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«Eigentlich bin ich heute in erster Linie ein Schatzsucher»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 8. April 2011

Als er 16-jährig war, standen Jürg Messerli viele Wege offen. Mit 30 war er körperlich und psychisch so angeschlagen, dass an Arbeit nicht mehr zu denken war. Nach «sieben Jahren Intensivausbildung in Psychiatrie und Psychosomatik» hat Messerli wieder in der Arbeitswelt Fuss gefasst – als Unternehmer, der Handwerkskunst und Einfühlsamkeit kombiniert. PDF-Datei zum Download

Herr Messerli, was antworten Sie, wenn jemand Sie nach Ihrem Beruf fragt?
JÜRG MESSERLI: Für das, was ich mache, gibt es keine etablierte Bezeichnung. Ein Freund sagte mir vor einiger Zeit: «Du hast kein Produkt, das wir bewerben können, du schaffst in erster Linie Emotionen.» Auf dem Papier bin ich Schreiner und Sozialarbeiter mit Weiterbildung in Innenarchitektur. Aber eigentlich bin ich heute in erster Linie ein Schatzsucher und Wertzuschreiber.

In einem Ihrer Arbeitsräume hier auf dem Areal der ehemaligen Gurtenbrauerei sieht es ein wenig aus wie in einer Gerümpelkammer. Viele alte Gegenstände, die keinen Nutzen mehr bringen.
Das ist ein Teil meiner Arbeit. Ich kümmere mich um ausrangierte Gegenstände und verwandle sie durch Handwerk in Objekte, denen Betrachter wieder Wert zuschreiben. Viele alte Möbel sind extrem sorgfältig und aufwändig hergestellt worden. Wir werfen sie weg, weil sie uns nicht mehr zeitgemäss erscheinen, und ersetzen sie bedenkenlos durch Dutzendware. Ich versuche, da Gegensteuer zu geben. Die Leute bringen mir Dinge, die sie sonst wegschmeissen würden, und machen dann grosse Augen, wenn sie sehen, was daraus geworden ist. Ich kombiniere die alten Objekte mit schlichten, edlen zeitgenössischen Materialien.

Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?
Ein Kollege vertraute mir eine alte Eichenholztüre aus einem Bauernhaus an. Er hing emotional daran, weil die Tür zu den wenigen Dingen gehörte, die übrig blieben, als der Bauernhof abbrannte, aber er hatte keine Ahnung, was er mit einer alten Türe hätte anfangen sollen. Ich restaurierte die Türe, baute ein modernes Chromstahl-Gestell, befestigte die Türe darauf und überzog sie mit einer Glasplatte, die den wuchtigen Türknauf ausspart. Als mein Kollege sah, dass aus seiner Tür ein Tisch geworden war, kaufte er mir diesen sofort ab. Der Raum, in dem dieser Tisch steht, ist für ihn zum wichtigsten Rückzugsort geworden. Kein noch so trendiger Tisch könnte für ihn auf emotioneller Ebene ähnlich wertvoll sein.

Sie begleiten Ihre Kunden auch beim Innenausbau oder der Wohnungseinrichtung. Worauf achten Sie dabei?
Immer wieder wundere ich mich, wie stark sich die Leute an Trends orientieren und wie wenig sie ihr subjektives Wohlfühlen gewichten. Eine Familie zieht in einen Loft, weil sie in vielen Hochglanzheftchen gelesen hat, es sei der letzte Schrei, in grossen, lichtdurchfluteten Industrieräumen zu wohnen. Kaum ist das Prestigeprojekt möbliert und bezogen, gibt es Konflikte, alle fühlen sich unwohl. Ich orientiere mich stark an den individuellen Bedürfnissen, Träumen und Erfahrungen der Bewohner. «Wohnen» geht auf das gothische Wort «wunian» zurück, was so viel bedeutet wie: Im Frieden bleiben, geschützt sein vor Schaden und Bedrohung.

Wie kamen Sie dazu, sich für individuelles Wohnen und ausrangierte Gegenstände zu interessieren?
Ich wurde ja selber von einem Tag auf den anderen ausrangiert. Mit 30 gabs einen grossen «Chlapf», mein Körper streikte, ich lag drei Wochen lang im Spital, hatte Lähmungserscheinungen und Todesängste. Von einem Tag auf den anderen wurde ich von einem funktionierenden Teil der Gesellschaft zu einem komplett wertlosen Fall. Da ich nicht mehr arbeiten konnte, stand ich vor der immensen Aufgabe, mir selber Wertschätzung zu geben. Als die Ärzte keine medizinischen Ursachen gefunden hatten für die Funktionsstörungen, kümmerten sich die Psychiater um mich und fragten mich: «Wessen Leben haben Sie eigentlich gelebt in den 30 Jahren? Ihres jedenfalls nicht.»

Als Sie 16 waren, standen Ihnen viele Türen offen. Sie waren ein begabter Trompeter und ein talentierter Handballer…
Ich hätte diese Begabungen gerne zum Beruf gemacht, hörte aber immer wieder, ich sei leider in den falschen Bereichen talentiert. Die Angst vor dem Versagen, die Angst, Menschen zu enttäuschen und ihre Anerkennung zu verlieren, war zu gross. Also gehorchte ich der Stimme der Vernunft, gab den Sport, die Musik und all die anderen Dinge, die mir wichtig waren, auf und schlug einen soliden Berufsweg ein. Ich bereue es nicht, Schreiner geworden zu sein, aber ich wünschte mir, ich hätte mich weniger stark amputiert auf dem Weg dorthin.

