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AHV schlägt Sex

Von DB, 12. Oktober 2016 11 Kommentare »
Die 12-App gibt es seit einem Jahr. Wie viel Mal wurde die Best-of-App heruntergeladen? Welche Themen interessieren die Leser am meisten? Und was ist das grösste Problem der #12-Macher? Detaillierte Einblicke in ein ambitioniertes Medienprojekt.
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Michael Marti, Katharina Graf, Marc Brupbacher, Mathias Lutz (Grafik), Kaspar Manz (Analysetool)

Stelle einen Text über Sex, Streit oder Skandale ins Netz – und die Leser sind zufrieden. Aufwändig recherchierte, lange, komplexe Texte werden online nicht gelesen. Und schon gar nicht auf dem Smartphone. Da ist die Ablenkung zu gross und die Zeit für eine Vertiefung fehlt.

Wenn Sie beim Lesen dieser Sätze gerade zustimmend nickten, dann müssen wir Sie leider korrigieren. Stimmt alles nicht, das Gegenteil ist wahr: Traditionell aufgemachter Journalismus, lange Texte über komplexe Themen funktionieren sehr wohl, immer noch, auch auf dem Smartphone. Das Team um die 12-App – einer App, die täglich die 12 besten Geschichten aus 21 hauseigenen Titeln präsentiert – konnte beweisen: Es gibt ein Publikum für Qualitätsjournalismus im Onlinebereich, für Bezahljournalismus auf dem Handy-Screen.

Die 12-App im App Store und bei Google Play herunterladen.

#12 feiert heute das Einjährige. Vor genau 365 Tagen, am 12. Oktober 2015 wurde die Best-of-App des Verlagshauses Tamedia lanciert. Motto: Viele Nutzer möchten nicht mehr alles lesen, sondern nur noch das Beste. Nach insgesamt 4380 erschienenen Artikeln, gewährt das Team Einblick in das Projekt. Zuerst zu den wichtigsten Kennzahlen:

 

 

Bei der Konzeption der App war von Anfang an klar, dass ein wichtiges Ziel der Dialog mit den Usern sein muss. Wichtiges Mittel: eine simple Feedback-Funktion am Ende jedes Textes, mittels derer die Leser die Frage «Ist dieser Artikel lesenswert?» beantworten. Rund 15 Prozent drücken auf jeweils auf einen Button.

Dank dieser Funktion und den Klickzahlen konnte das Team nun nach zwölf Monaten Betrieb detailliert analysieren, welche Artikel, Themen und Unterthemen bei den Nutzern  am besten ankamen.

Die Leser mögen schwere Themen und gut recherchierte, lange Texte. Auch im Mobil-Bereich. Texte, die in das Themenfeld «Schicksal» fallen, kommen gemessen an der erreichten Anzahl Screenviews und der Leser-Bewertung am Ende der Artikel am besten an. Sei es ein Gespräch mit der Mutter eines Amokläufers oder ein Interview mit einem Mann, der 14 Monate in Seenot auf dem Meer überlebte.

Die fünf besten Geschichten
Artikel, die eine grosse Reichweite erzielten und zugleich von den Nutzern als lesenswert beurteilt wurden. Basis: 4380 Artikel.

  1. Carlota und ihr Chef — Schicksalsgeschichte über eine Putzfrau, die von ihrem Chef sexuell belästigt wurde. (Annabelle)
  2. Wenn du heulen willst, dann bitte nicht hier — Schicksalsgeschichte über den Krebstod eines Mädchens. (Annabelle)
  3. Es wäre besser, mein Sohn hätte nie gelebt — Interview mit der Mutter eines Amokläufers. (Das Magazin)
  4. Ich redete mit der Leiche — Interview mit einem Mann, der 14 Monate in Seenot auf dem Meer überlebte. (Das Magazin)
  5. Wegen zu viel Seife können Sie stinken — Interview mit einer Hautärztin. (Sonntagszeitung)

Überraschend ist, dass in der 12-App auch Geschichten überdurchschnittlich gut funktionieren, die bei anderen Plattformen kaum Beachtung kriegen. Gemeint sind scheinbar trockene Dossiers wie die AHV. Den anfangs Jahr veröffentlichten Artikel «Das ändert sich 2016 bei den drei Säulen» bewerteten 94 von 100 Lesern positiv.

 

Glossen oder Lifestyle-Themen wie Fitness und Mode wollen die User in der 12-App hingegen weniger sehen – wahrscheinlich, weil diese Themen durch andere Kanäle bereits genügend abgedeckt werden. So gehört dieser Text über Rollkragenpullover bei Männern zu den «Flop 5». Auf dieser Liste von schlecht bewerteten und mies geklickten Geschichten finden wir auch zwei Artikel aus dem Bereich Sport. Auf den allerletzten Platz fällt das Porträt des für YB Bern spielenden Fussballers Loris Benito. Fussball und 12-App – ein schwieriges Thema. So erstaunt es auch nicht, dass das Themenfeld «EM 2016» bei der Rangliste der Themen ganz unten rangiert.

