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Neue Karten, neue Farben

Von Timo Grossenbacher, 29. September 2014 11 Kommentare »
Warum Tagesanzeiger.ch/Newsnet nun Abstimmungskarten in Lila-Grün verwendet.
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Bei der Abstimmung vom gestrigen Sonntag haben der «Tages-Anzeiger» und Newsnet neue, interaktive Abstimmungskarten eingesetzt, die sich laufend aktualisieren. Die nach aussen wohl sichtbarste Neuerung ist das neue Farbkonzept: Anstatt des gängigen Rot-Grün-Ampelschemas wird ein eher unkonventionelles Lila-Grün-Schema angewendet. Dies hat seine Gründe.

Ein Beispiel: Initiative «Für eine öffentliche Krankenkasse»

Normalerweise wird – zumindest in der Schweiz – in Abstimmungskarten vom Rot-Grün-Schema Gebrauch gemacht, das wie bei den Verkehrsampeln mit Nein/Ja beziehungsweise Stop/Go assoziiert wird. Das Problem hierbei ist, dass diese beiden Farbtöne von farbenblinden Menschen schlecht unterschieden werden können, insbesondere bei hellen Flächen. Von der Farbenblindheit betroffen sind vor allem Männer, ungefähr 1 Prozent leidet an Protanopia («Rot-Blindheit») und 1 weiteres Prozent an Deuteranopia («Grün-Blindheit»). Rund 6 Prozent der Männer haben eine Deuteranomalie («Grün-Sehschwäche»), eine abgeschwächte Form der Deuteranopia.

Die unten stehende Grafik zeigt, wie schwierig sich die beiden Farbtöne Rot und Grün für Menschen mit Protanopia und Deuteranopia unterscheiden lassen. Besonders schwierig ist es bei den Pastelltönen, die für Regionen mit schwach ausgeprägten Ergebnissen zum Einsatz kommen. Beim von uns gewählten Farbschema, das von Lila/Violett nach Grün reicht, lassen sich die Ausprägungen besser unterscheiden, wobei auch hier mit anderen Farbschemen noch weitere Verbesserungen möglich wären – zum Beispiel mit Blau-Orange. In unserem Fall haben wir uns für einen Kompromiss zwischen Lesbarkeit und Assoziation entschieden, da Grün klar mit «Ja» assoziiert wird, und Lila dementsprechend mit «Nein». Ausserdem finden wir, dass dieses Farbschema im Grunde am besten in das neue Design des «Tages-Anzeigers» passt.

    Farbenblinde können die einzelnen Regionen auf der Rot-Grün-Karte kaum unterscheiden

Farbenblinde können die einzelnen Regionen auf der Rot-Grün-Karte kaum unterscheiden.

Falls Sie selber weitere Farbkombinationen und ihre Tauglichkeit für Farbenblinde ausprobieren wollen, empfiehlt sich das auf Windows, Mac und Linux installierbare Tool ColorOracle. Mit diesem kleinen Helfer, der sich von der Taskleiste aus bedienen lässt, können sie einen Bildschirm simulieren, wie Sie ihn als Farbenblinder mit wahlweise einer Rot- oder Grün-Blindheit sehen würden. Sie werden erstaunt sein, wie viele interaktive Infografiken und Karten zu einem eigentlichen Spiessrutenlauf werden. Weitere Informationen zur Farb-Thematik finden Sie in den interessanten Blog-Beiträgen der beiden Visualisierungsexperten Vanessa Wormer und Gregor Aisch.

Weiter mag Ihnen die etwas ungewöhnliche Klasseneinteilung aufgefallen sein – wir verwenden hier acht unterschiedliche 5-Prozent-Klassen im Bereich von 30 Prozent und 70 Prozent. Alles, was darunter- oder darüberliegt, wird mit Violett beziehungsweise Dunkelgrün eingefärbt. Der Grund dafür ist, dass es in der Regel nur wenige Abstimmungen gibt, die wie gestern so stark in die Extreme tendieren, und wir mit mehr Klassen im mittleren Bereich die häufig schwachen Unterschiede besser hervorheben können. Überdies verwendet nun jede Karte die exakt gleiche Klasseneinteilung, was es Ihnen einfacher macht, auf einen Blick zu erkennen, ob eine Abstimmung eher umstritten war oder klar entschieden wurde.

