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Liliane Boltshausers langer Weg in die Selbständigkeit

Mathias Morgenthaler am Samstag den 4. Januar 2014

LilianeBoltshauser

Andere bereiten sich in ihrem Alter auf die Pensionierung vor, Liliane Boltshauser ist mit 59 Jahren unter die Jungunternehmerinnen gegangen. Es ist die vorläufig letzte Kehrtwende in einem von Neuanfängen geprägten Leben: Mit 17 Jahren verliess sie das Elternhaus und wurde Selbstversorgerin im Tessin, später Milchfarmerin in Kanada, danach Grafikdesignerin und Künstlerin. 

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Boltshauser, hatten Sie als Kind eine klare Vorstellung davon, welchen Beruf sie einmal ausüben möchten?
LILIANE BOLTSHAUSER: Nein, ich hatte keinen eindeutigen Berufswunsch. Mein Vater erklärte mir früh, ich solle mir nicht den Kopf zerbrechen. «Du musst nichts lernen, denn du wirst sowieso eines Tages heiraten», sagte er zu mir, als ich 15-jährig war.

Hat Sie das verletzt?
Das war in den Sechzigerjahren keine aussergewöhnliche Haltung. Aber natürlich hätte
ich mir gewünscht, meine Eltern hätten mich mehr gefördert. Schon früh hatten mich Zeichnungspapier und Farbstifte magisch angezogen. Zum Glück hatte ich einen phantastischen Zeichnungslehrer, einen holländischen Künstler. Mit seiner Hilfe schaffte ich es sogar, von meinen Eltern die Erlaubnis zu bekommen, Textildesign zu studieren. Ich liebte die künstlerische Atmosphäre in den Ateliers der Textilfachschule.

Und doch haben Sie mit 17 Jahren über Nacht das Weite gesucht.
Ja, das war die Liebe. Ich hatte einen Mann kennengelernt, der für mich der perfekte Gegenentwurf zum konservativen Leben meiner Eltern darstellte. Ein Mann mit hennaroten Haaren, langem Bart und Schlangenleder-Stiefeln. Wir begegneten uns zum ersten Mal im Odeon in Zürich, eines Tages brannten wir durch. Ich war 17, er 21. Ich verliess das Elternhaus, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Das Hippieleben war viel verheissungsvoller als in Zürich gegen die Erwartungen meiner Eltern zu revoltieren.

Wann kam die Ernüchterung?
Wir waren sehr glücklich als junge Selbstversorger im Tessin. Wir bauten in abgelegenen Tälern alte Rusticos um, vermehrten seltene Getreide, brachten neues Leben in die ausgestorbenen Dörfer. Wir lebten von der Natur und für die Natur, sammelten Kräuter und Beeren, verkauften als Erste in Lugano eigenes Bio-Brot und Bio-Gemüse. Es war viel harte Arbeit, aber gleichzeitig ein sehr sinnerfülltes Leben. Rückblickend bin ich aber froh, sind wir nicht ein Leben lang in diesen Tälern geblieben, wo man sich an der Quelle mit kaltem Wasser wäscht.

Was hat Sie zum Umdenken gebracht?
Durch die Geburt unseres Sohnes lernten wir, dass ein totaler Ausstieg gefährlich bis unmöglich war. Einer aus unserer Kommune war ein grosser Amerika-Fan mit Trucker-Erfahrung. Er sagte eines Tages: «Lass uns nach Kanada gehen, da ist alles viel grösser und flach.» Mein Vater lieh uns Geld, so dass wir in Kanada eine Milchfarm mit gegen 200 Hektaren Land, 100 Kühen, 50 Kälbern und Rindern sowie einem gigantischen Maschinenpark kaufen konnten – alles auf Kredit.

