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«Wir haben ein zweites Leben geschenkt bekommen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 30. Juni 2018
Matthias Brunner hat als Unternehmer gelernt, mit Rückschlägen umzugehen.

Matthias Brunner hat als Unternehmer gelernt, mit Rückschlägen umzugehen.

Matthias Brunner und Edith Locher Brunner hatten die Fitness zu ihrem Beruf gemacht: Nach dem Sportstudium entwickelten sie Aquagym-Programme und feierten damit unternehmerische Erfolge. Dann stellte eine Viruserkrankung ihr Leben auf den Kopf. Edith Locher überlebte nur knapp, ihr Mann findet heute das Glück in den kleinen Dingen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Brunner, Sie bieten seit 25 Jahren Fitnesskurse im Wasser an. Wie sind Sie zum Aquafitness-Pionier geworden?
MATTHIAS BRUNNER: Meine Frau und ich haben beide Sport studiert. Als der Landesverband für Sport – heute Swiss Olympic – nach Möglichkeiten suchte, weniger sportliche Leute in Bewegung zu bringen, entwickelten wir für den Schwimmverband ein Konzept. Schwimmen hat relativ hohe Einstiegshürden, weil es eine technische Sportart ist. Wir überlegten uns deshalb, wie wir die Leute einfacher ins Wasser bringen könnten, und entwickelten Anfang der Neunzigerjahre erste Aquagym-Programme. Bald bildeten wir Leiterinnen aus, die in ihren Schwimmvereinen solche Angebote lancierten. Die Angebote boomten, und später machten sich meine Frau und ich selbstständig in dieser Nische.

Was ist so toll daran, in Hallenbädern zu turnen?
Ein grosser Vorteil von Aquafitness ist, dass der Widerstand individuell dosierbar ist und dass Kraft, Kreislauf, Koordination und Beweglichkeit gleichermassen trainiert werden. Wegen des Auftriebs im Wasser ist das Gewicht und damit das Verletzungsrisiko erheblich geringer. Leider haben das bisher fast nur die Frauen entdeckt. Männer kommen meistens erst ins Aquafitness, wenn sie wegen Rückenbeschwerden oder Gelenkproblemen nicht mehr Fussball spielen oder Joggen können.

Sie und Ihre Frau Edith bezeichneten sich selber als Glückskinder: Sie waren gesund, fit, als Unternehmer erfolgreich – und hatten es sogar geschafft, Teile des Unternehmens frühzeitig in neue Hände zu geben und sich so Freiraum für gemeinsame Reisen zu schaffen. Ende 2016 änderte sich das schlagartig.
Wir kehrten am 26. November 2016 glücklich von einer 3-monatigen Südamerika-Reise zurück. Als wir am Flughafen auf unser Gepäck warteten, begann ich plötzlich zu zittern. Innert kurzer Zeit bekam ich hohes Fieber, litt an Schüttelfrost. Dann hatte ich Mühe mit dem Atmen, ging zum Arzt und war bald darauf auf der Intensivstation, wo ich künstlich beatmet werden musste. Mein Körper spielte wegen einer seltenen Viruserkrankung verrückt, aber nach einer Woche war ich dank den kompetenten Medizinern am Berner Inselspital über den Berg und konnte die Rehabilitation in Angriff nehmen. Am Tag vor Heiligabend erkrankte meine Frau. Bei ihr war der Verlauf wesentlich schlimmer. Sie musste intubiert und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Als ich endlich bei ihr im Spital war, teilte mir ein Oberarzt mit, das Leben meiner Frau hänge an einem seidenen Faden. Da realisierte ich: Alleine schaffst du das nicht, du musst dir Hilfe holen.

