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«Ich habe früh erfahren, dass es im Leben keine Sicherheit gibt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 23. April 2016
Gunhard Mattes, Dirigent und Gründer des «Orchesters für den Frieden».

Gunhard Mattes, Dirigent und Gründer des «Orchesters für den Frieden».

«Manchmal gerät man im Leben in eine Situation, in der man keine Wahl hat.» Bei Gunhard Mattes war es ein Aufenthalt in der Ukraine, der sein Leben auf den Kopf stellte. Der Dirigent war erschüttert, unter welch prekären Umständen dort musiziert wird, und gründete ein Orchester. Nun steht ein weiteres Wagnis bevor: An Auffahrt spielen russische und ukrainische Musiker unter seiner Leitung in der Zürcher Tonhalle.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Mattes, Sie veranstalten am Auffahrts-Donnerstag in der Zürcher Tonhalle ein Konzert mit Russischen und Ukrainischen Musikern. Wie wurden Sie zum Initianten und Dirigenten des «Orchesters für den Frieden»?

GUNHARD MATTES: Ich gründete bereits 1998 in der West-Ukraine das Orchester INSO Lemberg und leitete dieses zwölf Jahre lang bis zu Verstaatlichung vor sechs Jahren. Mit vielen jungen Musikerinnen und Musikern stehe ich weiterhin in Kontakt. Fast alle hatten Verwandte in Russland, mit denen sie lange Zeit freundschaftlich verbunden waren. Nachdem Anfang 2014 der Krieg ausgebrochen war, nannten diese Musiker ihre Verwandten und Freunde plötzlich Feinde, und manche sagten, man müsste sie an die Wand stellen und erschiessen. Ich war schockiert, wie rasch solche Feindbilder entstehen, wenn sich das politische Klima verändert.

Und da haben Sie sich entschlossen, mit einem eigenen Orchester Gegensteuer zu geben?

Ja, ich wollte herausfinden, was passiert, wenn Ukrainer und Russen in einem Orchester zusammenspielen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn sie mit den Geigenbögen aufeinander losgegangen wären, das erlebte ich ja auch in Schweizer Orchestern. Aber nichts dergleichen ist passiert. Ich war beeindruckt, wie gut dieses Orchester für den Frieden von Anfang an harmonierte, wie beseelt es musizierte.

Wie fanden Sie die Musikerinnen und Musiker?

Viele von ihnen sind in Westeuropa tätig. Ein Musiker in Graz, der früher in meinem Orchester in Lemberg gespielt hatte, knüpfte für mich viele Kontakte zu russischen und ukrainischen Musikern in Europa. Mit ihm bin ich eng verbunden, seit ich ihm vor 14 Jahren geholfen habe, das Geld für Bluttransfusionen in Düsseldorf aufzutreiben. Seine Leukämie-Erkrankung hatte in Lemberg als unheilbar gegolten, die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Als ich die Zusage von 21 Musikerinnen und Musikern hatte, schrieb ich an Bundesrat Didier Burkhalter, ob er das Patronat für das Orchester übernehmen würde. Nach zwei Telefonaten erhielt ich die Zusage. Zunächst war ich begeistert, dass der Aussenminister meine Überzeugung teilte, es sei ein starkes Symbol, Musiker zweier verfeindeter Länder in einem emotionalen Konzerterlebnis miteinander zu verbinden. Doch dann ergriff mich eines Nachts die Panik.

Weshalb?

Wegen der finanziellen Risiken. Ich hatte ausgerechnet, dass wir bei einer zur Hälfte besetzten Tonhalle ein Minus von 30‘000 Franken einspielen würden. Das entsprach genau dem Fehlbetrag, den meine Frau und ich berappen mussten, als ich vor drei Jahren ein 58-köpfiges rein weibliches Orchester zusammengestellt und mit ihm ein Konzert einstudiert hatte. Ein zweites Mal können wir uns das nicht leisten. Glücklicherweise schaffte ich es, in den letzten Monaten in meinem Umfeld 40‘000 Franken aufzutreiben, so dass die Vorfreude nun grösser ist als die Angst vor einem Defizit. Aber Garantien gibt es keine. Die Kosten für die Musiker, die Noten, die Saalmiete, die Moderation und das Marketing sind fix, die Einnahmen ungewiss. Klar ist nur, dass allfällige Überschüsse Kindern zu Gute kämen, die vom Krieg in der Ost-Ukraine betroffen sind.