Die fünf schlechtesten Geschichten
Artikel, die eine kleine Reichweite erzielten und zugleich von den Nutzern als wenig lesenswert beurteilt wurden. Basis: 4380 Artikel

  1. Benito, Benifica und der Buddhismus — Porträt des für YB Bern spielenden Fussballers Loris Benito. (Berner Zeitung)
  2. Nixon, der Pianist —Artikel über die musikalischen Talente von Richard Nixon. (Newsnet)
  3. Kostbarer als Gold — Drei Frauen zeigen ihren Lieblingsschmuck und sagen, was dieser ihnen bedeutet. (Schweizer Familie)
  4. Als könnte ich fliegen — Porträt Daniela Ryf. (Schweizer Familie)
  5. An der Gurgel — Glosse über Rollkragenpullis bei Männern. (Tages-Anzeiger)

Um einen Überblick über all die Zahlen zu erhalten, haben die 12-App-Macher ein neues Analyse-Tool entwickelt (hier finden Sie das alte). So lassen sich beispielsweise auch die Quellen im Koordinatensystem von Reichweite (Screenviews) und Leser-Rating («Ist dieser Artikel lesenswert?») lokalisieren – wie performen «Magazin»-Texte? Wo steht im Urteil der #12-Leser der «Der Bund» im Vergleich zum «Tages-Anzeiger»? Weiter zeigt sich bei der Analyse der Themen, dass AHV den Sex schlägt. Wo gibt es denn sowas?

Die volle Optionalität des Analysetools mit Anzeige von Durchschnitt, Median und Artikeldetails gibt es nur auf Desktop-Geräten.

Hier klicken, um die Auswertung in der Vollbildansicht zu öffnen.

Die Grafik zeigt die Auswertung von 4380 Artikeln, die vom 12. Oktober 2015 bis zum 12. Oktober 2016 in der 12-App publiziert wurden in einem Koordinaten-System; die x-Achse zeigt die indexierte Reichweite, die y-Achse die «Lesenswert»-Wertung durch die Leser. Im Quadranten rechts oben sehen wir die Beiträge mit hoher Reichweite und hoher Bewertung, es sind also die sehr erfolgreichen Artikel. Im Quadranten links unten sind hingegen alle Storys mit geringer Reichweite und tiefer Leserwertung. Mit zunehmender Erfahrung gelingt es der Redaktion immer besser, Geschichten auszuwählen, die es in den grünen Bereich schaffen, also eine Leserbewertung über 80 Prozent erreichen. Im Durchschnitt erzielen die #12-Artikel einen Wert von 86 Prozent – also 86 von 100 Leser bezeichnen einen Artikel als «lesenswert». Möglichst vermieden werden Storys, die eine geringe Reichweite und eine tiefe Wertung erzielen.

Der Gebrauch solcher Analyse-Dimensionen ist nicht Spielerei, vielmehr erlaubt die einfache Metrik der Redaktion, ihr Produkt, die täglichen Best-of-Editionen, beständig zu optimieren. Dieselbe Feedback-Funktion – und damit die Haltung eines fortwährenden datengestützten Qualitäts-Monitorings – wird auch in der neuen Newsnet-App (Projektname: Smart-App) integriert werden, die neue Mobil-Appplikation für Titel wie «Tages-Anzeiger», «Basler Zeitung» oder «Der Bund» ist derzeit in der Entwicklung. Die Hinwendung zu den User-Feedbacks geht indessen weit über die technische Dimension hinaus. Sie steht vielmehr für eine neue journalistische Herangehensweise, für eine Haltung: Das tägliche publizistische Produkt, die #12-Edition, wird in einem iterativen Prozess designt, evaluiert und analysiert – immer nutzerzentriert, immer im Dialog mit den Leserinnen und Lesern.

Selbstverständlich muss sich auch ein Projekt wie #12 die Frage nach der Wirtschaftlichkeit gefallen lassen. Die 12-App, die aus dem Innovationsfond der Tamedia hervorgegangen ist, hat den Break-even noch nicht ganz erreicht. Die Zahl der Abo-Käufe wächst jedoch monatlich um rund 20 Prozent, so dass die Gewinnschwelle in Reichweite scheint. Primäre Ziele des Projektes waren bislang das Erreichen einer hohen Zahl von Installationen und das Steigern der Nutzungsintensität. Die erwähnten 70’000 Downloads sind für den engen Schweizer Markt (mit rund 5,5 Millionen deutschsprachigen Einwohnern etwa mit der Grösse von Berlin und Brandenburg vergleichbar), das darf man sagen, ein guter Wert – #12 konnte dabei von den Cross-Branding-Möglichkeiten im Netzwerk der Tamedia-Titel profitieren.

Nur 1.5 Rappen pro Artikel

Das Lancieren einer neuen Medien-App ohne diese Rückendeckung des Verlags wäre eine ungleich schwierigere und teurere Angelegenheit. Derzeit prüft das Team gemeinsam mit Sales Experten zusätzliche Kommerzialisierungsmöglichkeiten, etwa das Sponsoring von Editionen wie dies beim vergleichbaren Produkt der NZZ, der Selekt-App, der Fall ist. Schliesslich soll auch bald der Verkauf von thematischen Spezial-Editionen in #12 getestet werden, auch hierbei wird sich das Team von der Analyse der User-Feedbacks leiten lassen.

