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Wenn sich der Palace-Direktor in Gstaad wie der Hüttenwart in einer Jugendherberge fühlt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. Januar 2014
Andrea Scherz, Direktor im Palace in Gstaad.

Andrea Scherz, Direktor im Palace in Gstaad.

Andrea Scherz, Direktor und Mehrheitsaktionär des glamourösen Hotel Palace in Gstaad, empfängt die Schönen und Reichen aus aller Welt bei sich. Im Vergleich mit den Betreibern anderer Luxustempel ist er aber ein armer Schlucker. Während diese Milliardäre oder potente Finanzinvestoren im Rücken haben, muss Scherz die Investitionen aus dem Betrieb erwirtschaften. Ein Gespräch über unmoralische Kundenanfragen, schwindelerregende Kaufangebote und den Respekt vor der Familientradition.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Scherz, wie lief das Weihnachts- und Neujahrsgeschäft im Palace? Sind die Kunden in Konsumlaune?

Wir sind für diese zwei Wochen immer schon ein Jahr vorher ausgebucht. Die Einnahmen aus Konsumation, Wellness und Dienstleistungen lagen diesmal rund vier Prozent über dem Vorjahr. Es geht nach vier schwierigen Jahren also wieder aufwärts. Salopp formuliert: Die Gäste trinken wieder vermehrt Champagner – einstweilen aber noch eher die Flasche für 280 Franken als jene für 700 Franken. Man gönnt sich also wieder was, aber ich sehe noch keine Anzeichen von Euphorie.

Was zahlt der Gast im Durchschnitt für die knapp zwei Wochen über den Jahreswechsel im Palace?

Über den Daumen gepeilt: 1000 Franken für Zimmer und Halbpension pro Tag und nochmal so viel an individuellen Ausgaben. Also beim Mindestaufenthalt von zwölf Tagen rund 25000 Franken. Bei manchen ist es doppelt oder drei Mal so viel. Das ist dann das gleiche Budget, wie wenn unsereiner zwei Wochen Urlaub macht – einfach mit einer Null mehr dahinter.

Sie machen traditionell im Januar Ferien. Wie luxuriös leben Luxushoteliers im eigenen Urlaub?

Ich war in Marrakesch Gast des Hotels Royal Mansour, das im Besitz des marokkanischen Königshauses ist. (Er sucht in seinem Smartphones nach Fotos) Schauen Sie, das war meine 420-Quadratmeter-Suite. Das Mosaik am Kamin ist handverlegt, die Seidenvorhänge und der gemusterte Parkettboden kosten ebenfalls ein Vermögen. Wenn ich nach einem solchen Aufenthalt zurück ins Palace komme und in unserer 100-Quadratmeter-Suite stehe, fühle ich mich wie der Hüttenwart in einer Jugendherberge.

 

Da reicht auch ein Spaziergang zum Alpina in Ihrer Nachbarschaft.

Ja, das stimmt. Die haben TV-Geräte à 25 000 Franken pro Stück in ihren Zimmern. Wenn ich so einkaufen würde, wären wir leider bald konkurs.

 

Das muss frustrierend sein. Rundherum entstehen neue Luxustempel, finanziert von Milliardären, die nicht auf Rentabilität achten müssen. Sie dagegen müssen die Investitionen aus den Erträgen finanzieren.

Ja, das macht einem das Leben nicht leicht. Es ist als würde ich barfuss zu einem Marathon antreten, während die Gegner in schön gedämpften Turnschuhen losrennen. Die letzten vier Jahre waren hart. Wir haben zwar immer schwarze Zahlen geschrieben, aber die Gewinnmarge hat sich in dieser Zeit halbiert. Da hat man als Inhaber schon ein paar schlaflose Nächte und fragt sich, woher man das Geld nehmen soll für die Investitionen. Andererseits hat es Vorteile, wenn man knapp bei Kasse ist. Man wägt besser ab und macht nicht jeden Trend mit.

Die Victoria-Jungfrau-Gruppe schrieb zuletzt rote Zahlen, mehrere Interessenten erwägen eine Übernahme. Was ist dort schief gelaufen?

Ich möchte das nicht im Detail kommentieren. Generell habe ich den Eindruck, dass durch den Zusammenschluss der vier Hotels vorübergehend der Blick auf die eigenen Strukturen dominierte und die Kundennähe etwas gelitten hat.

Sie haben ihr Hotel auch schon als Geldverbrennungsmaschine bezeichnet. Ist es so schlimm?

