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«Seit einer Woche sind wir alle im siebten Himmel»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 15. Oktober 2016
Cyrill Camenzind, Gitarrist, Produzent und Manager der Powerplay Studios. Foto: Stefanie Etter

Cyrill Camenzind, Gitarrist, Produzent und Manager der Powerplay Studios. Foto: Stefanie Etter

Mit 23 Jahren stand er als Gitarrist auf der Bühne des Hallenstadions, bald darauf produzierte er erste Alben für andere. Vieles ging Cyrill Camenzind leicht von der Hand, doch ein Traum erfüllte sich erst nach 6 Jahren akribischer Arbeit: ein Mischpult des Sound-Gurus Rupert Neve kaufen zu können. Mit dem Bijou will der 35-jährige Manager der Powerplay Studios an glorreiche Zeiten anknüpfen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Camenzind, wie haben Sie in jungen Jahren zur Musik gefunden?

CYRILL CAMENZIND: Ich hatte das Glück, mitten in einer Schallplattensammlung aufzuwachsen. Mein Vater war der erste DJ im Kanton Zug, er führte einen Club und ich liebte es schon als Kind, mich durch die Platten aus den 60er- und 70er-Jahren zu hören. Ich lernte Gitarre spielen, nahm ein Jahr Unterricht und bildete mich danach autodidaktisch weiter – übers Zuhören und Mitspielen in verschiedenen Bands.

Hat Ihnen niemand gesagt, Sie sollten erst etwas Solides lernen?

Doch, und das hat mir auch nicht geschadet. Ich absolvierte eine Lehre als Audio-/Video-Elektroniker, was mir bald erlaubte, meine Verstärker selber zu flicken respektive zu bauen. Später war ich auch noch im Aussendienst tätig, verkaufte Kassensysteme für Hugo Boss und andere. Aber meine grösste Leidenschaft galt in all den Jahren der Musik. Schon mit 23 Jahren war ich als Lead-Gitarrist mit Reto Burrell auf internationaler Konzerttournee und wir konnten im Hallenstadion als Vorband von Bryan Adams spielen. Die Freude und die Neugier hatten mich als Musiker sehr rasch vorwärtsgebracht, und so stellte sich bald die Frage, wie die nächsten Schritte aussehen könnten.

Wie wurden Sie zum Produzenten?

Indem ich ins kalte Wasser gesprungen und meiner Neugier gefolgt bin. Eine Plattenfirma fragte mich an, ob ich das Album von Daniel Kandlbauer mitproduzieren möchte, der bei der Castingshow «Music Star» Zweiter geworden war. Ich hatte kaum Erfahrung in diesem Fach, profitierte aber von meiner technischen Ausbildung und der Live-Erfahrung, so dass ich mich rasch einlesen und durch Zuhören weiterbilden konnte. Zudem lag mir die Produzentenrolle. Dem Produzenten muss es gelingen, die kreative Energie der Musiker zu bündeln, die Egos zu bändigen, eine verständliche Sprache zu finden. Da hilft es, wenn man nicht nur technisch beschlagen ist, sondern auch Menschen schnell erfassen und für eine Idee gewinnen kann. Handwerklich habe ich bei den ersten Alben Lehrgeld bezahlt, aber wenn die Leidenschaft gross genug ist, lernt man das Handwerk schnell.

Und von da an hatten Sie zwei Berufe und waren als Gitarrist und Produzent tätig?

Ja, ich war sehr glücklich, dass ich mein Hobby zum Beruf hatte machen können. Als ich mich auf die Suche nach einem neuen Studio machte, hatte ich erneut grosses Glück: In den Powerplay Studios in Maur am Greifensee konnte ich mich nicht nur im Studio einmieten, sondern bald auch die reizvolle Aufgabe übernehmen, dieses geschichtsträchtige Haus weiterzuentwickeln.

Sie sind ungeplant Studiomanager geworden?

Ja, Reto Muggli, der das Studio führte, ist ein begnadeter Tontechniker, er sitzt viel lieber am Mischpult als draussen Kontakte zu knüpfen und Aufträge zu akquirieren. Wir haben die gleiche Studiophilosophie und ergänzen uns sehr gut. So waren alle glücklich, dass ich diese Aufgabe übernehme.

Ist das nicht eine «Mission impossible»? Die Powerplay Studios haben zwar eine glänzende Vergangenheit mit Kunden wie Prince, Lady Gaga, Europe und Bee Gees, inzwischen wird aber vieles am Computer abgemischt statt in Aufnahmestudios.

