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Aufgeheiztes Arbeitsklima

Von Joachim Laukenmann, 29. November 2015 7 Kommentare »
Ist es zu heiss, kommt die Weltwirtschaft ins Stottern. Eine Studie definiert die ideale Jahresmitteltemperatur. Für die meisten Länder bedeutet dies für die Zukunft nichts Gutes.
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Schwitzen im Büro. Foto: Getty Images.

Für jede menschliche Aktivität gibt es die ideale Temperatur. Damit der Schnee auf der Piste so richtig stäubt, sollten es schon ein paar Grad unter null sein. Zum Sonnenbaden am Strand sind vielleicht 25 Grad aufwärts ideal. Und auch die wirtschaftliche Produk­tivität kennt eine Wohlfühltemperatur, berichten Wissenschaftler nun in «Nature». Demnach brummt die Wirtschaft, wenn die mittlere Jahrestemperatur bei rund 13 Grad Celsius liegt. Ist es kälter oder wärmer, leidet das Bruttoinlandprodukt (BIP). Das wiederum bedeutet, dass der Klimawandel die globale Wirtschaftsleistung beeinflusst. Und zwar deutlich negativ, wie die Studienautoren zeigen: Die Erderwärmung könnte die globale Wirtschaft erheblich härter treffen als gedacht.

Wie Umweltökonomen von der ­Stanford University und der ­University of California, Berkeley, berichten, würde das global gemittelte BIP bei einer ­Erwärmung um 3,5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 um mehr als 20 Prozent sinken. «Ein Rückgang des BIP um rund 20 Prozent hätte man historisch als ‹schwarzen Schwan› bezeichnet, als Katastrophe mit geringer Wahrscheinlichkeit», sagt Co-Autor Solomon ­Hsiang von der University of California, Berkeley. «Wir haben erkannt, dass es eher einer Prognose mit mittlerer Wahrscheinlichkeit entspricht.»

Hinzu kommt, dass die Folgen einer wärmer werdenden Welt sehr ungleich verteilt sind. So liegt die Jahresmitteltemperatur in vielen westlichen Ländern unter 13 Grad. Dort würde die globale Erwärmung das mittlere Einkommen sogar erhöhen, zumindest, solange die Temperatur nur mässig steigt.

 

Doch ein Grossteil der Weltbevölkerung lebt in Ländern, die im Jahresmittel bereits heute jenseits der 13 Grad liegen und vom Klimawandel noch weiter vom produktiven Optimum entfernt werden. Gemäss der Studie würden die Einkünfte der Menschen aus den ärmsten 40 Prozent aller Länder bis 2100 im Mittel um 75 Prozent zurückgehen. Das heisst: In einer wärmeren Welt wird sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch erheblich weiter öffnen, als das heute schon der Fall ist. «Die Resultate zeigen, dass die Schäden durch den Klimawandel weit schlimmer sind, als bislang gedacht», schreibt der schwedische Umweltökonom Thomas Sterner von der Universität Göteburg in einem kommentierenden Artikel in «Nature». Gemäss der Studie würde ein ungebremster Klimawandel Kosten verursachen, die 2,5- bis 100-mal höher liegen als es bisherige Studien nahelegen.

Arme und reiche Länder
zeigten dasselbe Muster

«Ich denke, das ist eine wirklich interessante Publikation», sagt Anthony Patt, Professor für Klimaschutz und -anpassung an der ETH Zürich. «Wenn man bedenkt, dass diese Wohlstandsunterschiede bereits heute eine Hauptursache für globale und regionale Konflikte sind, sollten wir uns umso mehr um den Klimaschutz kümmern.»

Die Temperatur beeinflusst die Wirtschaftskraft auf vielfältige Weise: Ab ­einer gewissen Jahresmitteltemperatur sinkt die mentale und körperliche Leistung der Arbeitskräfte, und auch der Ertrag von Nahrungspflanzen geht zurück. An heissen Tagen steigt wegen den Klimaanlagen der Energiebedarf. In reichen Ländern kommt es zu mehr Herzinfarkten, und in armen Regionen grassiert Malaria oder Denguefieber. Wenn es umgekehrt frostig kalt ist, sind kaum Bauarbeiten möglich. All das und noch mehr wirkt sich auf das BIP aus.