Mein Vater hat mir die Begeisterung für dieses Metier weitergegeben, aber er hat mir verschwiegen, dass es ein Fass ohne Boden ist. (Lacht) In einem gut 100-jährigen Haus muss immer etwas ersetzt werden. Letztes Jahr hatten wir ein Problem mit der Kühlanlage. Ich dachte, das koste ein paar tausend Franken. Schliesslich mussten wir wegen verschärfter Vorschriften die komplette Anlage ersetzen – Kostenpunkt: 450 000 Franken. Jedes Jahr erneuern wir fünf bis zehn Zimmer für 100 000 bis 180 000 Franken pro Zimmer. Manche Kunden beklagen sich, wenn wir ihnen ein Zimmer anbieten, an dem drei Jahre nichts gemacht wurde.

Wird die Kundschaft immer anspruchsvoller?

Das Erwartungsniveau ist sehr hoch, ja. Wir sind in einem internationalen Wettbewerb und haben durch den starken Franken, die hohen Löhne und Einkaufspreise und die vielen administrativen Auflagen Wettbewerbsnachteile. Weil der Kunde König ist, erfüllen wir praktisch alle Wünsche. Wenn ein Gast aus dem Mittleren Osten darauf besteht, seine vergoldeten Möbel in die Penthouse-Suite mitzubringen, dann räumen wir unser Mobiliar halt weg.

Ist das nicht manchmal mühsam – gerade mit neureichen Gästen, die ihre Macht zelebrieren?

Doch, wenn Geld mit Arroganz und Ignoranz gepaart ist, wird es gelegentlich anstrengend. Wir machen nicht alles mit. Kürzlich wollte ein Gast unbedingt die Penthouse-Suite haben, obwohl diese schon vergeben war. Er forderte uns auf, dem Bewohner 100 000 Dollar anzubieten für den Fall, dass er sie räume. Das Spiel haben wir natürlich nicht mitgemacht.

Auch Ihnen wird regelmässig viel Geld geboten – für den Verkauf des Hotels. Vor drei Jahren soll ein Interessent aus dem Nahen Osten mehrere hundert Millionen Franken offeriert haben. Wollen Sie partout nicht reich werden?

Wir sitzen dann immer en famille zusammen, diskutieren und entscheiden uns dagegen. In diesem Fall war ich schon erstaunt, wie viel Geld da jemand zahlen wollte. Ich trank mit meinem Vater einen guten Wein und sagte scherzeshalber zu ihm: «Wenn wir zwei ein wenig intelligenter wären, hätten wir längst verkauft und könnten noch viel besseren Wein trinken jetzt.» Wir wissen aber beide, dass wir nicht glücklicher wären. Wenn man Unmengen an Geld hat, aber keine Aufgabe, dann ist man rasch unzufrieden und gelangweilt. Das hier ist meine Lebensaufgabe, und ich könnte schon aus Respekt vor meinen Vorfahren nie verkaufen, solange wir wirtschaftlich eine Perspektive haben. Das wäre Verrat – etwa so, als würde ich eine Schwester verkaufen.

Hegen Sie keine Wünsche, die Sie sich mit dem Geld erfüllen könnten?

Doch, ich träume seit langem von eigenen vier Wänden, von einem Chalet hier in Gstaad. Da fehlen mir ein paar Millionen dazu – und meine Aussichten werden nicht besser. So leben wir halt weiter in der hoteleigenen Direktionswohnung mit 180 Quadratmetern. Das ist ja vergleichsweise luxuriös. Mein Grossvater, der in den 1940er-Jahren mit Hilfe von Freunden und Gästen die Palace-Aktien übernahm, musste extrem sparsam leben. Kürzlich fand ich sein Kassenbüechli, in dem jede Tasse Kaffee und jedes Brötchen verzeichnet waren, die er sich auf dem Weg zur Grossratssession in Bern gönnte. Mein Vater musste mehrmals um überlebenswichtige Kredite zittern. Einmal stellten sie ihm die Telefonleitung ab, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Verglichen mit ihnen lebe ich auf grossem Fuss. Und wenn ich meine Gäste sehe, denke ich oft: Mir geht es besser als ihnen.

Inwiefern?

Sehr wenig oder sehr viel Geld zu haben, bedeutet Stress. Ich bin froh, als Unternehmer jeden Tag hart schuften zu müssen, um das Unmögliche hier möglich zu machen. So habe ich keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, ob die Yacht des Kollegen fünf Meter länger ist als meine oder ob ich mein Vermögen verlieren könnte.

Jimmy Carter nannte das Palace das beste Hotel der Welt. Sind Sie das noch?

Wer ist die schönste Frau der Welt? Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters – so ist es auch bei Luxushotels.

