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«Ich nutze den Leidensdruck als Instrument der Verwandlung»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 14. Januar 2011

Emilio Schläpfer

Emilio Schläpfer

«Ich leiste Brückenbauer- und Hebammendienste», sagt der Berner Coach Emilio Schläpfer. Er begleitet Menschen, die sich irgendwann eingestehen: «Ich bin etwas geworden gegen meinen Willen.» Ohne Leidensdruck, sagt Schläpfer, gelinge die Neuausrichtung selten. Denn sich von Bekanntem zu lösen und auf seine Träume zu besinnen, ist ein hartes Stück Arbeit. Interview als PDF-Datei 

Herr Schläpfer, Sie waren Tanzperformancekünstler und arbeiten heute als Coach. Gestatten Sie die Frage: Warum braucht unsere Gesellschaft so viele Coaches? Sind wir nicht in der Lage, unser Leben selber zu gestalten?
EMILIO SCHLÄPFER: Wir leiden sicherlich auf hohem Niveau. Unsere Grundbedürfnisse sind gestillt, insofern geht es den Meisten gut. Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, rückt die Frage ins Zentrum, was jeder Einzelne aus seinem Leben macht. Im Bereich der Selbstverwirklichung sehe ich bei vielen grosse Verwirrung und beträchtlichen Orientierungsbedarf. Als Berufungsberater begleite ich zum Beispiel Menschen, die sich irgendwann eingestehen: «Ich bin etwas geworden gegen meinen Willen.» Seinem Leben nochmals eine andere Richtung zu geben, ist kein banaler Prozess. Da kann professionelle Begleitung hilfreich sein.

Kann man das überhaupt: seinem Leben eine neue Richtung geben?
Ich erlebe immer wieder, wie es Klienten gelingt, neue, stimmige Ziele zu finden. Wenn diese Ziele einem inneren Bedürfnis entsprungen sind, erzeugen sie eine ungeheure Sogkraft. Dann fallen plötzlich alle Bedenken und Widerstände weg und es gibt kein Zurück mehr. Insofern kann jeder seinem Leben eine neue Richtung geben. Ich brauche gerne das Bild der Skulptur: Wir können keine neue Skulptur bauen, das Ausgangsmaterial und die Grundstruktur sind gegeben. Aber wir können die Skulptur drehen, modellieren, weiterentwickeln.

Was sind die wichtigsten Auslöser, die Menschen veranlassen, sich beruflich neu auszurichten?
Oft braucht es einen Schicksalsschlag oder zumindest einen Leidensdruck, der sich in Handlungsdruck verwandelt. Aus ganz freien Stücken verändern sich nur wenige. Leidensdruck ist ein wichtiger Transformer. Wenn man ihn gezielt nutzt, mobilisiert er ungeahnte Kräfte. Ich nutze im Coaching diesen Druck als Instrument der Verwandlung. Am besten gelingt das, wenn jemand erkrankt oder die Stelle verliert. Anspruchsvoller ist es, wenn der Leidensdruck nur darin besteht, dass sich jemand innerlich leer fühlt und die Sinnkomponente in seinem Tun vermisst. Es ist eine grosse Herausforderung, jemanden zu mobilisieren, der 20 Jahre lang für 150’000 Franken im Jahr an seinen Interessen vorbeigearbeitet hat.

Warum tut sich das jemand an?
Dass jemand von jungen Jahren an konsequent seiner Berufung folgt, ist eher die Ausnahme. Viele orientieren sich in den ersten Berufsjahren nicht an der inneren Stimme, sondern an anderen Kriterien wie Familientradition, Prestige, Marktsituation, Lohnerwartungen etc. Dann entwickelt sich die Karriere vielfach zufällig. Massgeblich sind dann nicht die inneren Bilder, die eigenen Träume, sondern Opportunitäten. Manchmal stelle ich in der Arbeit mit sehr erfolgreichen Berufsleuten fest: Die haben 20 oder 30 Jahre lang für andere gearbeitet – nicht aus altruistischen Gründen, sondern aufgrund von Fremdbestimmtheit. Sie wollten dem Vater, dem Chef, dem Lehrer, der Gesellschaft etwas beweisen und bewegten sich immer weiter weg von ihrer Berufung. Wen man sich dessen bewusst wird, gewinnt man neue Perspektiven.

