Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

«Mach jeden Tag etwas, wovor du Angst hast»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 23. September 2017
Alisee deTonnac hat Prestige-Job und Freund zurückgelassen, um weltweit spannende Start-ups aufzuspüren. Foto: Aurélien Bergot

Alisée de Tonnac hat Prestige-Job und Freund zurückgelassen, um weltweit spannende Start-ups aufzuspüren. Foto: Aurélien Bergot

Bestnoten in der Schule und an der Universität, danach ein Traumjob in der Modemetropole Mailand: Alisée de Tonnac gelang in den ersten 23 Jahren ihres Lebens alles, wenn da bloss nicht die innere Leere und die Panikanfälle gewesen wären. Dann traf sie einen Mann und brach mit ihm zu einer Weltreise auf, die bis heute andauert.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau de Tonnac, Sie arbeiteten schon mit 23 Jahren als Produktmanagerin für L’Oréal in Mailand und standen vor einer glänzenden Karriere. Warum sind Sie ausgestiegen, bevor es richtig losging?

ALISEE DE TONNAC: Ich war nicht glücklich – und konnte mir selber nicht erklären, warum das so war. Mein Leben war bis dahin perfekt verlaufen, Kindheit in Singapur und im Silicon Valley, ausgebildet an französischen Eliteschulen, später in Lausanne den Master in Management erworben und bald darauf in Mailand für die Marken Lancôme und Giorgio Armani verantwortlich. Ich hatte das Leben, von dem ich geträumt hatte, Prestige, Luxus, berufliche Perspektiven und dazu den perfekten Freund – und ich war erschüttert, wie wenig aufregend sich das anfühlte, worum mich alle anderen beneideten. Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, einen Tag ohne Arbeit zu sein, ich erhöhte die Anstrengung, wollte es allen beweisen, aber am Sonntagabend befiel mich immer öfter Panik und es kostete mich grosse Überwindung, die neue Woche in Angriff zu nehmen.

Wann merkten Sie, dass es so nicht weiterging?

Zuerst dachte ich, ich müsse mich da durchbeissen und nach oben kämpfen, dann werde es besser. Doch dann wurde mir mehr und mehr bewusst, wie sehr mir all die politischen Spielchen gegen den Strich gingen. Man musste abends möglichst lange im Büro bleiben, bei allem, was man sagte, darauf achten, ob es der Meinung der Vorgesetzten entsprach – all diese Dinge, die auf Dauer zu Bauchschmerzen führen. Als ich mitbekam, dass manche Kollegen ausrechneten, wie viele Jahre noch zu überstehen waren bis zur Pensionierung, rüttelte mich das auf und ich wurde mir bewusst, wie absehbar der weitere Weg war und wie wenig das alles mit mir zu tun hatte. Es half, dass mein Bruder und meine Freunde mir signalisierten, diese oberflächliche Welt tue mir nicht gut, sie erkennten mich kaum mehr wieder. Und dann sah ich eines Tages in einem Nike-Werbevideo diese Botschaft von Eleanor Roosevelt: «Mach jeden Tag etwas, wovor du Angst hast.» Das traf mich mitten ins Herz.

Und wo beginnt man da, wenn man in der Mailänder Luxuswelt sitzt?

Man braucht Menschen, die einem die Hand reichen und den Übergang erleichtern in ein neues Leben. Ich traf in dieser Zeit an einer Party den Unternehmer Pierre-Alain Masson, der gerade die Firma Seedstars mit Sitz in Genf aufbaute. Er erzählte mir, er breche demnächst zu einer Weltreise auf und werde die spannendsten Start-ups rund um den Globus suchen und ein Netzwerk aufbauen, um diese zu unterstützen. Ich war Feuer und Flamme für diese Idee und wusste sofort: Das ist der perfekte Gegenentwurf zu meinem langweiligen komfortablen Leben. Natürlich rieten mir die meisten Kollegen davon ab, die Businesswelt funktioniert in dieser Hinsicht wie eine Sekte: Wenn einer von Bord will, warnen ihn alle, dass er danach nie mehr etwas finden werde. Doch ich spürte, dass das nach all den von Perfektionismus geprägten Jahren genau das Richtige für mich war: mitten in die Unsicherheit und ins Abenteuer hinein. Im schlimmsten Fall konnte ich immer noch zurückkehren.