Ihre Frau schwebte 10 Tage lang in Lebensgefahr. Wie hielten Sie das aus?
Ich rief schon am 24. Dezember meinen besten Freund an, der gerade mit seiner Familie Weihnachten feierte. Eine halbe Stunde später war er im Spital bei uns. Dann bauten wir ein Support-Team auf, so dass an jedem Tag jemand bei Edith auf der Intensivstation war und ich mich etwas erholen konnte. Ich war körperlich noch geschwächt, aber vor allem war es ein grosser Schock. Wir hatten es vorher nie in Erwägung gezogen, dass jemand von uns vor neunzig sterben könnte – wir waren ja gesund und fit. In dieser schwierigen Situation haben mir die vielen Gespräche mit den Ärzten und Seelsorgern im Inselspital sehr geholfen. Ich empfinde Hochachtung vor diesen Menschen, die nicht nur in medizinischen Kategorien dachten, sondern mich auf der ganzen Linie stützten. Es war hart, meine Frau im Koma auf der Intensivstation zu sehen, aufgedunsen, voller Schläuche und Blut. Ohne die Unterstützung hätte ich es nicht geschafft, in dem Moment stark zu sein und ihr möglichst gute Gefühle zu vermitteln.

Hat Ihre Frau davon etwas mitbekommen?
Das weiss ich nicht, sie hat bis heute keine Erinnerung an die ersten 8 Monate nach der Erkrankung. Die ersten Tage waren dramatisch, wir wussten, dass sie jederzeit sterben konnte, ein Organ nach dem anderen versagte den Dienst, der Körper zentralisierte das Blut so stark, dass sie am rechten Fuss drei Zehen verlor und ihr das linke Bein oberhalb des Knies amputiert werden musste. Und doch zeigte sich in dieser schwierigsten Zeit auch ihr starker Lebenswille. Sie steckte so viele Rückschläge weg. Nach einigen Tagen, als das Herz wieder etwas stärker schlug, sagte die Seelsorgerin zu mir: «Wenn Ihre Frau das geschafft hat, schafft sie alles.» Das war wie eine Befreiung für mich.

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Matthias Brunner und Edith Locher beim Spazieren.

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Matthias Brunner und Edith Locher beim Spazieren.

Nach einem halben Jahr wurde Ihre Frau nach Nottwil ins Paraplegikerzentrum verlegt, Ende Mai konnte sie nach 17 Monaten wieder nach Hause kommen. Überwiegt die Dankbarkeit oder hadern Sie manchmal damit, was alles nicht mehr möglich ist?
Wir sind seit 1980 ein Paar, ich hänge sehr an meiner Frau und bin unendlich dankbar, dass sie überlebt hat und ihr Hirn unbeschadet geblieben ist. Es dauerte viele Monate, bis sie wieder reden konnte, aber ihr Geist war bald schon wieder sehr wach. Einmal, noch im Inselspital, schrieb sie auf einen Zettel: «Unterschätzen Sie mich nicht!» Klar, die meisten unserer Pläne sind über den Haufen geworfen worden, aber wir haben ein zweites Leben geschenkt bekommen. Ich habe nicht in erster Linie die Skitouren und Reisen vermisst, sondern den gemeinsamen Alltag. Nun können wir wieder gemeinsam aufwachen, gemeinsam die Abwaschmaschine ausräumen – schon das ist ein grosses Glück. Für mich ist es einfacher, die Situation zu akzeptieren, ich habe acht Monate Vorsprung in der Verarbeitung und bin wieder gesund. Meine Frau ist noch sehr schwach, nach wenigen Schritten ist sie ausser Atem, ihre Lungenkapazität ist wegen der vielen Vernarbungen gering. Wenn man immer wieder um Luft ringen muss, ist es schwieriger, positiv zu bleiben. Meine wichtigste Mission ist es nun, meiner Frau ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen.