Aber die glamourösen Zeiten, als Stars aus Politik, Kultur und Unterhaltung im Palace ein- und ausgingen, sind vorbei.

Mein sparsamer Grossvater holte 1960 für 40 000 Franken Louis Armstrong ins Palace – sehr zum Ärger seiner Frau. Wenn ich heute Tina Turner verpflichten möchte, müsste ich über eine halbe Million zahlen, was nie und nimmer refinanzierbar wäre. Was die Gäste betrifft, haben wir noch immer regelmässig Stars im Haus, aber die meisten achten extrem auf Diskretion. Mindestens so wichtig ist, dass wir uns neue Märkte erschliessen, namentlich in Indien, China und Brasilien. Und erfreulicherweise nimmt auch die Zahl der Schweizer Besucher wieder zu. Wir wollen ein offenes Haus sein, wo sich von der lokalen Bevölkerung bis zum internationalen Jet-Set alle wohl fühlen.

Kontakt und Information:
www.palace.ch

 

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14 Kommentare zu “Wenn sich der Palace-Direktor in Gstaad wie der Hüttenwart in einer Jugendherberge fühlt”

  1. joost Oerlemans sagt:

    Herr Scherz ich habe grosses Respekt für Sie! Es fehlt halt häufig an Leuten die trotz Schwierigkeiten an eine Aufgabe bleiben und nicht den “Bettel” hinwerfen. Ich habe nicht die Möglichkeiten bei Ihnen übernachten zu können aber machen Sie bitte weiter. Die Schweiz braucht Leuten wie Sie! Gruss aus Basel.

  2. Jimy Hofer sagt:

    Ein Unternehmer mit Herz und Verstand und ohne Gewinnoptimierungs-Neurose.
    Das tut gut, dass es solche Leute noch gibt. Solche “Patrons” fehlen Heute an allen Ecken unserer Wirtschaft.
    Das Problem ist, dass solches Unternehmertum auf keinem Lehrplan steht.

  3. Luisa sagt:

    Klingt gut, und wenn Herr Scherz in die Fussstapfen seines Vaters getreten ist – natürlich nicht als seine Kopie, sondern als Nachfolger seiner Hoteliers-Klasse und auf seine ganz persönliche Weise – dann: Hut ab!!
    Ich hatte das Privileg, Herrn Scherz sen. persönlich kennen lernen und bei Fachgesprächen mit anderen Hotelierskollegen mitlauschen zu dürfen. Was für ein Fachmann! DORT habe ich gelernt, was Hotelfach zu sein hätte, und zwar so, wie keine Schule es vermitteln kann!
    Der vieljährige Erfolg dieses Hauses beweist, dass die Scherz-Philosophie die Richtige ist!

  4. Stefan sagt:

    Gratulation Hr. Scherz: Schreibe erstmals in einem Blog. Finde dieses Interview Spitze. Endlich einer der endeckt hat, dass sinnvolle Arbeit wertvoller ist als Geld. Sie sind wirklich einer der wenigen Patrons, wo man noch Achtung und Respekt hat.
    Hoffentlich lassen Sie sich nie von ihrem Weg abbringen und geben Ihr Wissen weiter an Ihre Kinder. Lassen Sie Ihre Philosophie teilhaben an der Menschheit.

    Nebenbei: Ich war mal vor 20 Jahren währen einem Militärdienst in Ihrem Haus ein Cafe trinken. Vielleicht gelingt es mir einmal mit meiner Frau ein Wochenende bei Ihnen zu verbringen und Sie kennenzulernen.

  5. Reisender sagt:

    Man stelle sich vor Dr. Patrick Raaflaub und Konsorten hätten das selbe Gedankengut und Ethik wie Herr Scherz, der Schweiz ginge es besser. Aber das ist der Unterschied. Herr Raaflaub könnte sich bestimmt problemlos ein Chalet in Gstaad leisten, er trägt ja nur eine theoretische Verantwortung und hat auf unsere Kosten gelebt. Herr Scherz weiss aber wofür er arbeitet und ist bestimmt glücklicher und seine Arbeit erfüllt ihn mit Befriedigung. Meine Hochachtung vor solchen Leuten!

  6. Dougkas Bader sagt:

    Der Schweizer Hotellerie gänge es um einiges besser wüerden sie wie den Herr Scherz denken und handeln. Schon nur die Bemerkung von einem schweizer Hotelier, in Jahre 2014, dass der Kunde König ist, ist bemerkenswert. Ich wünsche ihnen, Herr Scherz und ihre “Hütte” viel Erfolg.