Wie haben Sie den Umstieg erlebt und die Reisen durch Länder wie Ghana, Ruanda oder Nigeria?

Ich kündigte den Job, verliess meinen Freund, packte den Rucksack und spürte: Ich verliere damit nichts, aber ich gewinne unendlich viel Freiheit und Lebendigkeit. Viele Menschen haben grosse Angst davor, die Sicherheit loszulassen, etwas Neues zu beginnen. Aber wenn du wirklich kündigst und dir das nicht nur ausmalst, wird es auf einmal ganz einfach. Es fällt eine grosse Last ab und du spürst die Energie, die du für den Neuanfang brauchst. Dass wir uns auf Schwellenländer konzentrierten, hat damit zu tun, dass 85 Prozent der Weltbevölkerung in solchen leben und dass dort die unternehmerische Energie unglaublich hoch ist. Natürlich herrschen in Lagos, Nigeria, keine komfortablen Schweizer Verhältnisse – es gibt aber entsprechend auch nicht dieses ausgeprägte Sicherheitsdenken. Je grösser die Hindernisse sind, desto ausgeprägter ist die unternehmerische Kreativität, diese zu überwinden.

Sie haben 2015 und 2016 in Lagos gelebt. Welches waren die prägendsten Eindrücke?

Uns fallen sofort die Stichworte Terror und Korruption ein, wenn wir an Nigeria denken. Ich habe in Lagos vor allem erlebt, welch unglaubliche Dynamik 18 Millionen Menschen erzeugen können. In keinem Land gibt es nur Gangster und Korrupte, auch wenn die Medien uns gerne solche Bilder vermitteln. Auch in Lagos gilt: Ein Grossteil will etwas aufbauen, die persönliche Situation und ein wenig auch die Welt verbessern. Es gab keinen Abend, an dem ich nicht mit neuen Ideen nach Hause gekommen wäre. Wir haben in Lagos nicht nur Wettbewerbe für Start-ups durchgeführt, sondern auch vier Unternehmen und einen Co-Working-Space gegründet. Aber natürlich war das Leben auch erschöpfend. Manchmal stehst du ohne Vorwarnung acht Stunden im Stau, mehrmals täglich fällt der Strom aus, und wenn du beim Onlineshop Jumia etwas bestellst, ist die Frage nicht, ob die Ware in 48 Stunden eintrifft, sondern ob es drei oder vier Wochen dauert und was dann im Paket ist. Aber trotz all dieser Hürden bewegt sich unglaublich viel verglichen mit der Schweiz.

Geht es uns hier zu gut und fehlt somit der Nährboden für wirkliche Innovation?

Die Anreize, aus der Komfortzone auszubrechen, sind in der Schweiz gering. Es gibt viele gut bezahlte, risikoarme Jobs, die Arbeitslosigkeit ist verschwindend klein, wir leisten uns teure Strukturen, sind gegen alles Mögliche versichert und können uns deshalb aufs Optimieren beschränken. Andere Länder wurden in den letzten Jahren gezwungen, sich neu zu erfinden – was hart war, aber auch unternehmerische Energie freigesetzt hat. Zudem sind in der Schweiz zwei Dinge verpönt: das Scheitern und die grossen Ambitionen. Wenn ich hier in eine Runde frage: «Wer will Milliardär werden?», dann streckt niemand auf. In den USA oder in den meisten Schwellenländern ist das ganz anders.

Wie sehen Ihre persönlichen Ambitionen aus?