Wie viel verdienen Sie als Organisator und Dirigent?

1000 Franken, wie alle Musiker. Und für Sekretariatsarbeiten haben wir zusätzliche 1500 Franken veranschlagt. Ich rechne allerdings besser nicht aus, was das für einen Stundenlohn ergäbe. Ich arbeite seit gut einem Jahr an diesem Projekt. Die meisten Stücke der russischen und ukrainischen Komponisten musste ich neu arrangieren, da unser Orchester derzeit nur 23 Streicher und 7 Bläser umfasst. In Prokofievs «Tanz der Schwerter» beispielsweise geben in vielen Passagen die Blechbläser den Ton an. Da wir keine Blechbläser im Orchester haben, musste ich viele Stellen neu orchestrieren.

Das klingt alles so selbstlos – was treibt Sie an, die Entbehrungen und Risiken auf sich zu nehmen?

Nein, selbstlos bin ich nicht, aber Geld und Status interessieren mich nicht mehr. Manchmal gerät man im Leben in eine Situation, in der man keine Wahl hat, sondern etwas tun muss. Mir widerfuhr das Ende der Neunzigerjahre, als ich anlässlich des Europäischen Kulturfestivals erstmals nach Lemberg kam. Ich war gleich doppelt erschlagen: Zum einen vom hohen Niveau der Musiker, zum anderen vom erbärmlichen Zustand der Instrumente. Ich weiss noch genau, wie ich beim Einstudieren einer Komposition von Othmar Schoeck dachte, ein junger Musiker am Tamburin wolle mich über den Tisch ziehen, weil er viel zu leise spielte. Schliesslich schaute ich mir das Instrument an und sah, dass sämtliche Schellen fehlten und nur noch ein Fetzen von der Fellhaut übrig war. Eine Geigerin spielte mit drei statt vier Saiten und sagte mir, mit einem Lohn von 5 Deutschen Mark pro Monat könne sie sich keine vierte Saite leisten. Und der Oboist mühte sich auf einem Instrument ab, auf dem ich als Solooboist keinen vernünftigen Ton spielen konnte.

Dieses Erlebnis hat Sie zum Wohltäter gemacht?

Gunhard Mattes ist dieser Tage mehr mit der Organisation als dem Studium der Partituren beschäftigt.

Gunhard Mattes ist dieser Tage mehr mit der Organisation als dem Studium der Partituren beschäftigt.

Ich hätte es nicht ausgehalten, angesichts solcher Lebensumstände passiv zu bleiben und einfach in unseren Schweizer Wohlstand zurückzukehren. Beim nächsten Besuch schenkte ich dem Oboisten ein Instrument aus der Schweiz, das mir eine Schülerin überlassen hatte. Zudem brachte ich Geld mit, damit die schlimmsten Missstände behoben werden konnten. Der Oboist war so beschämt, dass er drei Tage kein Wort mehr redete, und das Geld versickerte, weil ein Musikerkollege es unterschlug. Da wurde mir klar: Es ist nicht mit Almosen getan, hier bin ich persönlich gefordert. Ich muss mich engagieren, damit sich etwas verändert. So gründete ich das Orchester und reiste bald jede zweite Woche nach Lemberg. Mit der Zeit unternahmen wir Konzerttourneen, die uns durch ganz Europa und bis nach China führten. Zudem kreierte ich Workshops für Jugendliche, Schulen und Unternehmen und veranstaltete Musikfestivals in der Ukraine. War das selbstlos? Ich glaube nicht. Ich habe einfach versucht, meine Seele zu beruhigen und das Naheliegende zu tun. Vielleicht hat das alles auch damit zu tun, dass ich in herausfordernden Verhältnissen aufgewachsen bin.

