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Exodus aus Europa

Von Luca De Carli, 19. Februar 2015 Kommentarfunktion geschlossen
Frankreich erlebt eine starke Abwanderung seiner jüdischen Bevölkerung. Wie sieht es im übrigen Europa aus, wie in der Schweiz? Die Daten.
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«Wir wären nicht mehr dieselben ohne jüdische Gemeinde.» Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt rief diese Woche nach den Anschlägen in Kopenhagen die Juden des Landes zum Bleiben auf. Ähnliche Aussagen machten auch die Regierungschefs Deutschlands und Frankreichs. Es war eine Reaktion auf Israels Premier Benjamin Netanyahu, der am Sonntag die Juden Europas zur Auswanderung nach Israel aufgefordert hatte.

Nach den wiederholten Attacken auf jüdische Einrichtungen in verschiedenen westeuropäischen Staaten ist die Verunsicherung gross. Für Aufsehen sorgen neue Zahlen zu Frankreich. 6658 Juden sind im letzten Jahr aus Frankreich nach Israel ausgewandert, wie aus den Daten der dortigen Migrationsbehörden hervorgeht. Das ist eine Verdoppelung gegenüber 2013. Im gleichen Zeitraum hat sich in Frankreich auch die Zahl der registrierten antisemitischen Straftaten verdoppelt. Das Auswanderungsplus gegenüber dem Schnitt der letzten zehn Jahre beträgt gar rund 140 Prozent.

Die kumulierten Auswanderungszahlen aus Westeuropa nach Israel erreichten im letzten Jahr 8403 Personen – eine Verdoppelung im Vergleich zum Zehnjahresdurchschnitt. In den letzten zwei Dekaden wurde nie ein vergleichbar hoher Wert erreicht.

Allerdings geht dieser Anstieg fast ausschliesslich auf Frankreich zurück. Aus dem Land mit der mit Abstand grössten jüdischen Gemeinschaft in Europa stammen etwa 80 Prozent der westeuropäischen Aussiedler. In den übrigen westeuropäischen Staaten verlief die Entwicklung im letzten Jahr sehr uneinheitlich. Belgien, das im Mai durch den Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel erschüttert wurde, verzeichnete zum Beispiel 2014 im Vergleich zum Vorjahr tiefere Auswanderungszahlen (233 Auswanderungen im 2014; 2013: 273). In Deutschland (136 Auswanderungen), Österreich (29) und der Schweiz (91) sind die Zahlen seit Jahren mehr oder weniger konstant. Auch aus Grossbritannien (630) wanderten Ende des letzten Jahrzehnts deutlich mehr Juden aus als 2014. Einzig Italien (2014: 351) erlebte im Vergleich zum Zehnjahresdurchschnitt eine ähnlich dramatische Entwicklung wie Frankreich. Hier beträgt das Auswanderunsplus im Jahr 2014 gar 180 Prozent.

Setzt man die Auswanderungszahlen ins Verhältnis zur Grösse der jüdischen Gemeinden einzelner westeuropäischer Länder, bleibt Frankreich an der Spitze. Auffallend ist, dass die Schweiz eine höhere Quote als seine deutschsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich aufweist.

Zahlen zu den jüdischen Gemeinden weltweit sind in der Berman Jewish Databank erfasst, die von amerikanischen und israelischen Wissenschaftlern regelmässig aktualisiert wird. Allerdings gibt es unterschiedliche Kriterien, durch die die Zugehörigkeit definiert wird. Je nach Auslegung leben weltweit zwischen 13,8 und 21,6 Millionen Juden. Die Zahlen in diesem Blog beziehen sich auf die sogenannte Kernpopulation, zu der gemäss der Berman Jewish Databank alle Personen gehören, die sich selber als jüdisch bezeichnen oder von anderen Mitgliedern ihres Haushalts als jüdisch bezeichnet werden. Sie enthält auch Personen mit jüdischen Eltern, die den Glauben nicht leben.

Der Exodus der europäischen Juden ist kein neues Phänomen. Er hält seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an. Bis 2013 ist die jüdische Gemeinschaft auf 1,4 Millionen Menschen geschrumpft.

Heute leben noch 10 Prozent der Juden in Europa. Vor dem Holocaust waren es 57 Prozent (9,5 Millionen), danach 35 Prozent (3,8 Millionen) gewesen. Die grösste jüdische Gemeinschaft ausserhalb Israels (5,6 Millionen) ist heute jene der USA (5,4 Millionen). In ganz Nordamerika lebten 2013 gar mehr Juden als in Israel.

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