Mein wichtigstes Ziel ist, kein Burn-out zu erleiden. Unser Start-up wächst schnell, es sind inzwischen 70 Angestellte, der Bereich, den ich verantworte, hat 20 Angestellte, da bin ich auch als Chefin gefordert. Gleichzeitig haben wir nach wie vor den Anspruch, rund um den Globus die interessantesten Start-ups zu entdecken, was zur Folge hat, dass ich zwei von vier Wochen unterwegs bin. Es ist definitiv kein Sprint, sondern ein Marathon und auch ein wenig ein Spagat – schliesslich soll das Unternehmen wachsen und doch Raum bleiben für Freundschaften und Familie. Was mir hilft: Obwohl unsere Firma jede Woche eine andere ist, gibt es ein Kernteam von sechs Leuten, die sich gut ergänzen und mit denen ich sehr gerne meine Arbeits- und Lebenszeit teile. Diese Verbindungen bleiben, auch wenn ich meinen Lebensmittelpunkt vielleicht bald nach Südamerika oder Asien verlege.

Welchen Rat würden Sie jungen Schulabgängern mit auf den Weg geben?

Das Wichtigste ist, sich nicht zu sehr anzupassen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen und dabei auch Risiken in Kauf zu nehmen. Scheitern ist weniger schlimm, als sich permanent zu verbiegen. Hilfreich sind Menschen, die dich an deine Ambitionen erinnern und dich nicht an deinem Leistungsausweis, sondern an deinem Potenzial messen. Wenn du die richtigen Freunde, Mentoren und Lebenspartner findest, gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Kontakt und Information: alisee@seedstars.com oder www.seedstars.com

« Zur Übersicht

4 Kommentare zu “«Mach jeden Tag etwas, wovor du Angst hast»”

  1. Benni Aschwanden sagt:

    Interessante Story. Ich finde die Schilderungen inspirierend, wenn auch mit Einschränkungen. Ja, die Schweiz ist eng, nicht nur geografisch sondern v.a. auch geistig. Und träge. Das sagen viele. Wird wohl auch mit der Bergbauernmentalität hier zusammenhängen. Kämpfen mussten nur unsere Vorfahren, heute wird verwaltet. Die richtigen Leute zu treffen ist sicher das Wichtigste. Ja, die meisten verbiegen sich lieber als zu scheitern. Das hat aber auch mit Bequemlichkeit zu tun. Abenteuer sind halt auch einfacher, wenn man gut aussieht und das eine oder andere Milliönchen schon auf dem Konto hat.

  2. Florian Maurer sagt:

    Ich habe grossen Respekt vor solchen Frauen, welche bereits reich und schön gezeugt wurden, sich aber trotzdem für die wenigerprivilegierten Lebewesen einsetzen, statt ihr Luxusleben zu geniessen!

  3. Thomas sagt:

    Ich habe mir auch schon über die verknorzte Mentalität in der Schweiz Gedanken gemacht. Hängt wohl auch mit der Geographie zusammen. Grundsätzlich allem Ungewohntem ablehnend gegenüber und engstirnig, unflexibel. Frohe, unternehmungslustige Naturen werden von ihrem Umfeld zurecht gestutzt. „Wieso sit dir so truurig?“

  4. loulou montez sagt:

    Jedesmal, wenn ich mich irgendwo bewerbe, wird mein bunter Lebenslauf sehr skeptisch angeschaut.

    Ich habe immer gekündigt, wenn es mir so bequem wurde wie Frau de Tonnac. Einmal hatte ich kaum Geld genug, um zu überleben, aber danach kam was richtig Tolles. Das war jedesmal so. Man muss sich selbst freistellen, um angespielt zu werden.
    Mich langweilen Menschen, die ihren Job hassen aber so tun, als müssten sie ihn machen, damit die Frau/Mann bei ihnen bleibt, der Alltag gleich langweilig weitertrottelt und man ja kein bisschen denken muss. Weil alle, die man kennt, scheintot sind.