Vor einigen Jahren war ich mir auch nicht sicher, ob es überhaupt noch einen Markt gibt für hochstehende analoge Produktion. Die Digitaltechnik hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Heute bin ich aber überzeugt, dass es eine gute Marktnische gibt für hervorragende analoge Produktion in Kombination mit der schnellen digitalen Technik. Es ist etwas komplett anderes, ob eine Band ihre Songs während einer Woche in einem Studio gemeinsam einspielt oder ob man am Computer ein paar Instrumente einspielt. Zudem beobachte ich ein Revival der analogen Musik: Die Nachfrage nach Vinylplatten steigt wieder an, junge Leute kaufen Plattenspieler und viele Bands spielen ihre Songs wieder auf Vinyl ein mit MP3-Code dazu. Vinylpresswerke sind derzeit weltweit auf mehrere Monate hinaus ausgebucht. Analoges Musikschaffen hat also durchaus Zukunft.

Und letzte Woche haben Sie sich als Studiomanager einen grossen Traum erfüllt?

Der Rolls-Royce unter den Mischpulten: Das Neve 8016.

Der Rolls-Royce unter den Mischpulten: Das Neve 8016.

Ja, seit letztem Freitag sind wir hier alle im siebten Himmel. Jeder, der analog arbeitet, träumt davon, ein Mischpult des britischen Audio-Gurus Rupert Neve im Studio zu haben. Seit ich in Nashville erstmals darauf arbeiten durfte, ist mir dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Leider gibt es weltweit nur noch ganz wenige dieser Mischpulte. Seit sechs Jahren suche ich aktiv nach einer Kaufgelegenheit, vor knapp einem Jahr ergab sich ein Kontakt, und nun, 300 Mails und viele schlaflose Nächte später, steht dieses 1,2 Tonnen schwere Prunkstück bei uns in Maur im Powerplay-Studio. Vom Typ Neve 8016 gibt es weltweit nur noch vier intakte Exemplare. Unseres fand von Nashville via London an den Greifensee. Walt Disney produzierte von 1972 bis 1979 alle Filme damit.

Was bringt das Mischpult dem Powerplay-Studio ausser einem Loch in der Jahresrechnung?

Jeder Treuhänder verwirft die Hände, wenn er einen solchen Ausgabenposten sieht, aber ich bin überzeugt, dass sich das auszahlen wird für uns. Wir erschliessen uns dank dieser Anschaffung eine ganz andere Liga. Erstens musikalisch: Wenn du ein Signal durch ein solches Pult schickst, ergibt das einen unglaublich runden und warmen Sound, den kein Computerprogramm so hinbekommt. Da ist so viel Metall und Elektronik verbaut, dass es mehr ein Traktor als ein herkömmliches Mischpult ist. Kein Wunder, entschieden sich früher einige Studiobetreiber bei der Frage, ob sie ein Haus oder ein Neve kaufen wollen, für das Mischpult. Dann hilft es uns, wieder eine bessere Positionierung auf dem internationalen Markt zu erlangen. Auf der Suche nach Ersatzteilen kam ich plötzlich mit dem Tontechniker von Adele in Kontakt – und wer weiss, vielleicht hat sie ja Lust, ihr nächstes Album in der Abgeschiedenheit am Greifensee einzuspielen…

Das erinnert an den Film «Sound City» des Nirvana-Schlagzeugers Dave Grohl, der zeigt, wie das Nirvana-Album «Nevermind» auch dank Neve-Mischpult zu einem Grosserfolg wurde. Das Sound-City-Studio ging allerdings 2011 in Konkurs – wie vermeiden Sie, dass den Powerplay-Studios das gleiche Schicksal widerfährt?

Wir gehören bezüglich Ausstattung und Know-how sicher in die europäischen Top-Liga, aber wir dürfen nicht den Fehler machen, uns nur im Spitzensegment zu positionieren. Ebenso wichtig ist es uns, dass weniger bekannte Bands oder Schulklassen den Weg in die Powerplay-Studios finden. Durch den Preiszerfall in den letzten 10 Jahren sind Studiotage für viele erschwinglich geworden. Unser Vorteil ist, dass das Haus schon beim Bau in den 80er-Jahren als Tonstudio inklusive Übernachtungsmöglichkeiten, Küche und Aufenthaltsräumen für komplette Bands konzipiert worden ist und der Dienstleistungsgedanke auch heute noch hochgehalten wird. Es ist ein Haus, wo man sich ganz der Musik widmen kann und wo schon Musikgrössen wie Prince, Lenny Kravitz oder Lady Gaga gearbeitet und Tischtennis gespielt haben.

Kontakt und Information:

www.powerplaystudios.ch oder cc@powerplaystudios.ch

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