Wir werden unsere Abstimmungsprodukte laufend weiterentwickeln und die Karten bald mit weiteren Funktionen ausrüsten.

Zur Person

Timo Grossenbacher arbeitet als Programmierer beim «Tages-Anzeiger» und der «SonntagsZeitung» und hat zusammen mit dem IT-Team von Tages-Anzeiger/Newsnet die neuen Abstimmungskarten umgesetzt.

11 Kommentare zu “Neue Karten, neue Farben”

  1. Martin Klopfstein sagt:

    und ausserdem
    scheinbar werden von nun an auch die Umrisse der Kantone NE und VD korrekt dargestellt werden.
    Was lange währt…

  2. Franziska S. sagt:

    Ach ja und wieder sind die “Tüpflischiesser” auf ihre Kosten gekommen… Ich bedanke mich, als eine von den 05. bis 0.8 Prozent Frauenanteil der FARBSEHSCHWACHEN, für die Änderung.

  3. Frau sagt:

    Auch wenn der Anteil der Frauen bei unter 1% liegt, bedanken auch wir uns für die Veränderung.

  4. Thomas Schulz sagt:

    Eine wirklich gute Massnahme! Endlich setzt sich dieser wichtige Aspekt der Barrierefreiheit auch in den Abstimmungskarten von Tageszeitungen zunehmend durch. Der Atlas der Schweiz oder der Politische Atlas des BFS verwenden schon seit Jahren grün-lila Farbreihen in ihren interaktiven Karten. Die Beschriftung der Legende ist aus kartografischer Sicht allerdings etwas problematisch. Bei diskreten Werten sollten die Klassenspannen (etwa 50,0 – 54,9) statt die Klassengrenzen (50) mit den Dezimalstellen beschriftet werden, die auch in der Karte vorkommen.

    • Timo Grossenbacher sagt:

      Besten Dank für Ihr Lob. Das mit den Klassengrenzen ist einem Geographen eigentlich schon bewusst – wir haben uns der Einfachheit und Lesbarkeit halber jedoch für diese quasi-kontinuierliche Skala entschieden. Die Zahl auf der Legende, wie Sie korrekt bemerkt haben, markiert immer die untere Klassengrenze.

  5. D.S. sagt:

    Mal abgesehen vom guten Inhalt dieses Artikels, möchte ich dem Autor für die Einfachheit der Sprache und der Darstellungen danken. Ich konnte den Text verstehen, ohne auch nur einen Satz zweimal zu lesen. Viele Autoren können sich daran gerne ein Beispiel nehmen.

  6. Andreas Kyriacou sagt:

    Eine relativ simple Massnahme für mehr Barrierefreiheit. Gute Sache!

  7. Martin sagt:

    Danke, das war längst an der Zeit!

  8. Lukas Wenger sagt:

    Ästhetisch überzeugend und deutlich prägnanter, dazu noch lesbarer für Menschen mit Sehschwächen: gratuliere zur durchdachten Modernisierung! Durchdacht? Fast: das Stimmengewicht eines Kantons (oder einer Gemeinde) entspricht nicht der Fläche, so dass weiterhin ein falscher Eindruck entsteht. Intuitiv wahrnehmbare Zahlenverhältnisse könnten also noch weiter verbessert werden.

  9. René Fehr sagt:

    Farbenblindheit würde bedeuten, dass diese Menschen Farben gar nicht wahrnehmen können. Sie sehen aber lediglich einen Teil des Farbspektrums nicht “richtig”. Der korrekte Ausdruck lautet daher: Farbenfehlsichtigkeit.
    Das mit Orange-Blau würde ich mir nochmals überlegen, weil ein Teil der Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit gerade diese beiden Farben nicht oder nur schwer unterscheiden können.

  10. Toni W. Püntener sagt:

    Wie die Grafiken zeigen, ist es nicht zulässig, Protanopia und Deuteranopia mit “Farbblindheit” zu bezeichnen, sondern als “Farbfehlsichtigkeit”. Auch dieser Artikel ist sprachlich entsprechend anzupassen. “Farbblindheit” wäre nochmals etwas ganz anderes!