Um den Effekt der Temperatur auf die Wirtschaftsleistung zu bestimmen, analysierten die Autoren Daten der Weltbank zu 166 Nationen über den Zeitraum von 1960 bis 2010. Mithilfe statistischer Methoden trennten sie zunächst den Einfluss der Temperatur auf das BIP von anderen Faktoren ab, etwa, ob ein Land seine Wirtschaft im Laufe der Zeit liberalisiert hat. Dann kam eine clevere Methode zum Einsatz: Die Forscher verglichen nicht etwa unterschiedliche Länder miteinander, sondern jedes Land unter dem Einfluss von Temperaturänderungen mit sich selbst.

Aufgrund der natürlichen Klimaschwankungen ändert sich die Jahresmitteltemperatur eines Landes von Jahr zu Jahr oft um mehrere Grad Celsius. Das heisst: Jedes Land kann kurzzeitig einen Klimawandel erleben, der dem entspricht, was im globalen Durchschnitt erst Mitte oder Ende des Jahrhunderts zu erwarten ist. Daher schauten die Wissenschaftler, ob die Wirtschaft eines Landes von einem Jahr aufs andere einen Auf- oder Abschwung erlebte, je nachdem, wie sich das lokale Klima im jeweiligen Jahr präsentierte.

Erstaunlicherweise zeigten arme wie reiche Länder rund um den Globus das gleiche Muster: Begann ein Land bei ­einer tiefen Temperatur, steigerte eine Erwärmung die Produktivität bis zu ­einer Jahresmitteltemperatur von rund 13 Grad. Hatte ein Land diese Temperaturschwelle einmal überschritten, ging es bei weiterer Erwärmung mit der Wirtschaftsleistung immer schneller bergab.

Mit Klimawandel ein Rückgang des BIP um 23 Prozent

Mit diesem Ansatz konnten die Forscher einer Gefahr entgehen: dass sie Äpfel mit Birnen vergleichen. Denn ­offensichtlich ist ein Land wie Nigeria sowohl ärmer als auch wärmer als zum Beispiel Norwegen. Die Länder unterscheiden sich aber so sehr, dass man aus deren Vergleich den Einfluss der Temperatur auf das BIP nicht klar hätte erkennen können. «Frühere Versuche, die wirtschaftliche Leistung mit der Temperatur zu korrelieren, fand ich aus diversen Gründen problematisch», sagt ETH-Forscher Patt. «Diese Studie erscheint mir besser, einerseits, da sie sich auf eine längere Zeitreihe von Daten stützt, andererseits, weil nicht Länder untereinander verglichen werden, sondern dieselbe Region zu unterschiedlichen Zeitpunkten.»

In den Daten finden sich vage Hinweise darauf, dass reiche Nationen ein klein wenig besser mit Hitze umgehen können als arme Länder. Aber diese Unterschiede sind so gering, dass sich an der Grundaussage nichts ändert. Erstaunlich ist auch, dass der Effekt der Temperatur auf die Volkswirtschaften heute trotz fortgeschrittener Technologie nahezu identisch ist wie noch vor 50 Jahren.

Das in den Daten erkannte Muster – kalte Länder profitieren bis zu einem gewissen Grad, heisse Regionen leiden unter einer weiteren Erwärmung – projizierten die Wissenschaftler mithilfe von Klimamodellen in die Zukunft. So konnten sie letztlich die Kosten für den Klimawandel bestimmen. Deren wahrscheinlichster Wert liegt im Jahr 2100 global betrachtet bei einem Rückgang des BIP um 23 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Klimawandel. «Das ist ein Grund mehr», sagt ETH-Forscher Patt, «die Erde nicht um mehr als zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu erwärmen.»

