Nationalitäten, in welchem Stadtteil diese am stärksten vertreten sind. Bei den Portugiesen ist dies zum Beispiel in der Hard der Fall, wo sie 6,9 Prozent der Quartierbewohner ausmachen. In Oberstrass hingegen kommen die Portugiesen nur auf 0,4 Prozent. Die Briten wiederum zieht es vor allem ins Seefeld (3,1 Prozent), kaum aber nach Hirzenbach (0,3 Prozent).

Balken

 

Generell bevorzugen Angelsachsen eher teurere Quartiere. Dasselbe gilt für Zuwanderer aus Österreich und Frankreich. Letztere wohnen auffällig häufig in Fluntern, von wo sie schnell in der französischen Schule in Gockhausen und in der französischen Kirche an der Hottingerstrasse sind.

Ganz anders verhält es sich bei den Einwanderern aus Südeuropa. Sie verdienen in der Regel schlechter, weshalb sie sich in Quartieren mit günstigeren Wohnungen niederlassen. Wer schon vor längerer Zeit zuzog, wohnt vor allem in den Quartieren Hard, Altstetten und Langstrasse. Wer später kam, suchte eher in den nördlichen Quartieren Hirzenbach, Schwamendingen-Mitte, Saatlen oder Seebach eine Bleibe.

Aber auch Bekanntschaften spielen eine wichtige Rolle. Dadurch bilden sich Schwerpunkte gewisser Nationalitäten.

«Oft ziehen Migranten in die Nähe von bereits ansässigen Landsleuten» Judith Riegelnig, Statistik Stadt Zürich

Die Deutschen sind im Oberstrass-Quartier am stärksten vertreten. Dort stammt mehr als jeder achte Einwohner aus Deutschland, während dies in Friesenberg nicht einmal bei jedem Fünfundzwanzigsten der Fall ist. Im Vergleich zu anderen Nationen verteilen sich die Deutschen aber relativ gleichmässig über die Stadt. Aufgrund ihrer grossen Zahl sind sie mit Ausnahme von Hirzenbach, Hard und Saatlen in allen Quartieren die stärkste Ausländergruppe.