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Zwei Jahrzehnte Dauerprämienschock

Von Luca De Carli, 18. September 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Die Krankenkassenprämien haben sich seit der Einführung des Versicherungsobligatoriums mehr als verdoppelt. Einige Zahlen und Statistiken kurz vor der Abstimmung über die Einheitskrankenkasse.
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173.10 Franken pro Monat: Diesen Betrag bezahlte der Schweizer 1996 für die Grundversicherung. Damals war das neue Krankenversicherungsgesetz (KVG) in Kraft getreten, das trotz diverser Reformen im Wesentlichen bis heute gilt. 2014, im Jahr, in dem das Stimmvolk über eine Abkehr von diesem System zu entscheiden hat, liegt der durchschnittliche Monatsbeitrag bei 396.10 Franken. Die beiden Zahlen stammen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Es sind sogenannte Standardprämien für einen Erwachsenen mit 300 Franken Franchise inklusive Unfalldeckung. Je nach Versicherung, Modell, Wohnort oder Höhe der Franchise bezahlen die Versicherten individuell ganz unterschiedliche Prämien. Die Standardprämie erlaubt es aber, die grundsätzliche Entwicklung der Kosten für die Grundversicherung zu messen. Die Bilanz nach 19 Jahren KVG: eine Preissteigerung um 128,8 Prozent. Und für das kommende Jahr wird bereits wieder ein kräftiger Anstieg im Bereich um 5 Prozent erwartet.

Mehr als doppelt so hohe Prämien innert zwei Jahrzehnten – für eine Einordnung bietet sich ein Vergleich mit anderen Wirtschaftskennzahlen an. Im gleichen Zeitraum hat zum Beispiel die Teuerung in der Schweiz nur 11,51 Prozent betragen, wie folgende Grafik zeigt:

Im Landesindex der Konsumentenpreise (LIK), mit dem in der Schweiz die Teuerung gemessen wird, sind die Preise für Waren und Dienstleistungen enthalten. Transferausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge oder Krankenkassenprämien werden nicht erfasst. Der Vergleich von LIK und Prämienanstieg zeigt deshalb die aussergewöhnliche Dimension der Kostensteigerung bei der Krankenversicherung sehr gut.

Löhne halten nicht mit

Wie stark die Haushalte in der Schweiz diesen Prämienanstieg spüren, veranschaulicht ein Vergleich mit der Entwicklung des Durchschnittslohns:

Die Nominallöhne sind zwischen 1996 und 2013 um 22,67 Prozent gestiegen. Beinahe sechsmal weniger stark als die Krankenkassenprämien. Mit der Prämienverbilligung versucht der Staat, diese Mehrausgaben abzufedern. 1996 gab die öffentliche Hand dafür noch rund 1,5 Milliarden Franken aus. 2012 sind es fast 4 Milliarden.

Der Kreis der Begünstigten ist in dieser Zeit allerdings nicht derart gewachsen, wie es die Ausgaben vermuten lassen. 2012 bezogen 29 Prozent aller Versicherten eine Prämienverbilligung, 1996 waren es 22,9 Prozent. Ein Grossteil der Haushalte finanziert sich die Krankenversicherung also immer noch ohne staatliche Hilfe. Dafür sind die durchschnittlichen Beiträge an die Bezüger einer Prämienverbilligung massiv gestiegen: von 902 Franken 1996 auf 1719 Franken im Jahr 2012.

Private Haushalte zahlen

Allgemein ist in der Schweiz der Anteil der Finanzierung des Gesundheitswesens durch die privaten Haushalte sehr hoch. Sie bezahlen 42 von total 68 Milliarden Franken, die das Gesundheitswesen pro Jahr kostet. Die neusten Zahlen stammen auch hier aus dem Jahr 2012. Diese 42 Milliarden beinhalten Ausgaben für die obligatorische Grundversicherung und die privaten Zusatzversicherungen sowie Gesundheitskosten, die direkt aus dem eigenen Sack bezahlt werden. Inzwischen sind das über 13 Milliarden Franken pro Jahr. Der Anstieg der Standardprämie ist zudem deutlich stärker als der Kostenanstieg im Gesundheitswesen insgesamt. Wie folgende Grafik zeigt:

Zum Glück für die Schweiz ist ihre Wirtschaft in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich gewachsen. So konnte der Kostenanstieg zumindest teilweise aufgefangen werden:

Inzwischen machen die Gesundheitskosten über 11 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) aus. 1996 waren es knapp 10 Prozent. Im internationalen Vergleich liegen damit nicht mehr nur die USA, sondern auch mehrere westeuropäische Staaten vor oder im Bereich der Schweiz.

Nachtrag

Die zweitletzte Grafik «Prämienanstieg gegen Wachstum der Gesundheitskosten» dieses Beitrags hat für etwas Verwirrung gesorgt – sowohl bei den Lesern als auch bei Vertretern der Versicherungsbranche. Deshalb wird hiermit ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in der Grafik das Wachstum der Standardprämie mit dem Wachstum der Gesundheitskosten verglichen wird. Die Standardprämie ist seit 1996 stärker angestiegen als die Gesundheitskosten. Das bedeutet aber nicht, dass die Einnahmen der Krankenkassen stärker gestiegen sind als deren Ausgaben. Diese Grafik aus der Taschenstatistik zur Krankenversicherung des BAG zeigt, dass die durchschnittlichen Ausgaben und Einnahmen der Krankenkassen pro Versicherten pro Jahr sich im Gleichschritt entwickelt haben:

Bildschirmfoto 2014-09-19 um 00.49.11

 Verteilung des Wachstums

In den Kommentaren wurde mehrfach nach der Verteilung des Wachstums der Gesundheitskosten gefragt. Die Entwicklung zwischen 1995 und 2010 zeigt diese Grafik aus dem neusten Gesundheitsbericht des BAG:

Bildschirmfoto 2014-09-19 um 00.45.12

Was ist ein Index?

In diesem Blog wurden die meisten Kennzahlen indexiert, um die zeitliche Entwicklung verschiedener Werte wie zum Beispiel die Entwicklung der Prämien und der Löhne miteinander vergleichen zu können. Als Ausganspunkt diente jeweils das Jahr 1996. In diesem Jahr trat das neuen Krankenversicherungsgesetz in Kraft. Dem damaligen Stand der jeweiligen Kennzahl wurde der Wert 100 zugeordnet. Subtrahiert man vom Wert eines späteren Jahres den Wert 100, erhält man den prozentualen Antieg in diesem Zeitraum. So beträgt zum Beispiel der indexierte Wert der Standardkrankenkassenprämie im Jahr 2014 228,8. Das bedeutet, das die Prämie seit 1996 um 128,8 Prozent teurer geworden ist.