Ein guter Entscheid?
Als wir am 3. Januar 1978 in Montreal aus dem Flugzeug stiegen, verschlug es uns bei -40 Grad Celsius den Atem.Später wären wir fast erfroren, als wir mit einem ungeheizten VW-Bus in einem Schneesturm stecken blieben. Es war eine sehr harte Zeit, spätestens nach der Geburt unseres zweiten Sohnes. Mir fehlte die Romantik der Tessiner Jahre. Die Menschen in Kanada waren sehr hilfsbereit, aber wir verdienten trotz grossem Einsatz wenig. Als die Hypothekarzinse stark anstiegen, mussten wir die Farm verkaufen und kehrten nach sechs Jahren in die Schweiz zurück. Wir übernahmen im Zürcher Oberland die Verantwortung für einen Musterhof, wo wir Kurse in Bio-Gartenbau gaben, ein neues Kompostsystem mit eigener Wurmzucht aufbauten und Kühe, Pferde, Hühner, Gänse, Hund und Katzen hielten.

Auch das klingt nach viel Arbeit und wenig Einkommen.
Ja, so war es, und erschwerend kam dazu, dass mein Mann und ich sehr unterschiedlich mit den finanziellen Problemen umgingen. Ende der Achtzigerjahre trennten wir uns, nach 18 Ehejahren. Ich stand plötzlich alleine da mit den beiden Söhnen. Die Wohnung, für die wir als Familie den Zuschlag erhalten hatten, wurde mir sofort gekündigt. Es war ein harter Moment, der in mir die Kampfeslust weckte. Damals kam der erste Macintosh-Computer von Apple auf den Markt, ich lernte Grafikdesignerin und profitierte davon, dass die Arbeit am Computer für alle Neuland war. So arbeitete ich mich hoch bis zum Art Director, war alleinerziehend und voll berufstätig, also praktisch ohne Freizeit.

Wann wurde die Kunst zum wichtigen Lebensinhalt?
Mit Zeichnen, Malen und Fotografieren habe ich nie ganz aufgehört. Schon in Kanada konnte ich eine erste Ausstellung organisieren, in Zürich kam nach der Jahrtausendwende der alte Traum wieder hoch. Ich begann, Fotografien auf Leinwand zu drucken und wurde mir bewusst, dass im Zentrum meines künstlerischen Schaffens die Auseinandersetzung mit dem Licht steht. 2006 fand eine erste Ausstellung in Zürich statt. Es kostete mich viel Überwindung, mit meinen Werken in die Öffentlichkeit zu gehen, denn ich zweifelte, ob sie gut genug sind. Die Rückmeldungen waren so überwältigend, dass ich mich entschloss, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Gleichzeitig hatten Sie Mühe, nach einem Stellenverlust nochmals im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.
Ich habe zwei Jahre lang vergeblich einen Job gesucht – mal war ich überqualifiziert, mal schien ein anderer geeigneter. Wären alle potenziellen Arbeitgeber ehrlich gewesen, hätten sie mir gesagt, dass sie einfach keine Frau mit Jahrgang 1954 anstellen wollen, weil die Sozialkosten zu hoch sind. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit habe ich im Mai 2013 all meinen Mut zusammengenommen und mich im Alter von 59 Jahren selbständig gemacht.

Und seither leben Sie von der Kunst?
Ich baue auf vier Säulen: Die Kunst, das Grafikdesign, Coaching und Textildesign. Das macht den Arbeitsalltag so abwechslungsreich. Mal entwerfe ich Logos für Jungunternehmer, dann coache ich eine alleinerziehende Frau, und am nächsten Tag fange ich mit dem Fotoapparat Lichtreflexionen ein. Künftig will ich Kunst und Coaching noch enger verknüpfen. Die Kunst kann uns lehren, genauer hinzuschauen, den Blickwinkel zu verändern – Fähigkeiten, die auch im Coaching eine wichtige Rolle spielen.

