Logo

«Meine Frau nannte mich an guten Tagen einen Träumer, an weniger guten einen Spinner»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. Februar 2019
Mario Hutter sorgt für schnurgerade Seitenlinien auf Fussballfeldern.

Mario Hutter sorgt für schnurgerade Seitenlinien auf Fussballfeldern.

Als GPS-Fachmann sorgte Mario Hutter dafür, dass Traktoren in Australien satellitengesteuert die Felder beackerten. Eine Reorganisation später hatte er keinen Job mehr, aber eine Idee: Die Technologie könnte auch genutzt werden, um Sportrasen zu markieren. Heute beliefert der Unternehmer den FC Basel und Bayern München mit Präzisionsgeräten.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Hutter, Sie haben ein Robotik-Unternehmen aufgebaut, das automatische Markierungen von Sportrasen ermöglicht. Beim FC Bayern München zum Beispiel zieht eine Ihrer lasergesteuerten Maschinen aus dem St. Galler Rheintal die Seitenlinien. Haben Sie sich damit einen Bubentraum erfüllt?

MARIO HUTTER: Ehrlich gesagt war ich nie ein grosser Fussball-Fan, meine liebsten Sportarten sind Ski und Mountainbike. Wenn ich auf einem Fussballplatz oder in einem Stadion bin, interessieren mich nur der Rasen und die Linien.

Wie kamen Sie denn dazu, die Spielfeldmarkierung zu revolutionieren?

Das erste Kapitel dieser Geschichte spielt in Australien. Dort war ich während fünf Jahren als Geschäftsentwickler für satellitengesteuerte GPS-Lösungen tätig. Ich betreute für Leica Geosystems das Landwirtschafts-Kundensegment in Australien und Neuseeland. Die GPS-Empfänger machten es möglich, dass die Traktoren die grossen Felder praktisch automatisch beackerten und bearbeiteten. Der Farmer sass zwar noch am Steuer, er hatte aber kaum etwas zu tun und konnte sich zurücklehnen und ein Buch lesen. Dann kam ich zurück nach Europa, unser Team wurde reorganisiert, die Hälfte davon musste gehen, auch ich erhielt die Kündigung.

War die Entlassung für Sie ein Sprungbrett in die Selbstständigkeit?

Nicht direkt, ich arbeitete zunächst in einem anderen Job, reiste aber mehrmals nach Australien, um mit den ehemaligen Arbeitskollegen darüber zu reden, welche Anwendungsfelder es noch gäbe für die GPS-Technologie. Wir waren alle begeistert von den neuen Möglichkeiten: Weisen Smartphones eine Ortungsgenauigkeit von plus/minus 10 Metern auf, beträgt die Abweichung von hoch präzisen GPS-Empfängern für die Vermessung weniger als 1,5 Zentimeter. So kamen wir 2012 bei einem Brainstorming mit Bier auf die Idee, eine Technologie für die Markierung von Sportplätzen zu entwickeln. Wir behielten zunächst alle unsere Jobs und entwickelten die Software in der Freizeit. Die Geschäftsidee blieb also ein Hobby, bis wir die erste Maschine verkaufen konnten.

Bis dahin waren alle Platzwarte mit manuell gesteuerten Kreidewagen unterwegs?

Ja, wir waren die ersten Anbieter einer Robotiklösung – entsprechend oft hörten wir zu Beginn den Satz: «Wenn es so etwas bräuchte, gäbe es das bestimmt schon.» Wir nutzten dann 2013 die Spendensammel-Aktion «Jeder Rappen zählt» und versprachen allen Fussballclubs, die dort spendeten, eine Gratis-Linienmarkierung mit unserer Technologie. So kamen wir in Kontakt mit dem Platzwart des FC Teufen, einem Appenzeller Fussballverein mit 14 Mannschaften. Als ich dort zum Termin erschien, um unsere Erfindung vorzustellen, waren nebst dem Platzwart auch der Kassier, der Club-Präsident und der Gemeindeammann vor Ort. Sie waren so begeistert, dass sie sofort bestellten und die neue Maschine schon in der Folgewoche haben wollten. Wir brauchten ein paar Wochen länger, aber von da an war klar, dass aus dem Hobby nun bald ein Unternehmen werden würde.

