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Arbeitslos? Single? – Lebensgefahr!

Von DB, 31. August 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Die Lebenserwartung in der Schweiz hängt vom Zivilstand, der Nachbarschaft, der Bildung und der Religion ab.

Von Petra Wessalowski, «SonntagsZeitung»

Die Schweiz gehört mit knapp 83 Jahren zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. Doch innerhalb unseres Landes entscheidet die richtige Nachbarschaft, wie lange jemand seinen Lebensabend geniessen kann. An der Spitze steht Uitikon. Wer es geschafft hat, in der Zürcher Gemeinde mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen eine Wohnung oder ein Haus zu finden, wird als Frau durchschnittlich gut 86-jährig und erreicht als Mann statistisch 82,6 Jahre.

Am anderen Ende liegt Unterschächen. Die Männer des Urner 700-Seelen-Dorfs werden höchstens knapp 78-jährig und die Frauen immerhin noch fast 84. Ebenso wie die Bewohnerinnen weiterer 16 Dörfer, darunter Henniez VD und Ederswiler JU. Die Erkenntnisse stammen aus der neusten Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Der Studienleiter Matthias Egger ist «erstaunt über die grossen Unterschiede», welche die Auswertung der Volkszählung aus dem Jahr 2000 sowie von über 400 000 Todesfällen bis 2008 ergeben hat. Die Resultate sind brisant, gilt die Lebenserwartung doch als Messlatte für den Gesundheitszustand. «Wir wissen nun zum ersten Mal, wo genau die Problemregionen sind», sagt Egger. Generell zeigt die Studie: Wer auf dem Land lebt, stirbt früher als ein Städter oder Bewohner der Agglomeration Zürich, Genf, Basel, Lausanne oder Bern.

Am schlechtesten sieht es für die Bevölkerung nördlich des Neuenburgersees, um Biel sowie in den meisten ­Alpentälern aus. Dabei unter­scheidet sich die Lebenserwartung innerhalb der Schweiz so stark wie zum Beispiel zwischen der Schweiz und Ecuador. Der Unterschied bei der Lebenserwartung beträgt im Durchschnitt für Männer viereinhalb und bei Frauen zweieinhalb Jahre.

Auch in den Städten sind die Unterschiede gross. Beispiel Zürich: Ein Betagter im Seefeld lebt im Schnitt vier Jahre länger als ein Schwamendinger. Über die Gründe kann Studienautor Matthias ­Egger nur spekulieren.

Eine Rolle spielt die Umgebung. Mieter an stark befahrenen Strassen erkranken häufiger an Lungenkrebs. Ist der Wohnort gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen, verzichten die Bewohner eher aufs Auto und bewegen sich mehr.

Weitaus den grössten Einfluss haben aber persönliche Faktoren wie der Beruf. Ein Topmanager lebt 13 Jahre länger als ein Arbeits­loser. Ebenfalls wichtig sind der ­Zivilstand, die Bildung, aber auch die Religion.

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In Uitikon versucht Gemeindepräsident Victor Gähwiler die schweizweit höchste Lebenserwartung zu erklären und sieht einen Zusammenhang zwischen der guten finanziellen Situation und dem hohen Bildungsgrad der Einwohner. Der Ort weist laut dem neusten «Weltwoche»-Gemeinderating die beste Sozialstruktur auf. «Die Bürger haben ein hohes Gesundheitsbewusstsein und zusätzlich die Möglichkeiten, gesund zu leben», sagt Gähwiler. Ausserdem würden die Einwohner in weniger risikoreichen Berufen arbeiten.

Völlig überrascht reagiert Sepp Müller. Der Präsident der Schlusslicht-Gemeinde Unterschächen ist skeptisch gegenüber der Studie. Die ältesten Einwohner würden häufig im Alters- und Pflegeheim in der Nachbargemeinde Bürglen sterben, dass dann als letzter Wohnsitz gilt. Aus diesem Grund stellt er das schlechte Ergebnis für das Dorf unterhalb des Klausenpasses infrage. «Wir haben ein sehr gesundheitsförderndes Lebens­umfeld, fernab der Grossstadt-Hektik», betont Müller – und sieht kein Manko.

Als Nächstes will Studienautor Matthias Egger die Todesursachen genau analysieren.