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«Der Kopf ist das schlimmste Organ des menschlichen Körpers»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 10. März 2011

Robin Cornelius

Robin Cornelius

US-Präsident Jimmy Carter und die tiefen Löhne der Lausanner Taxifahrer veranlassten Robin Cornelius vor 30 Jahren, die Firma Switcher zu gründen. Dass es eine Erfolgsgeschichte wurde, hat viel mit dem Temperament des Patrons zu tun. Er sei «ein 54-jähriges Kind», sagt Cornelius. «Es ist unglaublich, was möglich wird, wenn wir uns durch Intuition und Empathie leiten lassen.» Interview als PDF-Datei 

Herr Cornelius, Ihre Firma Switcher feiert in diesem Jahr den 30. Geburtstag. Wie kamen Sie damals als Student auf die Idee, mit T-Shirts zu handeln?
ROBIN CORNELIUS: Ich machte neben der Handelshochschule noch ein Lizentiat in politischer Wirtschaft. Um das Studium zu finanzieren, fuhr ich nachts Taxi. Aber mit 9 Franken in der Stunde kommt man nicht weit. Dann sah ich am Fernsehen einen Beitrag über Jimmy Carter. Man konnte sehen, wie der damalige US-Präsident in völlig unüblicher Kleidung Joggen ging, um ihn herum die Bodyguards im Anzug. Das war die Geburtsstunde von Switcher. Ich dachte: Mit bequemer Sport- und Freizeitkleidung könntest du mehr Geld verdienen als mit Taxifahrten. Also begann ich, Sweatshirts aus Portugal an Schweizer Druckereien und Läden zu verkaufen. Nach ein, zwei Jahren reiste ich das erste Mal nach Indien. Dadurch hat sich mein ganzes Leben verändert.

Warum?
Weil von da an der Profit nicht mehr das Wichtigste war. Ich flog hin, um die Shirt-Produktion zu optimieren. Dann sah ich überall Kinder, die kein sauberes Wasser zu trinken hatten und nicht zur Schule gehen konnten. Je nachdem, wo gerade was für Shirts produziert wurden, hatte das Wasser der Flüsse eine andere Farbe. Ich fragte meinen Geschäftspartner in Indien, was es kosten würde, eine Schule zu eröffnen. Wir realisierten spontan ein Projekt für acht Klassen und 180 Kinder. Wenn wir Ware transportierten, nutzten wir immer einen Lastwagen für den Transport von sauberem Trinkwasser. So haben wir begonnen, kleine Sachen zu verändern. Wenn man ein wenig Empathie hat, kann man doch nicht einfach runterfliegen, sein Business machen und wieder zurück in die heile Welt fliegen.

Hatten Sie während des Studiums nie daran gedacht, eine gut dotierte Stelle in einem grossen Unternehmen anzunehmen?
Diese Firmen haben um uns geworben. Ich sagte jedem, der mich fragte, ich wolle keinen Boss haben, der mich zu einem guten Beamten macht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir eine Autorität vorschreibt, was ich zu tun und zu denken habe. Diese extreme Spezialisierung in der heutigen Arbeitswelt widerspricht der menschlichen Natur. Sie macht uns unfrei und gleichgültig. Durch die freiwillige Beschränkung verlernen wir, das Leben ganz auszukosten und mutig zu sein.

Sie haben schon als Schüler keine Autoritäten akzeptiert.
Ja, die Lehrer hatten es nicht leicht mit mir. Ich galt immer als hyperaktiv und sehr widerspenstig. Vielleicht lag das auch daran, dass mir mein Vater kaum Strukturen gab und kaum Grenzen setzte. Er hatte selber mindestens fünf Leben: Zuerst war er Flieger bei der schwedischen Armee, wo er Charles Lindbergh kennenlernte, später Marinekapitän, dann entwickelte er das System der vorfabrizierten Häuser, schrieb ein Buch über die Luft-Navigation und diente Schweden als Militärattaché in London, wo er mit Churchill verkehrte. Am Beispiel meines Vaters sah ich früh, was alles möglich ist in einem Leben. Ich stach in jungen Jahren neugierig in See und lernte erst allmählich, den Wind zu lesen und das Boot zu lenken. Die meisten Menschen denken zu viel. Sie scheuen das Risiko und wägen ab, bis sie ganz müde sind vom ängstlichen Denken. So gesehen ist der Kopf das schlimmste Organ des menschlichen Körpers.