  7. alien sagt:

    Scherz, Sie imponieren mir. Wenn ich mal das Geld dafür haben sollte, komme ich zu Ihnen.

  8. Küre sagt:

    Habe in den Jahren 1955 bis ca 1965 mit ihrem Vater ein zwei WK in Payerne und Umgebung gemacht (PZ-Grenadier KP 2/13)
    Jch freue mich noch heute, dass es das Palace noch gibt, denn schon damals hat Jhr Vater für das Luxushotel gekämpft. Beim Schlussessen des Kaders hat er dem Wirt resp. dem Koch erklärt nachdem selbiger aus der Küche geholt wurde. was für Fleisch er uns als Entre.-côte aufgestellt habe und gab dem verdutzten Koch den Teller zurück.2 So etwas macht man in unserer Branche hicht sagte er dem Mann Un d liess ihn stehen .

  9. So behandelt man KAMERADEN aber nicht, weder in der Schweizer Armee noch in Schweizer Küchen. Ich möchte gerne davon ausgehen, dass die Story erfunden ist. Herr Bader, ein Gast ist niemals König, er ist ein respektierter Gast. Ein König geht never in ein Hotel, sondern residiert im eigenen Schloss oder wird im Ausland auf ein dortiges eingeladen. — Auf alle Fälle hättest Du das Geld, lieber Stefan, für ein Wochenende im Palace. Es reut Dich jedoch. – Ach Herr Scherz! Die Kenianer gewinnen alle ihre Marathons barfuss. Ihr Interviewer hat Sie im Stich gelassen.
    i

  10. Angela sagt:

    Chapeau, Herr Scherz. Sie lassen hoffen.
    Auch ich kann mir den Aufenthalt in Ihrem Haus nicht leisten. Gehöre auch nicht dorthin. Doch wünsche ich Ihnen alles notwendige, damit die Familienphilosophie und das Palace am Leben bleiben.

  11. Ch. Siegfried sagt:

    Liebe Familie Scherz, herzliche Gratulation zum 100-jährigen Bestehen des Gstaad Palace, DAS Luxushotel der Schweiz, ein geschichtsträchtiges Märchenschloss an wunderschöner Lage mit viel Herz und ausgezeichnetem Service!!

    Lange träumten wir von einem Aufenthalt im Palace, hatten auch etwas Schwellenangst (jedoch absolut unbegründet), aber letztes Jahr haben wir uns dies dann doch einmal gegönnt, waren so begeistert, dass wir diesen Januar wieder bei Ihnen übernachteten. Wir sind absolute Fans geworden und lieben den guten Spirit in Ihrem Hotel, man spürt, dass es ein Familienbetrieb ist, man muss sich einfach wohlfühlen. Die warme Freundlichkeit und Professionalität des gesamten Personals ist eine wahre Freude, eine immens teure TV-Anlage oder HighTech Luxus würde dies nie ersetzen. Wer sich einmal ein unvergessliches Geschenk machen möchte, der soll hier ein paar Tage übernachten, die hervorragende Küche geniessen oder im urgemütlichen Spa dem Alltag entfliehen!
    Wir wünschen Ihnen und hoffentlich auch der nächsten Generation viel Erfolg, Durchhaltewillen und Freude auch für die nächsten 100 Jahre!

  12. Mario M. Montecarlo sagt:

    Wenn ich lese,dass in diesem Hotel jeder Gast durchschnittlich pro Tag tausend Franken plus oft nochmal soviel für Zusätzliches ausgibt,wundere ich mich nicht mehr,dass die Armen dieser Welt da nur noch mit Veachtung auf solche Dekadenz – trotz der Sparbemühungen der Reichen,wenn sie den Schnäppchenchampagner für ” nur” 280 statt 700 Euro bestellen.Widerlich!

  13. Grunder sagt:

    Die Fernseher im Palace mögen nicht CHF 25’000 kosten – dafür hat das Haus Seele. Das kann man halt nicht kaufen…

  14. Doris He. Costa Smeralda sagt:

    Sehr geehrter Herr Scherz, ich hatte die Ehre in Ihrem Palast einmal arbeiten zu dürfen, kannte Papa Scherz und Ihre Eltern. Auch wenn das Hotel groß ist , haben wir uns wie in einer Familie gefühlt. Die Familie Scherz war uns ein Vorbild, sie waren kompetent und bescheiden. Ich werde nie vergessen, dass viele vom damaligen Personal zu einem Wochenende in Ihr Hotel eingeladen wurden. Ich wünsche Ihnen von Herzen weiterhin gutes Gelingen und viel Kraft im heutigen Konkurrenzkampf. Gstaad my Love.