Patt erkennt in der Studie aber auch ein paar Schwachpunkte: «Wenn sich der Klimawandel beschleunigt, werden Menschen darauf reagieren.» Und die extremste Form der Anpassung sei die Migration. «Daher können wir erwarten, dass die Anpassung an höhere Temperaturen grosse demografische Umwälzungen hervorruft.» Auch die würden Kosten verursachen, welche die Studie nicht berücksichtigt. Und natürlich ändert sich mit dem Klimawandel mehr als nur die Temperatur. So steigt zum Beispiel der Meeresspiegel, und es ­ändert sich das Niederschlagsmuster. Diese Faktoren ergänzen den Einfluss der Temperatur auf das BIP.

Patt ist skeptisch, ob die Studie einen grossen Einfluss auf die morgen in Paris beginnenden Klimaverhandlungen haben wird. «Schon heute geht es darum, das 2-Grad-Ziel unbedingt einzuhalten. An der Zielsetzung ändert die Studie somit nichts, allenfalls an der Dringlichkeit.» Für den schwedischen Umweltökonomen Sterner hätte die Studie eine weitreichende Bedeutung, sollten sich deren Resultate als robust erweisen. «Mein Empfinden ist, dass wir gerade erst beginnen zu verstehen, welchen Schaden ein verändertes ­Klima anrichten kann.»

Sonderfall Schweiz

Ausgerechnet bezüglich der Schweiz ist die Studie zu optimistisch. Denn in unserem kleinräumigen Land führt eine im Grunde durchaus sinnvolle Berechnungsmethode zu einer falschen Jahresmitteltemperatur. Hierzulande liegen kalte Bergregionen oft sehr nah bei den Städten, was die mittlere Temperatur der dicht bevölkerten Regionen durch den Einfluss der kühlen Berge senkt. So errechneten die Forscher für die Schweiz ein Jahresmittel von 7,45 Grad ­Celsius – weit unter den für die Wirtschaft optimalen 13 Grad. Daher könnte das Schweizer BIP bei ungebremstem Klimawandel mit einem Plus von 121 Prozent rechnen. Tatsächlich dürfte die mittlere Temperatur in den dicht bewohnten Gebieten der Schweiz bei rund 9 Grad liegen, ähnlich wie in Deutschland. Und dort ist beim BIP ein Plus von 63 Prozent zu erwarten.

So oder so würde die hiesige Wirtschaft von steigenden Temperaturen profitieren. Dennoch, meint Anthony Patt von der ETH Zürich, sollte die Schweiz zur Eindämmung des Klimawandels beitragen. «Der Klimawandel bringt viele negative Einflüsse mit sich, die mit einem potenziell steigenden Einkommen abzuwägen sind», sagt Patt. Man denke etwa an vom Klimawandel ausgelöste Flüchtlingsströme und instabile Berghänge. «Es wäre eine falsche Lehre aus der Studie, dass die Schweiz insgesamt vom Klimawandel profitiert.»

7 Kommentare zu “Aufgeheiztes Arbeitsklima”

  1. Matthias Meier sagt:

    Ungeheuerlich, wenn nicht einmal das Klima und die Natur sich nach der Wirtschaft richten, wo sich doch der Wirtschaft alles unterordnen soll, sogar die Demokratie. Na ja, vielleicht gibt es ja mal endlich eine Maschine, die das Klima wirtschaftsfreundlich gestaltet. Oder riesige Kuppel, in denen die Menschen arbeiten und wohnen, wo wirtschaftsfreundliches Klima herrscht.

