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«Mein Ziel ist es, vor 100'000 Menschen eine Rede zu halten»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 3. Dezember 2010

Thomas Skipwith

Thomas Skipwith

«Eine Rede ist keine Prüfung, sondern eine grosse Gelegenheit, Menschen zu bewegen», sagt Rhetorik-Trainer und Präsentationscoach Thomas Skipwith. Es sei deshalb ein grosser Fehler, sich primär darauf zu konzentrieren, keine Fehler zu machen. Gute Redner, sagt der dreifache Rhetorik-Europameister, punkteten durch einen humorvollen Umgang mit Zwischenfällen und Schwächen.

Herr Skipwith, Sie sind kürzlich zum dritten Mal Rhetorik-Europameister geworden. Sind Sie überhaupt noch nervös, wenn Sie irgendwo ans Rednerpult treten?
THOMAS SKIPWITH: Ja, jedes Mal, das gehört dazu. Wenn ich einmal keinen Adrenalin-Kick mehr spüre, kann ich aufhören – dann werde ich garantiert niemanden fesseln. Was sich geändert hat: Früher war ich sehr stark mit mir beschäftigt bei Auftritten. Heute registriere ich besser, ob das Publikum mitgeht. Wenn einem die Zuhörer an den Lippen hängen, spürt man die Energie im Raum – das hat etwas Magisches. Ich war ein eher schüchternes Kind, ich musste mir das alles erarbeiten. Ich weiss aber noch, dass ich schon sehr früh die Schauspieler bewunderte, wie sie auf der Bühne ihre Texte vortrugen – ich wäre gerne an ihrer Stelle gestanden damals. Heute kann ich verstehen, warum jemand süchtig sein kann nach Bühnenauftritten.

Dieses Jahr gewannen Sie erstmals in der Disziplin der Stegreifrede. Wie lange konnten Sie sich vorbereiten?
Ich stand wie alle anderen schon auf dem Redner-Podium, als ich das Thema erhielt. Die Frage lautete dieses Jahr: «Was war das schönste Geschenk, das du je erhalten hast?» Ich begann von einer Prüfung an der Universität zu erzählen, die ich vergeigt hatte – was ich damals natürlich als Katastrophe empfand. Der Effekt war aber im Rückblick sehr positiv: Ich nutzte die geschenkten drei Monate bis zum nächsten Prüfungstermin, um spanisch zu lernen. Diese Geschichte kam in Barcelona ganz gut an. Wichtig ist bei allen Reden, dass man auf den persönlichen Erfahrungsschatz zurückgreift. Gute Geschichten leben von einem dramaturgischen Aufbau und echten Emotionen. Heile-Welt-Geschichten oder extrem nüchterne Fachvorträge interessieren kaum. Und: Kein Thema ist so undankbar, dass man darüber nicht eine packende Rede halten könnte.

Trotzdem tragen die meisten Referenten ihre Anliegen erschreckend langweilig vor. Sollte man Rednern verbieten, sich an Manuskripten festzuhalten?
Vom Manuskript abzulesen, ist nie eine gute Lösung. Die meisten Redner blicken dann kaum auf aus Angst, die Zeile zu verlieren. Da muss man die ketzerische Frage stellen: Verlierst du lieber die Zeile oder das Publikum? Überhaupt ist eine der wichtigsten Aufgaben, mit weniger Hemmungen ans Werk zu gehen. Wer sich einbringt und etwas riskiert, gewinnt immer – auch wenn er mal den Faden verliert oder ein paar Punkte zu erwähnen vergisst. Eine Rede ist keine Prüfung, sondern eine grosse Gelegenheit, Menschen zu bewegen. Es gibt keinen Grund, sich von Perfektionismus lähmen zu lassen. Kein Versprecher und kein Blackout fallen so negativ ins Gewicht wie ein Vortrag ohne Salz und Pfeffer. Im Gegenteil: Gute Redner punkten gerade durch humorvollen Umgang mit Zwischenfällen und Schwächen.

Vorbereitete Referate sind ein Teil, im Geschäftsalltag muss man aber auch oft spontan das Wort ergreifen. Wie kann man sich auf solche Situationen vorbereiten?
Auch hier hilft nur Training weiter. Natürlich gibt es gewisse Techniken, die einem helfen, wenn man überrumpelt wird. So kann man sich etwas Zeit verschaffen, indem man einen «Triggersatz» wie zum Beispiel «Ach ja, das erinnert mich an Folgendes . . .» einbaut. Mit solchen Standardformulierungen kann man die Leere überbrücken, die sich oft im ersten Moment einstellt. Das Bonmot «Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?» hat nämlich einen wahren Kern: Oft entsteht der Gedanke erst beim Reden – wir müssen bloss darauf vertrauen und ihm mit einem Trick Zeit geben, sich zu entwickeln.

Sie bereiten mit Führungskräften und Politikern in Einzelcoachings Reden vor und leiten Seminare und Trainings zum Thema Rhetorik. Auf welche wunden Punkte müssen Sie jeweils hinweisen?
Eine der Hauptgefahren besteht darin, dass kein Dialog mit dem Publikum entsteht. Vielfach werden die Zuhörenden massiv überfordert, weil die Sätze zu lang und zu kompliziert gebaut sind. Die meisten Referierenden neigen dazu, ihre Reden zu überladen. Das Beste ist, sich auf drei bis fünf Botschaften zu konzentrieren und diese anschaulich und persönlich zu vermitteln. Das klingt banal, geht in der Praxis aber oft vergessen. Die Referenten sind sich nicht bewusst, dass sie gegenüber dem Publikum einen gewaltigen Wissensvorsprung haben. Deswegen vergessen sie, das Thema klar zu umreissen. Schliesslich verschenken viele Redner die Chance, ihrer Rede am Schluss mit einem Appell mehr Wirkung zu geben. Eine Rede ist eine Gelegenheit, etwas zu verändern. Wer in seinem Leben einen wichtigen Beitrag leistet, tut gut daran, sich nicht zu sehr zurückzunehmen.

