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«Wichtiger als eine geniale Idee ist ein starkes Team»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. Oktober 2016
Niels Rot, Mitgründer des Impact Hub Zürich.

Niels Rot, Mitgründer des Impact Hub Zürich.

Wie wird aus einem schlechten Schüler ein erfolgreicher Unternehmer? Bei Niels Rot waren es Studienaufenthalte im Ausland, welche die Lust aufs Lernen weckten. Noch während des Studiums gründete er mit drei Kollegen den Impact Hub Zürich. Nur 7 Jahre später hat das Innovationszentrum 50 Angestellte und wachsenden Einfluss auf Firmen wie Swisscom, CS oder Google.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Rot, der Impact Hub in Zürich galt lange als Ort, wo Jungunternehmer idealistische Projekte verfolgen. Nun gehen Sie eine Kooperation mit Google ein. Hat der Hub seine Seele an einen amerikanischen Konzern verkauft?

NIELS ROT: Nein, keineswegs. Das Engagement von Google ist zunächst einmal eine grosse Anerkennung für unsere Arbeit in den letzten 7 Jahren. Google arbeitet weltweit nur mit den wichtigsten Start-up-Gemeinschaften zusammen. Zweitens eröffnet es uns die Chance, mit grösserem Hebel etwas zu bewegen in der Wirtschaft. Wer Google mit im Boot hat, wird leichter gehört, nicht nur in Unternehmen, sondern auch in der Politik – etwa, wenn es um die Frage geht, ob Pensionskassen leichter in Start-ups investieren können sollen.

Wenn US-Botschafterin Suzi LeVine bei Bekanntgabe der Partnerschaft zwischen dem Hub und Google sagt, was gut sei für Amerika, sei auch gut für die Schweiz, hat man trotzdem das Gefühl, der Hub lasse sich zum Junior-Partner von Google degradieren.

Der Impact Hub hat sich in den letzten Jahren geöffnet. Zu Beginn waren wir ein Biotop für sozial ausgerichtete Unternehmer. Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, durch Unternehmertun soziale und ökologische Probleme zu lösen. In dieser Nische war unser Impact allerdings begrenzt. Deshalb sind wir in den letzten Jahren vermehrt Partnerschaften mit grossen Unternehmen eingegangen. Dieser Weg birgt Risiken, klar, aber vor allem eröffnet er uns die Chance, unser Verständnis von Wirtschaft und Unternehmertum in die Welt zu bringen. Die Kernfrage ist für uns nie, ob man mit etwas viel Geld verdienen kann, sondern ob man ein gesellschaftlich relevantes Problem lösen kann. Geld ist bloss ein Mittel zum Zweck.

Warum suchen Grossunternehmen wie Swisscom, Migros, Axa Winterthur oder Credit Suisse die Zusammenarbeit mit dem Hub?

Im Wesentlichen sind es zwei Gründe: Sie geraten unter Druck durch die Digitalisierung und die daraus resultierenden Anforderungen ans Management. Bei uns können sie lernen, wie man abteilungsübergreifend zusammenarbeitet, auf Kollaboration und flexible Rollen statt auf starre Hierarchie setzt. Zweitens geraten die etablierten grossen Unternehmen bei Kunden, Aktionären und Mitarbeitern unter Legitimationsdruck. Eine gute Eigenkapitalrendite und schöne Boni-Zahlungen allein sind keine schlagenden Argumente mehr. All diese Anspruchsgruppen wollen vermehrt wissen, welchen gesellschaftlichen Beitrag ein Unternehmen leistet, worin seine Daseinsberechtigung besteht. Wer die Sinnfrage bloss mit dem Hinweis auf Profitabilität beantworten kann, steht auf dünnem Eis.

Welche Leistungen verkaufen Sie konkret an die Partnerfirmen?

Das Manifest des Impact Hub Zürich.

Das Manifest des Impact Hub Zürich.