Warum kauft ein Amateurclub eine Linienmarkierungs-Anlage für 20’000 Franken?

Dank GPS-Unterstützung bemerkt der Platzwart Abweichungen von wenigen Zentimetern.

Dank GPS-Unterstützung bemerkt der Platzwart Abweichungen von wenigen Zentimetern.

Zur Entlastung der Freiwilligen, welche diese Arbeit übernehmen, und aus Freude an der Technik. Durch die Automatisierung können drei Viertel der Zeit für die Linienmarkierung eingespart werden. Zudem werden die Clubs finanziell von der Sport-Toto-Gesellschaft unterstützt bei solchen Anschaffungen. Für uns war der erste Referenzkunde eine grosse Motivationsspritze. Wir entwickelten die Technologie weiter, sodass wir bald drei Varianten anbieten konnten: eine Maschine, die von Hand gestossen wird; eine Version, auf der der Verantwortliche mitfährt; und schliesslich eine autonome Version, welche die Linien vollautomatisch zieht. Bei Sportplätzen im Freien kommt dabei stets die GPS-Technologie zum Einsatz, in Stadien, wo der Satelliten-Empfang zu schlecht ist, dient ein Lasertracker als Steuerinstrument.

Wie hat sich die Nachfrage seit dem ersten Kunden 2014 entwickelt?

Sehr erfreulich. Wir zählen nun auch namhafte Referenzen wie zum Beispiel den FC Basel, die Stadt Zürich, die Stadt Winterthur oder den FC Sion zu unseren Kunden. In Deutschland haben wir mit dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München namhafte Abnehmer gefunden, insgesamt sind wir in acht europäischen Ländern und in Australien präsent. Diese Woche konnten wir einen Vertrag mit einem amerikanischen Vertriebspartner unterzeichnen, der uns die Expansion in diesen gigantischen Sportmarkt ermöglicht. Wir wollen auch in den USA Marktführer werden bei den Sportrasen-Markierungen. Inzwischen hat unsere Idee übrigens Nachahmer gefunden. Wir sind dankbar für diese Konkurrenz, denn dadurch wächst die Nachfrage nach Robotiklösungen in diesem Bereich schneller. Ich konnte mein Angestelltenpensum sukzessive reduzieren, seit 2016 arbeite ich Vollzeit in unserer Firma Swozi. Am Anfang war es eine Challenge, jeden Monat ein paar tausend Franken als Lohn rauszunehmen, aber seit letztem Jahr schreiben wir schwarze Zahlen. Und nun kommen die goldenen Jahre – meine Frau würde hier vermutlich einwenden, dass ich das seit Jahren behaupte.

Hat sie Ihre Idee von Anfang an mitgetragen?

Wir haben drei Töchter im Alter von zwei, neun und 13 Jahren. Entsprechend gab es schon Diskussionen, ob das ein vernünftiger Schritt ist. Konkret nannte sie mich an guten Tagen einen Träumer und an weniger guten einen Spinner. Es war ja auch schwierig, weil ich etwas verkaufen wollte, was auf dem Markt noch gar nicht existierte. Aber ich hatte schon früh davon geträumt, etwas Eigenes aufzubauen, und ich hatte ein gutes Gefühl. Klar, der Druck ist grösser, wenn man nicht einfach angestellter Fachmann ist, sondern sich um alles kümmern muss. Ich habe zwar eine tolle App für meine To-do-Liste, aber kürzer wird sie deswegen nicht. Schön ist, dass meine Frau inzwischen auch bei Swozi arbeitet und wir somit gemeinsam träumen und spinnen können.

Kontakt und Information:

www.swozi.com oder mario.hutter@swozi.com

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.