Es ist doch ganz praktisch, klar denken zu können.
Das Problem ist die Einseitigkeit. Du kannst nicht dein ganzes Leben nur mit dem Kopf bewältigen, es braucht den ganzen Körper. Das gilt auch fürs Unternehmertum. Es braucht nicht nur den Magen, sprich: die Finanzen, sondern Arme, Beine, Herz und Lunge und vieles mehr. In den letzten Jahren dachten wir: Die Finanzen sind das Wichtigste. Wenn Cash-Flow und Rendite stimmen, ist alles gut. Und dann brachte eine starke Magenverstimmung fast das ganze System zum Erliegen. Wir haben vergessen, dass die Finanzen nur das Öl des Motors sind, der die Wirtschaft antreibt. Es ist ein synthetisches Öl, kein Olivenöl, das man trinken kann.

Auch Sie wollten und wollen doch möglichst viel Geld verdienen mit Switcher.
Das stand nur ganz am Anfang im Vordergrund. Natürlich will ich, dass Switcher erfolgreich ist und einen vernünftigen Cash-Flow erwirtschaftet. Aber in erster Linie will ich tanzen auf der Bühne der Wirtschaft und zwar so, dass ich am Abend mit gutem Gefühl und gutem Gewissen einschlafen kann. Es ist unglaublich, was möglich wird, wenn wir uns von Intuition und Empathie leiten lassen, wenn wir das kollektive Unbewusste, sie C.G. Jung es genannt hat, anzapfen. Wir haben viel grössere Kapazitäten als unseren Intellekt – wir müssen nur die Antennen wieder auf Empfang schalten. Wer mit kindlicher Neugier durchs Leben geht, stellt mit Erstaunen fest, wie sich immer wieder genau das Richtige ergibt. Diese Synchronizität beeindruckt mich. Ich stehe in einer wildfremden Stadt, jemand spricht mich an – und wenig später reden wir über gemeinsame Projekte.

Waren Sie immer so extrovertiert?
Ich bin halt ein wenig hyperaktiv. Und ich glaube ans Gute im Menschen. Von hundert Menschen sind doch maximal fünf Schlitzohre. Warum sollten wir uns dann gegenüber allen verhalten, als wollten sie uns etwas wegnehmen? Lohnt es sich wegen der paar Schlitzohre, sich in einem Panzer einzuschliessen? Ich schliesse mein Auto praktisch nie ab, wenn ich es stehen lasse. Ok, jetzt bin ich ein wenig „bourgeois“ geworden und benutze den Schlüssel manchmal, aber früher nie.

Und Sie haben vermutlich noch nie im Leben jemanden gesiezt.
Normalerweise sage ich einfach: «Hallo, wie geht’s, ich bin Robin.» Bei Polizisten mache ich es nicht so, ich will ja keinen Ärger. Bei älteren Leuten auch nicht. Aber im Business gehöre ich mit bald 55 Jahren allmählich zu den älteren, da kann ich bald alle duzen.

Passt dieses Alter zu Ihnen?
Weisst du, was das Schlimmste ist? Wenn ich an einem Managementseminar teilnehmen muss, wo es 90 Prozent Männer hat, die über die Börse, ihr Golfhandicap und die Ausbildung ihrer Kinder reden. Kaum Frauen, schon gar keine Menschen unter 25 Jahren. Ich sage dann gerne: «Wenn ich einmal gross bin…» Ich bin ein 54-jähriges Kind, das Lachen, Weinen und viele verrückte Dinge machen will. Viele Gleichaltrige definieren sich enorm stark über das Erreichte. Sie sagen: «Ich bin der, der das alles geschafft hat.» Oder: «Wenn ich endlich in Frühpension bin, werde ich das Leben geniessen.» Ich sage mir: Entscheidend ist immer die nächste Viertelstunde. Ich spüre heute mehr Energie und Leidenschaft als vor 25 Jahren. Darauf kommt es doch an.

Kontakt und Information:
robin.cornelius@switcher.com

Teil 2 des Interviews
erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

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2 Kommentare zu “«Der Kopf ist das schlimmste Organ des menschlichen Körpers»”

  1. Alois Losil sagt:

    Der Artikel hat mich sehr interessiert. Von Herrn Cornelius kann ich einstellungsmässig etwas lernen.

  2. Carlo sagt:

    This guy is awesome!