Die Verträge mit den sechs Partnern sind unterschiedlich. Sie beinhalten zum Beispiel die Nutzung unserer Co-Working-Arbeitsplätze oder Räumlichkeiten für Meetings, aber auch Leadership-Trainings, Produktenwicklungen und internes Community-Building. So können wir – unabhängig vom formalen Organigramm in einem Unternehmen – Mitarbeiter verknüpfen, die unternehmerisch denken und handeln und situativ mehr Verantwortung übernehmen wollen. Der traditionelle Weg in Konzernen ist häufig, dass Projektleiter endlos lange Power-Point-Präsentationen vor mehreren Chefs durchführen müssen. Danach werden Leistungskennzahlen definiert, Controllingmechanismen festgelegt, und nach langer Zeit kann vielleicht ein Bruchteil der ursprünglichen Idee umgesetzt werden, falls keine Reorganisation dazwischen kommt. Wir ermöglichen den progressiven Kräften in diesen Unternehmen, sehr schnell in die Umsetzung zu gehen, Prototypen zu erstellen, Kunden einzubeziehen. Die Mehrheit der Manager in Konzernen leidet ja selber unter der Trägheit der Abläufe.

Dank solcher Partnerschaften mit Konzernen und 800 Einzelmitgliedern, die zwischen 45 und 550 Franken pro Monat zahlen, ist der Impact Hub Zürich in kurzer Zeit eine Goldgrube geworden. Was passiert mit dem Geld?

Wir sind für ein Start-up sehr schnell gewachsen; heute beschäftigen wir mit unseren verschiedenen Spin-offs fast 50 Angestellte (entspricht etwa 40 Vollzeitstellen). Wir sind als gemeinnütziger Verein organisiert, schütten also keine Gewinne aus, sondern investieren Überschüsse in den laufenden Betrieb und den Ausbau unserer Programme. In Zürich betreiben wir inzwischen 3 Standorte, inklusive des Café Auer&Co. am Sihlquai. Ein nächstes Ziel wird sein, unsere Löhne etwas anzuheben, wir verdienen hier alle mindestens 20 Prozent weniger als wir für angemessen hielten.

Vergleichen Sie damit, was Sie in der Privatwirtschaft verdienen könnten?

Darüber führten wir in letzter Zeit interessante Diskussionen. Nein, das Ziel ist nicht, dass wir unsere Löhne den Konzernlöhnen angleichen. Die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation hängt nebst dem Lohn von vier anderen wichtigen Faktoren ab: der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, der zeitlichen und örtlichen Flexibilität, den Entwicklungsmöglichkeiten und dem Team respektive Arbeitsklima. Ein Fernziel ist, dass die Hub-Mitarbeiter ihre Löhne weitgehend selbst bestimmen können – ausgehend von ihrem Bedarf und ihrer Erfahrung resp. der Rolle, die sie übernehmen. Wir legen derzeit in der Führungscrew die nächsten Schritte auf diesem Weg fest und lassen alle Mitarbeiter über die wichtigen Fragen abstimmen. Das geht dank Online-Tools wie Loomio ganz einfach ohne viele Mails oder Meetings.

Als Volkswirtschafter mit HSG-Abschluss hätten Sie gute Aussichten auf eine klassische Karriere gehabt. Hat Sie das nie gereizt?

Ich habe schon in jungen Jahren gemerkt, dass meine Lernmotivation extrem stark davon abhängt, ob ich mich wohl fühle in meiner Umgebung und ob ich den Sinn einer Sache erkenne. Als Teenager in Holland flog ich vom Gymnasium, weil mir die durchgetaktete Schule schrecklich langweilig vorkam im Vergleich mit Fussball, Ausgang und Abenteuern mit Freunden. Dann studierte ich an einer Fachhochschule Internationalen Handel und Sprachen, zwei Jahre lang mit sehr überschaubarer Motivation. Erst ein Auslandsemester in Paris weckte die Lust aufs Lernen. Ich lebte auf 8 Quadratmetern in einer winzigen Dachmansarde, kam aber mit Künstlern und Philosophen in Kontakt und entdeckte die Vielfalt des Lebens. Ich hängte weitere Semester in Lyon und Madrid an und schloss in Ecuador ab.