Wie arbeiten Sie konkret mit den Kunden?
Ich ermutige sie, Unternehmer in eigener Sache zu werden. Das setzt sorgfältige Biografiearbeit voraus. Es ist in diesem Kontext viel von der «inneren Stimme» die Rede – es ist gar nicht so einfach, sie zu vernehmen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Innere Bilder im Unterbewussten anzuzapfen und in Abgleich zu bringen mit der Aussenwelt ist eine Aufgabe, die viel Sorgfalt verlangt. Ich gehe mit den Klienten hinaus in die Natur. In einem faden Büro entstehen selten grosse Würfe. Ab und zu wandere ich mit den Klienten der Aare entlang. Erst aufwärts, gegen den Strom – das gibt Gelegenheit, die Lebensgeschichte aufzurollen. Auf dem Rückweg in Fliessrichtung richten wir den Fokus darauf, was nun neu ins Leben treten soll, was verschüttet war und sich nun herauskristallisieren will. Es geht darum, Blockaden aufzulösen und neue starke Bilder zu verankern.

Das kriegen Sie während eines Aarespaziergangs hin?
Manchmal gelingt es erstaunlich rasch, die Weichen neu zu stellen, in anderen Fällen pendeln die Klienten immer wieder ins Alte zurück, auch wenn sich dieses nicht bewährt hat. Es gibt immer eine Phase der Konfusion, wo man zwischen Stuhl und Bank fällt. Wir ziehen viele Fäden aus einem alten Teppich heraus und versuchen, damit einen neuen Teppich zu weben. Das Chaos angesichts der vielen ungeordneten Fäden kann Angst einflössen. Manchmal greifen mich Kunden im Verlauf des Coachings an und sagen vorwurfsvoll: «Jetzt hast du mir alles weggenommen.» Das ist ein schmerzhafter Prozess: Wie viele Dinge man loslassen muss, um Raum zu schaffen für Neues. Bei dieser Gelegenheit merken wir: Wir identifizieren uns stark mit der gewohnten Situation, sogar mit unseren Problemen. Manche kleben richtiggehend an ihren Dramen.

Kann man seine Berufung in einem Angestelltenverhältnis leben oder muss man sich dazu selbständig machen?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe einige Klienten begleitet, die schlicht am falschen Ort arbeiteten: einer als einsamer Forscher in einem Labor, obwohl für ihn offenbar die sozialen Kontakte sehr wichtig waren. Er übernahm später die Verantwortung für das Qualitätsmanagement in einem halbstaatlichen Institut und fühlt sich dort genau am richtigen Platz. Für viele andere führt die Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen in die Selbständigkeit. In der Schweiz ist allerdings das Unternehmertum nicht sehr weit verbreitet. Das Sicherheitsbedürfnis ist oft grösser als die Lust, etwas Neues aufzubauen. Auch das gehört zu meinen Aufgaben: mithelfen, dass Menschen sich dorthin bewegen, wo es sie hinzieht. Ich leiste Brückenbauer- und Hebammendienste.

Welche Ziele haben Sie sich selber gesteckt für dieses Jahr?
Ich möchte dazu beitragen, dass die Menschen nicht erst ins Coaching kommen, wenn sie krank oder stellenlos sind. Mir schwebt ein offenes Zentrum vor, eine Art «Coaching-Permanence» mit offenen Türen, wo Passanten spontan eintreten können, oder sich in einem Coaching-Café austauschen und mit einer Fachperson ihre Anliegen besprechen.

Kontakt und Information:
emilio.schlaepfer@berufstransfer.ch
www.berufstransfer.ch

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