Sie haben in ihrer Abwesenheit das Haus umgebaut und in diesen ersten Wochen mehr als Pfleger denn als Unternehmer gearbeitet. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse zu stark vernachlässigen?
Doch, das muss sich nach ein paar Monaten wieder einpendeln; es ist wichtig, dass ich wieder Zeit für mich und fürs Unternehmen habe, sonst bin ich auf Dauer keine gute Unterstützung für Edith. Aber am Anfang gab es sehr viel zu tun. Natürlich werden wir von staatlichen Stellen unterstützt, aber die Invalidenversicherung zum Beispiel zahlt nur, was sogenannt nützlich und zweckmässig ist, also keine rollstuhltaugliche Küche, keinen Lift bis in den Keller, kein spezielles Tandem für gemeinsame Ausflüge. Ich habe deshalb die Weiterbildungen für Aquafitness-Instruktorinnen neu als Solidaritätsprojekt konzipiert. Was wir dort über die Selbstkosten hinaus einnehmen, fliesst direkt in die Lebensqualität meiner Frau. Das ist eine schöne Motivation für mich, am Sonntag um halb sechs aufzustehen und zum Beispiel in Zürich zu unterrichten.

Sie wirken sehr positiv. Woher nehmen Sie diese Kraft?
Ich glaube, so wie man lebt, so geht man auch mit Schicksalsschlägen um. Ich sah schon früher leicht die positiven Aspekte in schwierigen Situationen – als Unternehmer lernt man ja, sich von Fehlern und Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Heute konzentriere ich mich auf den Gestaltungsraum, der uns bleibt, und bin dankbar für Dinge, die vorher selbstverständlich waren. Wir wussten schon vorher, dass Freunde wichtig sind, aber die letzten 18 Monate hätten wir beide nicht durchgestanden ohne die Menschen, die uns geholfen haben, über das Schwierige zu reden und es so zu verarbeiten. Wenn ich durch unsere Geschichte anderen Mut machen kann, die ebenfalls Rückschläge verarbeiten müssen, gibt mir das zusätzlich Kraft.

Kontakt und Information: www.solidaqua.ch oder mb@aquateam.ch

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4 Kommentare zu “«Wir haben ein zweites Leben geschenkt bekommen»”

  1. Monika Probst sagt:

    Eine tief berührendes Interview über den Lebensweg von Edith und Matthias Brunner. Bewundernswert wie Beide kämpfen, füreinander da sind, nicht aufgeben und trotz allem die positive Einstellung im Leben nicht verloren haben. Chapeau!
    Und was die beiden Pioniere der Aquagym-Programme entwickelt haben ist sensationell! Ein Team, ein Paar auch in schlechten Zeiten! Gottes Segen euch Beiden!

  2. François Gibel sagt:

    In guten UND in schlechten Zeiten die Beziehung aufrecht erhalten! Das kann, wie hier die Wirklichkeit zeigt, eine sehr mühevolle Angelegenheit sein. Sie zeigt uns Leserinnen und Lesern auch, die Kraft der Liebe, wieviel Energie diese spendet. Zeigt auch, wie wichtig ein positives Umfeld ist. Herr Brunner, Sie sind der Fels in der Brandung, die stabile Zone für Ihre Frau.
    Bewundernswert wie Sie dies gemeinsam meistern. Hut ab und viel Glück und Erfolg für die Zukunft!

  3. Therese Schreiber sagt:

    Hut ab ! Ganz das Gegenteil in meinem Fall erlebt: Ich wurde zwischen einer 10. und 11. Operation von 16 geghostet. Das heisst, der Partner verabschiedete sich nach 30 Jahren per Mail.
    Schön zu lesen, dass es auch anders geht. Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.

  4. Peter Russenberger Bern sagt:

    Matthias, jetzt habe ich in der BZ das Interview mit Dir gelesen. Wow, was Du und Deine Edith alles durchgemacht habt. Bin tief bestürzt aber auch tief beeindruckt mit welcher Kraft und mentaler Stärke ihr beiden diese Schicksalsschläge gemeistert habt. Toll, dass es Euch beiden wieder besser geht. Viel Kraft. War einige Jahre bei Dir und Edith im Aqua Fit. Ich war einer der wenigen Männer welche das AF megacool fanden. Fühlte mich im Wasser mit den Frauen immer pudelwohl. Als ich im Bernaqua ein Abo hatte, machte auch dort AD. Und ich habe bei Dir technisch korrekt Crawlen gelernt. .Russo.

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