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Markant mehr Frauen sterben an Lungenkrebs

Von Iwan Städler, 10. März 2016 Kommentarfunktion geschlossen
Die Zahl der Lungenkrebstoten unter den Frauen hat sich innert 20 Jahren verdoppelt. Krebs dürfte schon bald die häufigste Todesursache in der Schweiz sein.

In der Schweiz sterben jährlich über 16’000 Menschen an Krebs. Nur die Herz-Kreislauf-Krankheiten bringen noch häufiger den Tod, wobei die Medizin in diesem Bereich grosse Fortschritte gemacht hat. Dank neuer Medikamente und Operationsmethoden erliegen immer weniger Frauen und Männer einem Herzinfarkt. Die Zahl der Krebstoten steigt dagegen weiter an. Zwar ist das Risiko, an Krebs zu sterben, leicht gesunken – etwa durch bessere Früherkennung und Therapien. Doch aufgrund der zunehmenden Zahl an älteren Menschen kommt es insgesamt zu mehr Krebstoten.

 

«Wir gehen davon aus, dass Krebs bald die häufigste Todesursache sein wird», sagt Marius Widmer, Mediensprecher des Bundesamts für Statistik (BFS). Bei den 45- bis 84-Jährigen ist dies bereits heute der Fall.

Die Grösse der Kreise widerspiegelt die Anzahl Todesfälle.

Die Grösse der Kreise widerspiegelt die Zahl der Todesfälle.

Über alle Altersklassen hinweg betrachtet, sind 29 Prozent der Todesfälle bei Männern durch Krebs bedingt. Bei den Frauen sind es 22 Prozent.

Entsprechend gross ist die Aufmerksamkeit, die das BFS den Krebsdaten schenkt. Alle fünf Jahre erstellt es einen umfassenden Krebsbericht – zusammen mit dem Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und -registrierung (Nicer) und dem Schweizer Kinderkrebsregister. Der nächste Fünfjahresbericht wird am 21. März den Medien vorgestellt. Die ihm zugrunde liegenden Zahlen finden sich freilich bereits heute auf der BFS-Website. Wegen der aufwendigen Aufbereitung der Daten beziehen sie sich auf die Jahre 2008 bis 2012.

Männer trifft es häufiger

In dieser Periode kam es zu durchschnittlich 16’250 Krebstoten pro Jahr – 9000 bei den Männern und 7250 bei den Frauen. Die Differenz zwischen den Geschlechtern erklärt sich in erster Linie dadurch, dass Männer weit häufiger an Lungenkrebs sterben als Frauen – nämlich fast doppelt so oft. Krebserkrankungen an Lunge, Bronchien und Luftröhre führen jährlich bei 2010 Männern zum Tod. Bei den Frauen sind es 1079 solche Todesfälle pro Jahr.

Die Ursache für diesen Unterschied liegt auf der Hand: Die Frauen haben lange markant weniger geraucht als die Männer. Dies wirke sich jetzt – Jahrzehnte später – in der Krebsstatistik aus, sagt Nicole Probst vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut. Die Krebsexpertin hat die Mortalität in der Schweiz zusammen mit anderen Wissenschaftlern untersucht.

Männer trinken auch mehr Alkohol, essen mehr rotes Fleisch und sind beruflich stärker gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt als Frauen. Dies trägt laut Probst ebenfalls zu einer erhöhten Krebsmortalität bei.

Beim Lungenkrebs haben die Frauen aber drastisch aufgeholt: Innert 20 Jahren hat sich die Zahl der weiblichen Lungenkrebstoten mehr als verdoppelt – von 474 auf die besagten 1079. Bei den Männern blieb die Zahl der Lungenkrebstoten dagegen seit der Jahrtausendwende auf hohem Niveau stabil, nachdem sie zuvor markant gesunken war. Noch immer ist aber jeder fünfte Krebstod bei Männern auf Lungenkrebs zurückzuführen – die mit Abstand bedrohlichste Krebsart für Männer. Dahinter folgen der Prostatakrebs und der Dickdarmkrebs. Bei den Frauen dominiert der Brustkrebs vor dem Lungenkrebs und dem Dickdarmkrebs.

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Stark rückläufig ist bei beiden Geschlechtern der Magenkrebs. Nicole Probst führt dies auf den vermehrten Konsum von frischen Früchten und Gemüsen, auf einen Rückgang des Rauchens und auf eine bessere Behandlung von Heliobacter-pylori-Infektionen zurück. Deutlich zugenommen haben dagegen die Todesfälle wegen Krebs in der Leber und in der Bauchspeicheldrüse.

Interessant ist auch ein Vergleich zwischen den Regionen – vor allem beim Lungenkrebs:

 

Eine Untersuchung des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts zeigt, dass Romands deutlich häufiger an Lungenkrebs sterben als Deutschschweizer. Probst nimmt an, dass dies aufs unterschiedliche Rauchverhalten zurückzuführen sei. Vor allem Frauen qualmen in der Westschweiz markant häufiger als in der Deutschschweiz. Dies dürfte – nebst dem Alkoholkonsum – auch der Grund dafür sein, dass Westschweizer häufiger an Mund- und Leberkrebs erkranken.

Schwieriger zu erklären ist für Probst, weshalb im Tessin, im Wallis und in Graubünden die Sterblichkeit bei Magenkrebs deutlich höher ist als entlang des Juras. Möglicherweise hängt dies mit dem Konsum von geräuchertem, gesalzenem und gepökeltem Fleisch zusammen, welcher das Magenkrebsrisiko erhöht.

 

Wenig überraschend ist, dass die Krebsmortalität mit zunehmendem Alter steigt. Über 90 Prozent aller Krebstodesfälle betreffen Menschen über 55 Jahre.

 

Bei Kindern sind Krebserkrankungen dagegen selten. Jährlich werden im Schnitt 190 Neuerkrankungen registriert. Der Grossteil davon lässt sich heilen, weshalb pro Jahr nur 27 Kinder an den Folgen sterben. Trotzdem ist Krebs bei Kindern die zweithäufigste Todesursache – nach Unfällen.

Nichtrauchen bringt am meisten

Rauchen ist nicht nur für Lungenkrebs die mit Abstand häufigste Ursache. Es erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, an zahlreichen anderen Krebsarten zu erkranken. Wer Aktiv- und Passivrauchen meidet, erhöht seine Lebenserwartung am meisten. Darüber hinaus empfiehlt sich, den Konsum von Alkohol sowie von rotem Fleisch einzuschränken und stattdessen mehr Früchte und Gemüse zu essen. Auch kann eine regelmässige Vorsorgeuntersuchung auf Dickdarmkrebs das Risiko verringern. Sie ist ab dem 50. Altersjahr empfohlen. Schliesslich sollte man Sonnenbrände vermeiden – vor allem bei Kindern. (is.)