Inwiefern?

Ich habe früh erfahren, dass es im Leben keine Sicherheit gibt. Als 5-Jähriger verlor ich meine Mutter: ein Polizist hatte sie über die Strasse gewinkt, worauf sie von einem Auto überfahren wurde. Mein vier Jahre älterer Bruder wurde mit 19 Jahren erschossen, mein zweiter Bruder fühlte sich mitschuldig und nahm sich mit 26 Jahren das Leben. Mein Vater starb mit 62 Jahren, viel zu jung! Er war ein guter Klarinettist, konnte aber aus finanziellen Gründen nicht studieren, sodass er als Tapezierer bei Jelmoli arbeitete. Als ich mit 10 Jahren in der Knabenmusik Saxofon spielen wollte, sagte mein Vater: «So sensibel wie du bist, musst du Oboe lernen.» Er lag damit offensichtlich richtig, denn obwohl ich wenig übte, machte ich sehr schnell Fortschritte. Die Musik sollte mein ständiger Begleiter werden. Mit 15 Jahren dirigierte ich mein erstes Orchester, spielte mit 18 Jahren im Opernhaus Zürich, studierte bei Heinz Holliger und wurde mit 24 Jahren Solo-Oboist im Orchestre de la Suisse Romande. Bei der ersten Probe war ich sehr stolz, mich gegen 60 andere Oboisten durchgesetzt zu haben, während der zweiten Probe wurde mir aber bereits klar, dass ich das nicht ein Arbeitsleben lang machen möchte.

Finanziell stünden Sie heute besser da, wenn Sie Orchestermusiker geblieben wären.

Ja, das ist so. In jungen Jahren habe ich über 100‘000 Franken pro Jahr verdient, heute ist es ein Bruchteil davon. Ich habe in den letzten elf Jahren mein ganzes Vermögen verspielt respektive musikalisch investiert. Bin ich deswegen arm? Seelisch fühle ich mich so reich wie noch nie in meinem Leben. Ich bin frei, das zu tun, was mir wichtig ist, und leite Konzerte, welche die Zuhörer emotional tief berühren, weil die Musiker buchstäblich um ihr Leben spielen. Was mir Energie gibt, ist nicht die Aussicht auf Lohn oder Anerkennung, sondern die Begeisterung für das, was ich tue. Da nehme ich gerne in Kauf, finanziell nicht abgesichert zu sein und keine Rente im Rücken zu haben. Ich bin ohnehin der Überzeugung, dass das Leben mit 65 Jahren erst so richtig beginnt und die Arbeit keine lästige Pflicht, sondern eine Daseins- und Ausdrucksform ist.

Welches sind Ihre nächsten Ziele?

Ende Juni dirigiere ich in Gelterkinden meine erste Oper mit 170 Mitwirkenden. Parallel dazu leite ich zwei Orchester in der Schweiz und fördere als künstlerischer Verantwortlicher der Stiftung Thiébaud-Frey junge Musiker. Zudem trete ich weiterhin als Oboist auf. Meine grosse Hoffnung ist, dass wir mit dem Orchester für den Frieden nach dem Gründungskonzert weitere Auftrittsmöglichkeiten erhalten, etwa an Konferenzen der OSZE oder der Uno. Musik kann oft mehr bewegen als 1000 Worte – es wäre schön, wenn wir hier vermehrt ein Zeichen für den Frieden setzen könnten.

Information und Kontakt:

www.gunhard-mattes.com oder info@gunhard-mattes.com

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Ein Kommentar zu “«Ich habe früh erfahren, dass es im Leben keine Sicherheit gibt»”

  1. will williamson sagt:

    Alle Achtung vor diesem Mann! Das Interview sollte man all den Bonus-gierigen Managern zur Kenntnis bringen. Der Eine oder Andere käme dann vielleicht zum Sdhluss, dass er mit dem vielen Geld auch etwas für eine bessere Welt veranstalten könnte.