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«Träume sind der wichtigste Nährboden für Geistesblitze»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 22. Dezember 2011
Irene Schmid und Regula Stucki

Irene Schmid und Regula Stucki

«Sei doch vernünftig!», sagt man dem Träumer und holt ihn damit zurück auf den Boden der Realität. Irene Schmid und Regula Stucki machen das Gegenteil: In gemeinsamen Kursen unterstützen sie Frauen darin, ihre Träume ernst zu nehmen, ihnen Schritt für Schritt näher zu kommen und dadurch mehr Kraft und Lebenslust in ihren Alltag zu bringen. Download der PDF-Datei
Frau Schmid, Sie sind Ergotherapeutin und Familienfrau, stehen mit beiden Beinen im Leben. Was hat Sie veranlasst, einen Kurs zu lancieren, in dem Frauen ihren Träumen nachgehen können?
IRENE SCHMID: Die Idee dazu kam mir vor eineinhalb Jahren. Nach einem schwierigen Arbeitstag war ich frustriert, ich stieg auf mein Rad, um Dampf abzulassen. Während ich mich verausgabte, wurde mir bewusst, dass ich meine vielfältigen Erfahrungen aus der Prozessarbeit gerne mit anderen Frauen teilen möchte. Die Idee, ein Angebot für Frauen zu lancieren, das die Lebenslust zurückbringt, war am Anfang sehr diffus, aber sie versetzte mich in Euphorie. Deshalb erzählte ich Regula Stucki, die ich vom Chorsingen her kannte, von meinem Traum.
REGULA STUCKI: Ich hatte immer schon Frauen darin bestärkt, ihren Weg zu gehen. Ich selber fühlte mich in meinem Schaffen endlich angekommen. In den Jahren zuvor hatte ich sehr unterschiedliche Dinge gemacht. Ich bin zwar mehrheitlich meinen Träumen gefolgt, aber oft weite Umwege gegangen. Es dauerte immer ungefähr sieben Jahre, bis sich ein Traum realisieren liess. In letzter Zeit ist mir klar geworden: Je genauer ich meine Träume erfasse und je ernster ich sie nehme, desto schneller werden sie Realität.

Sie haben sehr unterschiedliche Berufe ausgeübt, waren Sekretärin, Journalistin, Buchautorin, Kabarettistin, Clown und Trainerin. Sehen Sie heute einen roten Faden darin?
REGULA STUCKI: Als Kind träumte ich davon, Schauspielerin zu werden. Dann musste ich mir mit 15 Jahren von einem Berufsberater sagen lassen, es sei weder wünschenswert noch möglich, sein Hobby zum Beruf zu machen. Also machte ich die KV-Lehre und wurde Sekretärin. Über die Jahre habe ich mich dann immer mehr meinem ursprünglichen Traum angenähert. Manchmal haderte ich damit, dass mein Weg nicht so gradlinig verlief wie bei anderen. Heute bin ich aber überzeugt, dass jede einzelne Etappe wichtig war. Ich bin zwar nicht Schauspielerin geworden, aber ich nutze Kreativität und Humor, um Veränderungen in Gang zu bringen. Das ist der Kern meiner Arbeit – ob ich nun als Spitalclown Kinder zum Lachen bringe, ob ich als Kabarettistin auftrete, in Altersheimen Lebenslust verbreite oder ob ich Frauen helfe, sich aus einer Negativspirale zu befreien.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Kurs «Da war doch dieser Traum…»?
IRENE SCHMID: Wir kreieren einen Raum, in dem sich Frauen öffnen und weiterentwickeln können. Viele von uns träumen im stillen Kämmerlein und tauschen sich nicht aus. In Träumen steckt eine unglaubliche Kraft, aber das Potenzial liegt oft brach. Frauen nehmen ihre Wünsche und Träume eher zurück, wenn sie auf Widerstand stossen. Im Kurs haben die Frauen Gelegenheit, sich selber besser kennenzulernen, ihren Weg zu würdigen, ihre Träume zu teilen. Das allein bringt viel ins Rollen. In einer Frauengruppe kommt das weibliche Prinzip der gegenseitigen Wertschätzung mehr zum Tragen, deshalb ist die Gruppe nicht gemischt. Wir sind aber offen für neue Angebote auch für die Männer.
REGULA STUCKI: Es ist erstaunlich, wie leicht wir unsere Träume und Wünsche aus den Augen verlieren, wenn wir nicht aufmerksam und mutig sind. Wir leben in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft, die sich über Resultate definiert. Träume bringen nicht immer sofort sicht- und zählbare Resultate. Deswegen kann man sie leicht abwerten. Wer aber eintaucht in seine Träume und die Kraft spürt, die darin schlummert, bekommt eine Ahnung davon, wie wichtig Träume sind. Sie setzen uns in Bewegung und schenken uns Lebenslust. Frauen, die ihren Träumen folgen, fühlen sich besser – und sie strahlen das auch aus.

