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«Es ist befreiend, mitten durch die Angst zu gehen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 26. Januar 2019
Franziska Huber weiss, wie Angst in eine schöpferische Kraft verwandelt werden kann.

Franziska Huber weiss, wie Angst in eine schöpferische Kraft verwandelt werden kann.

Als freischaffende Geigerin hat Franziska Huber ihren eigenen Weg gesucht. Nebst der Interpretation wurde die Improvisation immer wichtiger, dazu erforschte sie, welchen Einfluss die Haltung auf Beweglichkeit und künstlerischen Ausdruck hat. Nun bringt die 45-Jährige ein eigenes Werk auf die Bühne, das Musik, Tanz und Performance verbindet.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Huber, wie wurden Sie freischaffende Geigerin?

FRANZISKA HUBER: Ich spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Geige. Ein wichtiges Vorbild war mein Grossvater, der zwar kein Berufsmusiker war, aber mit grosser Leidenschaft musizierte. Nach der Schule hätte ich am liebsten Musik studiert, aber mein Vater, der Arzt war, fand, ich solle zuerst etwas Rechtes lernen. So nahm ich das Lehrerseminar in Angriff, um später unterrichten zu können wie meine Mutter. Nach einem Jahr konnte ich aber der Versuchung nicht widerstehen, die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zu absolvieren – und als ich diese bestand, war für mich klar, dass ich mich ganz der Musik widmen wollte fortan. Danach sind auch meine beiden jüngeren Schwestern Künstlerinnen geworden.

Warum haben Sie nach dem Studium keine Stelle in einem grossen Orchester angetreten?

Ich wirkte jahrelang im Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester mit und konnte so in jungen Jahren die grossen Orchesterwerke in all den schönen Konzertsälen spielen. Auf Dauer wäre eine Festanstellung in einem Sinfonieorchester aber nichts für mich gewesen. Ein Orchester ist sehr hierarchisch organisiert, es gibt wenig Freiraum für schöpferische Tätigkeiten. Ich wollte die Kreativität ins Zentrum meines Schaffens stellen, Interpretation mit Improvisation verbinden. Deshalb bildete ich mich an der Hochschule Basel in Improvisation weiter. In der Folge war ich jahrelang alleine unterwegs: Ich unterrichtete an Musikschulen und trat solo oder mit einem Pianisten/Organisten auf, spielte in Gottesdiensten, an Geburtstagen, Hochzeiten und Beerdigungen. Das funktionierte ganz gut, und ich finde es heute noch schön, für Menschen in wichtigen Lebenssituationen zu spielen. Aber im Grunde war ich immer noch auf der Suche nach einer Tätigkeit, die persönlich war und trotzdem ein Zusammenspiel mit anderen einschloss.

Wie findet man seinen Weg, wenn man nicht weiss, wonach man sucht?

Ich liess mich von Themen leiten, die mich persönlich beschäftigten. Eines war die Frage, wie man auch bei höchsten technischen Anforderungen und nervlicher Anspannung entspannt und beweglich bleibt. Ich litt als junge Geigerin selber unter Schmerzen in der Schulter und kenne viele Berufskollegen, die Verschleiss- oder Ermüdungserscheinungen im Rücken- und Schulterbereich beklagen. In der Dispokinesis-Ausbildung lernte ich, wie wichtig eine gute Haltung ist und wie sehr es dabei auf unsere Füsse, Beine, den Beckenboden und Unterbauch ankommt. Wer über seine innere und äussere Bewegung verfügen will, braucht eine feine Wahrnehmung der Balance aus An- und Entspannung. Unser Körper sucht grundsätzlich nach Halt. Fehlt die Stabilität im unteren Körperbereich, hält er sich kompensatorisch oben. Rücken, Schultern, Nacken oder Kiefer verkrampfen sich. Wer dagegen gut verwurzelt ist, kann sich oben frei bewegen und ausdrücken.

Das betrifft nicht nur Berufsmusiker.

Nein. Berufsmusiker sind besonders anfällig für Verspannungen, weil ihre Belastungen einseitig sind und weil sie zusätzlich exponiert sind bei ihrer Arbeit. Aber grundsätzlich tun alle, die kleinere oder grössere Bühnen betreten, gut daran, die Anspannung bewusst zu steuern, sodass sie gut mit dem Boden verbunden sind und oben der Atem frei fliessen und die Stimme voll erklingen kann. Dispokinesis ist in der Schweiz noch kaum bekannt, aber in meinem Unterricht mit Erwachsenen und im Schülerensemble arbeite ich konsequent mit dieser Haltungs- und Bewegungsschulung. Bei der präventiven oder therapeutischen Arbeit mit Musikern oder anderen Kunden sehe ich, wie viel Bewegungsfreiheit damit gewonnen werden kann und wie viele Auftrittsängste sich in erhöhte künstlerische Präsenz verwandeln.

Haben Sie selber unter Auftrittsangst gelitten?

Und wie! Vermutlich kennen alle, die mit einem persönlichen Werk vor ein Publikum treten, diesen Fluchtreflex kurz vor dem Auftritt. Man möchte alles, nur nicht auf die Bühne, fühlt sich nackt, klein, unzulänglich. Und wenn man die Angst überwindet und sich exponiert, öffnet sich ein Raum und es wird Resonanz möglich. Die Angst an sich ist nicht schädlich, die Frage ist nur, wie wir mit ihr umgehen und ob wir sie als schöpferische Kraft nutzen.

Sie haben sich intensiv mit dem Thema Angst auseinandergesetzt und bringen im April eine eigene Musik- und Tanzperformance auf die Bühne mit dem Titel «Wirf deine Angst in die Luft».

Der Titel entspricht der Anfangsstrophe eines Gedichts von Rose Ausländer. Es heisst «Noch bist du da» und endet mit der Aufforderung: «Sei was du bist | Gib was du hast». Auf musikalischer Ebene arbeiten wir mit der Geigensonate des Komponisten Francis Poulenc, dazu kommt der Tanz als weitere Ausdrucksebene. Für mich stand die Frage im Zentrum, wie Menschen trotz Angst und Verzweiflung vertrauen und schöpferisch tätig sein können. Poulenc und Ausländer liessen sich trotz Lebensgefahr nicht vom Schreiben und Komponieren abhalten, sie widersetzten sich damit der Unterdrückung. Ich wollte der Frage nachgehen, warum manche noch in den bedrohlichsten Situationen vertrauen können und andere sich frühzeitig von Angst lähmen lassen.

Was haben Sie dabei über Ihre eigenen Ängste gelernt?

In meiner Ursprungsfamilie erlebe ich, wie lähmend Angst wirken kann. Daher war es auch eine Versöhnungsarbeit, mich in das Thema zu vertiefen und mich mit einem solch gewagten, spartenübergreifenden Projekt zu exponieren. Ich brachte keine Erfahrung in Tanz, Schauspiel oder Performance-Kunst mit und vertraute darauf, die richtigen Partner zu finden, die mich ergänzen. Das hat bereits geklappt. Organisatorisch bleibt das Projekt anspruchsvoll und finanziell ist es ein Wagnis, aber von Anfang an hatte ich das Gefühl, endlich anzukommen, nun das Richtige zu tun. Ich vertraue darauf, dass die Ressourcen der Energie folgen werden. Alles Wertvolle beginnt in Unsicherheit, und es ist befreiend, seinen Weg zu gehen, auch dann, wenn er mitten durch die Angst führt.

Kontakt und Information:

www.ganzgeige.ch oder franziska@ganzgeige.ch

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