Wie erleben Sie die Selbständigkeit – als Kampf oder als Befreiung?
Ich erlebe Tage voller Zuversicht, aber auch bange Momente. Entscheidend ist vermutlich meine innere Einstellung. Es kommt nicht in erster Linie darauf an, wie hart ich kämpfe, sondern ob ich vertrauensvoll agiere. Solange beispielsweise der Glaubenssatz, Kunst sei immer brotlos, Macht über mich hat, wird er sich bewahrheiten. Solche Dinge sind tief verankert. Aber ich gelange mehr und mehr zur Überzeugung, dass ich es mir verdient habe, nun das zu tun, was ich gerne mache. Und dass ich damit auch meinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Kontakt und Information:
info@licht-punkt.ch oder www.licht-punkt.ch

Ausstellung von Liliane Boltshauser: Vom 14. März bis 25. April 2014 im Medienzentrum Bundeshaus in Bern.

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21 Kommentare zu “Liliane Boltshausers langer Weg in die Selbständigkeit”

  1. Ein interessanter Bericht einer interessanten Frau mit einem interessanten Leben und einer interessanten, ansehenswürdigen WebSite. Ich gratuliere.

  2. Peter Baumann sagt:

    Hi Lilli, freut mich unheimlich von dir zu hören…. Gruss Peter

  3. diva sagt:

    mit einem ähnlichen zick-zack-kurs durchs leben und wenige monate älter, stehe ich an einem ähnlichen punkt, darum hat mir das interview sehr berührt. coole frau! ich wünsche ihr von herzen allen gute

  4. meisser reto sagt:

    Guten Tag zusammen,
    ein sehr guter Beitrag. Über eine Frau die viel Power hat. Es ist schön über das zu lesen. Weil man davon noch viel lernen kann.
    Ich wünsche ihnen sehr viel Kraft und viel viel Erfolg.

  5. Dodimi sagt:

    Ein wunderbarer Artikel über eine mutige, lebensbejahende Person. Ich bin auf demselben Weg mit bald 65 Jahren, ohne Sachzwänge, zwar wenig Mittel, aber so frei wie man frei sein kann von einem diktierten Alltag, der ein Chef eines Unternehmens einem vorschreibt. Jetzt beginne ich zu leben. Wie heute in einem Artikel stand “man ist wie man ist und draussen wie man muss”.
    Und jetzt nur noch authentisch “wie man ist”, vertrauend auf eigene Erfahrungen, wissend, dass immer wieder Kompromisse zu machen sind, sofern es keine “faulen” sind.

  6. Werner sagt:

    Diese Frau hat aussergewöhnlichen Mut und ein bewegtes Leben. Ich bin in einer ähnlichen Situation und erfreue mich meiner Freiheit, selber zu entscheiden was ich in meinem Berufsleben machen kann. Auf alle Fälle wünsche ich ihr viel Glück und natürlich auch Erfolg; es kommt gut denke ich.

  7. Pedro sagt:

    Hallo Liliane
    Es ist schade, dass wir uns nie begegnet sind! Aber eben, 1968 hätte ich dir nicht vertraut, heute schon. Dein Leben finde ich 1 zu 1. 1 zu 1 ist für mich der Inbegriff für Autentität, diese habe habe ich zu leben gelernt, wenn auch in anderer Form als du.
    Liebe Grüsse Pedro

  8. Yolanda sagt:

    wunderbar! danke für das Leben dieses Lebens und danke für das Berichten darüber!

  9. Martin sagt:

    Toller Bericht! Hut ab vor dieser Dame!

  10. Gilbert sagt:

    Hut ab
    Ein Vorbild für alle Kämpfer
    Ein Leben ohne Kampf, Niederschläge, Aufstehen, Sonne, Regen, weitergehen, zurück blicken und glücklich sein, gibt es nicht

    Alle anderen sind schon tot

  11. Katharina I sagt:

    Wieder ein tolles Interview! Danke, Herr Morgenthaler. Und Dank auch an Frau Boltshauser, dass sie ihre interessanten Erfahrungen mit uns teilt.