Das gelingt leichter, wenn man eine Mission hat. Wie ist das bei Ihnen? Perfektionieren Sie Ihre Rhetorik aus reiner Freude an der sprachlichen Meisterschaft oder gibt es einen übergeordneten Zweck?
Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, hier auf der Welt viel zu lernen. Um ein guter, kompletter Redner zu sein, brauche ich viel Wissen und viel Lebenserfahrung. Und ich brauche darüber hinaus den Mut, einen Gedanken, eine Idee im richtigen Moment gut zu verbalisieren. Das Rhetorik-Training hat mich im Gefühl bestärkt, dass ich etwas zu sagen habe. Bei 7,5 Milliarden Menschen auf dem Globus gibt es kaum noch Originalität im engeren Sinne – das Meiste hat irgendwo schon jemand gedacht. Wenn es stimmt, dass jeder wichtige Gedanken mindestens fünf verschiedenen Menschen eingegeben wird, kann man das als Entlastung oder als Verpflichtung sehen. Für mich ist es eine Aufforderung. Vier machen nichts mit dem Gedanken, einer setzt ihn um, bringt ihn auf den Punkt, teilt ihn, verwandelt ihn in Aktionen.

Haben Sie eine Vision, was Sie als Redner unbedingt einmal erreichen möchten?
Ja: eine halbstündige Rede vor 100’000 Menschen im Wembley-Stadion. Das hängt so an meiner Kühlschranktür. Dieses Bild, dieses Gefühl begleitet mich durch den Alltag. Ich sammle schon länger Materialien für diese Rede und knüpfe Kontakte, um dem Ziel näher zu kommen. Das Ziel ist hoch gesteckt. Wenn es sich als unrealistisch erweisen sollte, mache ich Kompromisse: vor 60’000 Menschen wäre zur Not auch in Ordnung.

Und über was werden Sie reden?
Die Details sind noch nicht spruchreif. Klar ist: Es wird eine Motivationsrede sein, welche die Menschen ermutigt, mehr aus ihrem Leben zu machen und mutiger ambitionierte Ziele zu verfolgen.

Kontakt und Information:
www.descubris.ch

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4 Kommentare zu “«Mein Ziel ist es, vor 100'000 Menschen eine Rede zu halten»”

  1. Herzlichen Glückwunsch Herr Skipwith. Es ist gut zu sehen, dass für Sie Rhetorik nicht nur aus Techniken besteht, sondern der Dialog mit dem Publikum absolut zentral ist. Die Wirkung einer Präsentation ist eben immer eine Frage der inneren Haltung. Über den Sinn von Appellen kann man streiten, ich arbeite lieber mit dem Mittel der Perspektivübernahme, das erfodert mehr Vorbereitung erreicht das Publikum aber eher.

  2. Als VP Weiterbildung des Rhetorik Clubs Zürich freue ich mich besonders das ein Mitglied unseres Klubs es in Barcelona geschafft hat diesen Sieg für unseren Klub und die Schweiz zu erringen. Bravo Thomas!

  3. Rolf Schumacher sagt:

    Lieber Thomas. Nochmals herzlichen Dank für die Einladung an den Rhetorikkurs in Zürich. Ich bleibe dabei, was ich Dir bereits vor dem Kurs gesagt habe. Die Show ist nichts, der Inhalt alles. Es gibt Menschen die sagen nichts strahlen aber Wahrheiten aus. Es gibt Menschen denen man besser nicht hinter die Showfassade schaut, weil einem vor gähender Leere schwindlig würde. In Wirtschaft, Politik, Showbizz, Werbung, Forschung haben wir mit absoluter Mehrheit von der letzteren Kaste Menschen. Deshalb haben Schneeballsysteme immer wieder Erfolg, deshalb sind Viagra und Prozac Blocksellers. Ein Hasta la vista Baby reicht aus um Millionen einzufahren und auch vor einem Millionenpublikum zu stehen.
    Ich bin der Meinung ein wirklich weiser Mensch versteckt sich hinter einer Fassade der Bescheidenheit und Unbedeutendheit. Denn er braucht viel Zeit zum Reflektieren und um sich selber zu finden. Authentizität ist ein hartes lebenslanges und oft verdammt einsames Trainig. Auswenig lernen, Gesten kopieren, Dresscodes beachten, Protokolle einhalten sind der Killer jeder Authentizität.
    Ich wünsche Dir selbstverständlich alles Gute auf Deinem Weg. Aber wenn Du einmal vor 100`000 Menschen stehst, streif allen slapstick ab wage es DICH und nur DICH selber zu sein. Dann kannst Du keine Fehler machen. Zuv or musst Du aber DIch selber in der ganzen Tiefe kennen, dann gehen Dir die Augen für die Welt automatisch auf. Und das Kennenlernen seiner selbst passiert nur in abgeschiedener, nichts wollender, STILLE. Wer sich kennt, kann sich und die Menschen gesund machen. Wer sich nicht kennt, blendet sich und die Menschen.

    Alles Gute

    Rolf

  4. Hallo Rolf, ich teile Deine Meinung voll und ganz! Und eben: In der Stille liegt die Kraft!

    Liebe Grüsse Heidi