Ich wundere mich nur, dass man einen Kurs besuchen muss, um seine Träume kennenzulernen.
REGULA STUCKI: Niemand muss das, aber meine Vision ist, dass alle Frauen über vierzig die Möglichkeit haben, sich so ihrer Stärken bewusst zu werden und sich von alten Verhaltensmustern zu befreien. Träume haben ein schlechtes Image, man wirft Menschen, die ihre Träume ernst nehmen, gerne vor, sie hätten den Kopf in den Wolken und scheuten sich, ernsthaft zu arbeiten. Dabei sind Träume der wichtigste Nährboden für Geistesblitze. Sie erlauben einem, ein Gefühl zu entwickeln für eine stimmige Lebensform.
IRENE SCHMID: Träume ernst zu nehmen, bedeutet auch, bereit zu sein, etwas zu verändern, auszumisten im eigenen Haus, notwendige Veränderungen auszulösen. Soll Neues ins Leben treten, braucht es Freiraum dafür. Manchmal verdrängen Menschen ihre Träume aus Angst vor den Konsequenzen. Sie möchten, dass alles so bleibt, auch wenn es nicht stimmig ist.

Können Sie Beispiele nennen, wie Kursteilnehmerinnen ihren Träumen näher gekommen sind?
REGULA STUCKI: Eine Teilnehmerin erinnerte sich im Kurs an ihren alten Traum, mit Ziegen alleine auf einer Alp zu leben. Durch den anstrengenden Familienalltag mit Haushalt und Kinderbetreuung war dieser Traum in weite Ferne gerückt. Im Kurs fand sie heraus, dass es ihr auch genügen würde, wenn sie jeden Sommer zwei Wochen auf einer Alp verbringen könnte. Sie packte dieses Projekt an, knüpfte Kontakte, meldete ihre Bedürfnisse an. Als alles in die Wege geleitet war, wurde ihr bewusst, dass es gar nicht mehr nötig war, wirklich auf die Alp zu gehen. Das Entscheidende war, dass sie gemerkt hatte: Es wäre möglich, ich kann mir das herausnehmen.
IRENE SCHMID: Eine andere Teilnehmerin, eine Walliserin, vermisste in der Deutschschweiz den Zusammenhalt, sie fühlte sich isoliert. Nachdem ihr das im Kurs bewusst geworden war, erarbeitete sie das Projekt einer Frauenritual-Gruppe. Ihr Ziel ist es, eine Bewegung zu lancieren, die das Sippendenken zurückbringt. So wie sich die Frauen früher am Dorfbrunnen zum Waschen trafen sollen neue Begegnungsorte geschaffen werden. Es gibt viele weitere Beispiele. Entscheidend ist, dass Menschen ihre Träume ernst nehmen und sich gegenseitig unterstützen.

Kontakt und Information:
traum@r-r.ch
http://traum.schreibweise.ch

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