Ist das so etwas wie Ironie des Schicksals, dass Sie heute Ihre Kunden an die Bedeutung der Emotionen und des Wohlfühlens in ihren vier Wänden erinnern?
Das hat schon seine Richtigkeit. Ich weiss, was passieren kann, wenn man seine Bedürfnisse komplett aus den Augen verliert und sich nur an Wertzuschreibungen anderer orientiert. Mein Körper hat mit einem extremen Hilfeschrei darauf reagiert, dass ich mir selber nicht genug Raum gab. Sieben Jahre lang durchlief ich eine Intensivausbildung in Psychiatrie und Psychosomatik – am eigenen Leib. Ich war gezwungen, mich sehr gründlich mit mir auseinanderzusetzen. Das war furchtbar, aber auch eine Riesenchance. Hätten mich meine Frau und meine beiden Töchter in dieser Zeit verlassen, hätte ich das wohl nicht durchgestanden. So konnte ich mich irgendwann mit der Frage beschäftigen, was ich beruflich noch machen könnte.

Wie verlief der Wiedereinstieg?
Ann Forrer, die mich als Coach begleitete, ermutigte mich, wieder ins kalte Wasser zu springen. Die IV, das RAV und die Psychiatrie konnten nicht meine einzigen Anlaufstellen bleiben. Sie fädelte ein, dass ich bei der Awiwa Bau GmbH mit einem kleinen Pensum als Hilfsarbeiter auf dem Bau einsteigen konnte. Meine Muskeln schmerzten höllisch, aber ich war glücklich, die Erschöpfung zu spüren und daran ablesen zu können, dass ich mich ins Zeug gelegt und etwas Nützliches gemacht hatte. Mit der Zeit wagte ich es, auf mein handwerkliches Geschick und meine Sensibilität zu setzen. Für mich war es ein komplett neuer, gewöhnungsbedürftiger Gedanke, das zu tun, was ich gerne mache, und damit erst noch den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Gelingt Ihnen das?
Mal besser, mal weniger gut – meine Frau arbeitet ebenfalls und unterstützt mich enorm. Die handwerkliche Arbeit in engem Kontakt mit Kunden tut mir gut. Ich bin glücklich, heute jene Stärken einsetzen zu können, die mir lange Zeit eher wie eine Last vorkamen. Es ist wichtig, im Gespräch mit Kunden hellhörig zu sein, auch Zwischentöne herauszuhören. Und es braucht Intuition, einen sechsten Sinn dafür, was jemandem wichtig ist. Das ist vielleicht das Schönste in meinem heutigen Beruf: Ich verwandle Bedürfnisse, Wünsche und Träume in individuell gestaltete Wohnform – und kann immer wieder miterleben, wie viel sich für die Kunden dadurch verändert.

Kontakt und Information:
www.fundstatt.ch

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3 Kommentare zu “«Eigentlich bin ich heute in erster Linie ein Schatzsucher»”

  1. Ro sagt:

    Lieber Jürg, Deine Geschichte zeigt, dass Menschen zu oft nach Ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt werden. Das “Sein” ist da meist Nebensache. “Wer bin ich? Was macht mich aus? Was ist mein Traum?” sind heute leider zu wenig gestellte Fragen, die eben dieses “Sein” des Menschen ein Stück weit definiert. Populäre Fragen sind eher: “Was muss ich tun, um so zu werden wie mein Idol? Welchen Beruf muss ich lernen, welche Arbeitsstelle annehmen um reich zu werden?” Aber Du hast Dich auf einen mutigen, langen und mühsamen Weg gemacht, entgegen dem “Mainstream”. Und das hat Dich zu dem gemacht, der Du heute bist. Ich schätze Dich sehr als Mensch, mit all Deinen Fassetten. Und als Freund – der nicht nur “Ja und Amen” sagt, sondern, seine eigene Meinung, sein eigenes Gespür zu teilen weiss. Und übrigens, ich arbeite sehr gerne an MEINEM Schreibtisch. Dieser wurde von uns zusammen entwickelt und durch Dich zu einem bleibendem Schatz in meinem Büro geschaffen. Er passt zu mir, so wie ich bin und meinen Bedürfnissen, so wie ich arbeite. Ich wünsche Dir, dass noch viele Deine kreative und auf die Person “zugeschreinerte” Wertschaffung schätzen lernen. Oder ganz einfach gesagt: Den Schatz, den sie in sich tragen ein Stück weit durch Deine Unterstützung finden.

    Ro

  2. Dolf Karssen sagt:

    Jurg,

    Leuk stuk om te lezen.

    Liefs.

    Sandra, Dolf en Nikki

  3. Lilo & Bruno Kiener sagt:

    Lieber Jürg
    Mit Interesse haben wir Deinen Bericht gelesen. Wir sind sehr glücklich über Dein handwerkliches Geschick. Dank diesem und Deinem feinen Gespür sind wir jetzt stolze Besitzer einer phänomenalen Bar. Wir sind Dir dankbar und freuen uns, Dich zu kennen. Wir wünschen Dir viele tolle Aufträge und gute Begegnungen mit interessanten Leuten. Alles Liebe Lilo & Bruno