  2. Dieter Neth sagt:

    Diese Untersuchung ist kompletter Blödsinn von Leuten, die keine Ahnung vom Leben haben. Länder wie Singapur sind bestimmt keine wirtschaftliche Problemfälle. In Mexiko, wo ich 21 Jahre lebte, gibt es Orte, wo die Jahresdurchschnittstemperatur volle 32 Grad beträgt (Ciudad Obregon, Sonora) und wer dort hinfährt wird von schlecht funktionierender Wirtschaft keine Spur vorfinden. Ich selber wohnte an einem Ort mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von exakt 20 Grad. Der Ort war jahrelang die Wachstumslokomotive von ganz Mexiko. Dort gibt es weder Siesta noch 4 Wochen bezahlte Ferien. Wenn jetzt nur noch das Geld besser verteilt wäre und es eine vernünftige Verwaltung gäbe.

  3. Maciej Pietrzak sagt:

    …wie zB. die kleine Eiszeit (1816 Jahr ohne Sommer). Wir leben jetzt in eine Eiszeit, es gibt die Eiskappen an den Erdpolen, was geschieht nur sehr selten in der Erdgeschichte. Wir haben auch zu wenig CO2. Seit 600 Millionen Jahre wurde die meiste CO2 im Kalk gefangen genommen. Die Pflanzen leiden unter CO2 Mangel. Als Antwort auf Mangel an CO2 sind Gräser entstanden. Früher waren die Priester für das Klima verantwortlich, heutzutage sind es die Politiker.

  4. Wo ist das vernetzte Denken? – Kalte Länder geben einen grossen Teil ihres Einkommens für isolierte Häuser, Heizung und warme Kleider aus. Ganz zu schweigen von den Arzt- und Physiokosten für Rheuma, Arthritis usw. Ich lebe in Thailand, leiste mir westlichen Standard und komme mit 2500 Franken aus. Die Erderwärmung senkt nicht nur den BIP, sondern auch den finanziellen Bedarf. Überspitzt formuliert: Je wärmer, umso weniger muss für die blosse Deckung des Grundbedarfs gearbeitet werden. Eine solche BIP-Studie ist kurzsichtige Nabelschau und lenkt von den wirklichen Problemen ab (Dürren, Naturkatastrophen, Landverlust), welche vor allem die industriell schwach entwickelten Länder treffen.

  5. Maciej Pietrzak sagt:

    Ich kann diesen Blödsinn nicht mehr lesen. Das ist viel schlimmer als die kommunistische Propaganda, die ich in Polen erlebt habe. Im österreichischen Fernsehen läuft gerade eine Sendung, „Wer nichts weiss, muss glauben“. Es reicht ein Geschichte-Handbuch in die Hand zu nehmen. Die Wärmeperioden in der neusten Erdgeschichte waren immer zum Vorteil für die Menschen. In diesen Perioden sind die grossen Weltkulturen entstanden. Zur Römerzeit gab es keine Gletscher in den Alpen (ETH Forscher) und in England hat man Weinreben kultiviert. Anderseits die Kälteperioden waren immer für die Menschheit eine Katastrophe. In solchen Kälteperioden gab es Hunger, Krankheiten und Revolutionen, wie zB. die…

  6. Richard Müller sagt:

    Das ist erstaunlich, dass im Kontext der Erderwärmung jetzt sogar die Wirtschaftsentwicklungen orakelt werden kann. Die Finanzkrise hätte mit dem heutigen wissen demnach “vorausgesagt” werden können. Die journalistischen Beiträge zum Klimawandel haben mittlerweile einen Absurditätsgrad, der schon wieder Unterhaltungswert hat.

  7. Andreas Müller sagt:

    Singapur: mittlere Jahrestemperatur 30°C. Dubai mittlere Jahrestemperatur 30°C. Hongkong mittlere Jahrestemperatur 25°C und so weiter und so fort. Wie können die Leute dort derart erfolgreich sein? Dank dem Wunder der Klimaanlage, die sie zwar nicht auf 13°C sondern auf angenehmen 22°C unterkühlt. Das Prinzip des schwarzen Schwanes haben die Autoren auch nicht verstanden. Das Auftauchen desselben kann man nicht mit Wahrscheinlichkeiten berechnen wie z.B. 911 oder die Erfindung des www.