Die 12-App der Tamedia ist kein Vorhaben, das Millionen-Investitionen fordert, sondern ein schlankes Innovationsprojekt mit geringem wirtschaftlichem Risiko. Möglicherweise ist die Zeit kapitalintensiver journalistischer Neugründungen ohnehin vorbei. Indessen: In konzeptueller Hinsicht wagt die #12 aber durchaus etwas – und deshalb wohl ist die Repackaging-App für die Branche generell relevant und zieht auch internationales Interesse auf sich. Denn mit #12 wird versucht, erwiesenermassen allerbeste Publizistik zu einem wahrlich günstigen Preis (rund 1.5 Rappen pro Artikel) unter die Leute zu bringen, #12 ist eine Herausforderung in unserem Kerngeschäft. Und diese entschlossene Wette auf den Qualitätsjournalismus darf nicht misslingen.

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Die 5 von #12: Michael Marti (Projektleitung), Katharina Graf, Marc Brupbacher (Teamleitung), Benedikt Sartorius und Thierry Seiler (v.l.n.r.) Foto: Dieter Seeger


Die 12-App kann im App Store und bei Google Play heruntergeladen werden. Für 6 Franken pro Monat erhalten die Leserinnen und Leser freien Zugang zu allen Inhalten. Für Abonnenten von «Tages-Anzeiger», «SonntagsZeitung», «Der Bund» und «Berner Zeitung» sowie «Landbote», «Zürichsee-Zeitung» und «Zürcher Unterländer» sind die Inhalte kostenlos. Sie können sich mit Ihren bestehenden Abo-Daten auch bei #12 einloggen.

11 Kommentare zu “AHV schlägt Sex”

  1. Bultovski sagt:

    Der TA wird wohl keinen Artikel schreiben / publizieren, der gegen Bezahl-App spricht. Na ja…

  2. Sebastian sagt:

    Bitte eine Windows 10 Universal App machen. Danke

  3. Florian sagt:

    Ich mag die App sehr gut und lese praktisch jeden Tag darin. Die Artikel der SZ sind oft die besten.

  4. Christoph Mathis sagt:

    Wenn Qualitätsjournalismus und längere, anspruchsvolle Texte online funktionieren, wieso funktioniert das nicht bei klassischen Print-Zeitungen? Wieso baut der “Tages-Anzeiger” in der Papierversion ab? Ich denke, im Grossen und Ganzen reicht die Nachfrage eben doch nicht aus!

  5. Marc van Houten sagt:

    Ich mag die 12-App und lese jeden Tag darin… also weiter so.
    Was mich aber erstaunt und gleichzeitig erfreut, ist dass wöchentlich verschiedene SZ-Artikel in der App erscheinen… dies obwohl ausdrücklich erwähnt wird, dass nur Artikel aus dem TA-Universum darin enthalten sein sollen.

    • Fabienne sagt:

      Marc, die Sonntagszeitung gehört – wie der Tagesanzeiger auch – zu den Tamedia-Publikationen. In gewissen Ressorts arbeiten die Redaktionen sehr eng zusammen. Der Chefredaktor ist übrigens für beide Titel derselbe.

      • Till sagt:

        Unter SZ verstehen manche auch die Süddeutsche Zeitung. Ich dachte auch schon, dass ein Artikel aus der Süddeutschen stammt, aber vielleicht habe ich mich auch nur durch das Akronym täuschen lassen.

    • Thierry sagt:

      Hallo Marc, wir haben mit der Süddeutschen Zeitung ein Joint Venture und dürfen uns in einer ersten Pilotphase auch aus deren Regal bedienen.

  6. Markus sagt:

    Ich finde #12 sehr gut und lese regelmässig Artikel. Eine Frage habe ich aber. Wieso gibt es keine iPad App?

    • Herbert Garbe sagt:

      Lieber Markus, ich lese schon von anfang an 12+ auf dem iPad. Die App lässt sich im Apple-Shop schnell runterladen und nach dem Einloggen sofort benutzen. Wie die Statistik zeigt, sind nicht alle ‘best of’ Artikel wirklich lesenswert, weil einfach, wie beim Programmieren, die Vorliebe des Redaktors vorgegeben wird, nicht die des Lesers. Etliche gute Artikel im TA, SZ und anderen Zeitungen bleiben einfach draussen vor, weil nicht ‘politisch korrekt’ oder ‘politisch angemessen’… Da müsste einfach mal in Sachen Meinungsfreiheit mehr gefordert werden…

    • Thierry sagt:

      Hallo Markus, eine iPad-App ist auch auf unser Wunschliste! Gut möglich allerdings, dass es eher auf einen Webreader hinausläuft, der unabhängig vom Betriebssystem aufgerufen werden kann. Wir hoffen innerhalb vom nächsten halben Jahr so etwas anbieten zu können.