  12. isabelle widmer sagt:

    wunderbar, liebe liliane! so liest man sich wieder 🙂
    toitoitoi für alle deine schritte!

  13. Alois Iten sagt:

    Hoi Liliane
    schön von dir so Spannendes zu lesen. Als ehemaliger Nachbar wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg!

  14. Alfred Siffert sagt:

    Jaja. In der Teppichetage sitzen die fetten Alten und stellen selber keine Alten ein. Und das mit den hohen Sozialkosten ist ein uralter Witz: ich hab Stellenbudgets. Z.b. 100000. Wenn ich einen 64 jährigen anstelle bleibt das budget. Der hat dann etwas weniger Netto. Aber das kapiert nicht mal das HR bei uns.

  15. Man ist nie zu alt, die ausgetretenen Wege zu verlassen und neue zu gehen. Eine grossARTige Frau. Bravo – bravissimo!

  16. Jeanine Hug sagt:

    Danke für den Bericht, er ermöglicht Identität und macht Mut. Lilinane’s Geschichte könnte auch meine sein: textiles Kunsthandwerk, Matur, Architektur – mit 50 arbeitslos – Selbständigkeit im Kunst- und Recyclingbereich. Ich bin überzeugt, der künstlerische Prozess macht das ausgezehrte Land wieder fruchtbar. Er bietet Boden zur Entwicklung und jeder wird Unternehmer in Sachen eigenes Leben. Via Kunst führt die Konstante “Veränderung” nicht in die Starre, sie wird Chance. Gibt es noch mehr von den Ü50 Frauen, die es mit der U50 Wirtschaft aufnehmen?

  17. Scheidegger Marc sagt:

    Hej aus Stockholm liebe Liliane. Schön, dass es nun geklappt hat mit der Eigenständigkeit. Deine Fotographie hängt seit meiner Auswanderung nun in meinem Wohnzimmer hier in Stockholm und ich werde oft von Besuchern ausgefragt, was das Bild genau bedeutet und wer dahinter steckt. Natürlich du 🙂 die guten alten Schrennengassen Zeiten 🙂 Gruss, Marc

  18. Lydia Jezler-Rigling sagt:

    Hoi Lilian, toller Artikel., hat mich sehr gefreut so von Dir zu hören….ich wünsche Dir von Herzen alles Gute. Lydia

  19. Meinrad Pfister sagt:

    Verehrte Liliane Boltshauser – Etwas verspätet bin ich auf das Porträt über Dich aufmerksam geworden. – Es sagt enorm vielfältig Wesentliches aus. Hunderten und Aber-Hunderten von Menschen, glaube mir, gibt Deine mutige und starke Haltung Kraft; nicht ausschliesslich Künstlern und Kunstschaffenden. – Ich wünsche Dir nur das Beste im Auf und Ab Deines, unseren allen Daseins. Meinrad Pfister, Kulturstifter, Literaturtage Eglisau.

  20. Reinhard sagt:

    Interssante Interessante Lebensgeschichte. Sie spürte schon früh den Ruf in die Ferne zu gehen. Glaube auch wenn man mal richtig fest hinfällt einer der besten Lernerfahrung ist. Das Leben geht weiter. Wer weiss ob sich ohne diese Erfahrung sie sich sonst nicht selbständig gemacht hätte. Das wichtig im Leben ist doch das man seine Träume, berufliche Ziele und Visionen im Auge behält. Das macht Lebendigkeit und lässt auch innerlich wachsen.

  21. An alle Feedback Schreiber

    Dankeschön für die vielen positiven Feedbacks und tollen Ermutigungen.
    Ich freue mich sehr, dass meine Lebensgeschichte auf so viel Interesse stösst.
    Die Quintessenz aus meinem Leben bedeutet für mich, auch wenn ich mal falsch abbiege, finde ich mich
    schlussendlich doch dort wieder wo ich hingehöre, nähmlich mit meiner Leidenschaft in meiner Berufung.

    Herzlichst
    Liliane Boltshauser