Wie haben Sie in der Arbeitswelt Fuss gefasst?

Ich kam reich an Erfahrungen, aber ohne Geld nach Holland zurück. Um etwas zu verdienen, arbeitete ich im Parallelhandel. Das ist ein gutes Beispiel für einen funktionierenden, aber komplett unsinnigen Markt. Ich kaufte beispielsweise Jack Daniel’s Whiskey in Portugal zu günstigen Konditionen ein, um ihn in Deutschland mit Marge weiterverkaufen zu können. Da wurde tonnenweise CO2 in die Luft geblasen ohne jegliche Wertschöpfung. Nach diesem Intermezzo kam ich der Liebe wegen in die Schweiz, schrieb mich an der HSG zum Studium ein, lernte über die Studentenvereinigung Oikos Michel Bachmann kennen und gründete mit ihm und zwei Kollegen den Impact Hub.

Hatten Sie damals geahnt, dass der Impact Hub so rasant wachsen würde?

Nein, wir starteten ziemlich naiv, wussten eher, was wir nicht mehr wollten, und suchten Schritt für Schritt unseren Weg. Eine wichtige Erkenntnis aus 7 Jahren Unternehmertum ist für mich: Es muss nicht alles gleich perfekt sein. Oft ist es gut, klein zu starten, zu experimentieren, zu korrigieren. Das gilt auch für die Selbständigkeit: Klar kann man alles auf eine Karte setzen, aber für viele bewährt sich eine Taktik der kleinen Schritte und sanften Übergänge. Ich startete das Hub-Projekt während des Studiums, erst mit der Zeit wurde es zu einem Fulltimejob. Eine zweite Erkenntnis: Wichtiger als eine geniale Idee ist ein starkes Team. Und drittens: Es lohnt sich bei wichtigen Dingen sehr, auf sein Bauchgefühl zu hören. Im Hub ist das ein offizielles Entscheidungskriterium. Der Bauch weiss so viele Dinge, zu denen unser Kopf sich nie Zugang verschaffen kann.

Und was sagt Ihr Bauchgefühl: Werden wir in 10 Jahren grundsätzlich anders arbeiten als heute?

Wenn wir die drei Ebenen What, How und Why anschauen, ist klar, dass sich auf den Ebenen Was und Wie sehr rasch viel verändert. Mich interessiert aber am meisten die Why-Ebene. Wir brauchen neue Bildungs- und Karriere-Modelle, die sich stärker daran orientieren, was jemand bewegen, wozu er beitragen will. Ich habe zu diesem Zweck das Bildungs-Start-up Stride mitinitiiert. Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, beruflich etwas Sinnvolles und Bedeutsames zu tun, nicht einfach für Geld einen Job zu verrichten. Das färbt auch auf die Unternehmen ab.

Inwiefern?

Unternehmen brauchen Antworten auf die Frage, welchen Nutzen sie eigentlich erbringen. Die globale Bewegung «B Lab» zertifiziert weltweit Unternehmen, welche die Kraft des Unternehmertums zur Lösung von sozialen und ökologischen Problemen nutzen. Diese Firmen, sogenannte B-Corps (B für Benefit), werden es künftig leichter haben, hoch qualifizierte Mitarbeiter oder Investoren zu finden. Und sie müssen nicht mehr Unsummen ausgeben, um unglaubwürdige Image-Werbespots zu drehen. Ich bin überzeugt, dass Geld und Status an Bedeutung verlieren werden in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau und Sinnfragen noch stärker ins Zentrum rücken.

Kontakt und Information: www.stride-learning.ch

 

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Ein Kommentar zu “«Wichtiger als eine geniale Idee ist ein starkes Team»”

  1. Etienne Abelin sagt:

    Ausgezeichnetes Interview, sehr interessant!