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„Wer wenig erwartet, erlebt weder Enttäuschungen noch Exploits“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 6. November 2010
Robert Lauber

Robert Lauber

Was sich in der Arbeit mit Fussballern, Schwimmerinnen und Kampfsportlern bewährt hat, wendet Mentaltrainer Robert Lauber auch beim Coaching von Führungskräften an. Im Interview verrät er, wie wir unsere Emotionen in den Griff bekommen, wie man im Aussendienst erfolgreich verkauft und warum Christopher Columbus heute keine Chance hätte.

Herr Lauber, Sie kommen aus der Bankbranche, waren Sporttrainer und verhelfen seit 15 Jahren Managern und Sportlern zu mehr mentaler Stärke. Ist Mentaltraining eine Wunderwaffe oder nur eine arg strapazierte Modeerscheinung?
ROBERT LAUBER:
Weder noch. Mentale Stärke ist das Sahnehäubchen, das den Unterschied ausmachen kann. Es macht nicht aus einem schlechten Sportler oder Verkäufer einen Profi, aber es hilft, zur Stunde X den optimalen Leistungszustand zu erreichen und die Grenzen zu verschieben.

Grenzen verschieben? Das klingt nach: „Wenn du genug stark an etwas glaubst, ist alles möglich.“
Das ist nicht mein Ansatz, ich bin Trainer, kein Guru. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit suchte eine Nachwuchs-Kampfsportlerin meinen Rat. Sie belegte an den Schweizer Meisterschaften immer nur die Ehrenplätze und wollte endlich die Goldmedaille. Dank mentaler Arbeit erreichten wir dieses Ziel. Dann stand die Europameisterschaft vor der Tür und die Sportlerin sagte: „Es wäre schön, wenn es für einen Platz unter den ersten 10 reichen würde.“ Sie hatte gute Gründe für diese Einschätzung. Schritt für Schritt verschoben wir dann den Fokus und richteten uns auf eine Medaille aus. Dazu gehörte viel Visualisierungsarbeit: Die Siege, die Interviews, die Medaillenvergabe, die Feier am Flughafen nach der Rückkehr….all diese Bilder und Emotionen durchlebte die Athletin schon im Voraus. Am Wettkampf gewann sie dann tatsächlich Bronze. Und an der WM gelang ihr das erneut.

Also doch: Wenn man stark genug an etwas glaubt…
Entscheidend ist: Mit konsequentem Erfolgs- und Zieltraining können wir innere Widerstände abbauen. In unserer Gesellschaft herrscht eine extreme Absicherungsmentalität vor. Wir bleiben in der Komfortzone und sichern uns durch bescheidene Zielsetzungen ab gegen den Misserfolg. Wer wenig erwartet, erlebt keine grossen Enttäuschungen – aber auch keine Exploits. Ich helfe meinen Kunden, sich mental konsequent auf die optimale Leistung, den grösstmöglichen Erfolg auszurichten, um ihr Potenzial auszuschöpfen. Wer sich gedanklich zu sehr mit dem Scheitern beschäftigt, verbaut sich den Weg zum Erfolg. Hätte Columbus nicht von einem neuen Weg nach Indien geträumt, hätte er nie Amerika entdeckt. Heute würde man ihm antworten: „Weisst du, was da alles schief gehen kann? Machen wir doch erst einmal eine Machbarkeitsstudie.“

Was können Manager oder Verkäufer von Ihnen lernen?
Ohne mentale Fitness können wir im Beruf keine Höchstleistungen erbringen. Ich trainiere regelmässig Aussendienst-Mitarbeiter einer grossen Versicherung Sie stehen unter Verkaufsdruck, sind gestresst, versuchen, mit sachlichen Argumenten und Fleiss zu punkten. Ich trainiere sie darin, stärker auf die Signale zu achten, die sie aussenden. Wenn ein Kunde sich bei jemandem wohl fühlt, glaubt er eher an die Qualität der Produkte. Steht der Verkäufer offensichtlich unter Stress, bringt er auch das beste Produkt nicht unter die Leute. Darum werden übrigens immer dieselben Jogger vom Hund gebissen. Das heisst: Wenn der Aussendienstler es schafft, glaubhaft eine positive Grundhaltung auszustrahlen, geht ihm alles leicht von der Hand. Sein Fühlen trägt dann sein Denken und dieses prägt sein Handeln. Deswegen ist es entscheidend, die eigenen Emotionen im Griff zu haben. Veränderungen auf der Handlungsebene sind viel weniger wirkungsvoll.

Das klingt unheimlich: die Emotionen im Griff haben. Wollen Sie aus Menschen Roboter machen?
Nein, jeder Mensch hat Schwankungen, das ist natürlich. Niemand ist jeden Tag in einem Flow-Zustand. Wir sind den Schwankungen aber nicht machtlos ausgeliefert. Erstens können wir herausfinden, wie wir an schlechten Tagen sorgsam mit uns umgehen, wie wir den Schaden limitieren. Zweitens haben wir mehr Möglichkeiten, auf unsere Stimmung Einfluss zu nehmen, als den Meisten bewusst ist. Eine wichtige Frage ist zum Beispiel, wie wir einschlafen – das entscheidet darüber, wie wir in den nächsten Tag starten. Wir haben alle gelernt, am Abend die Zähne zu putzen, aber nur wenige denken an die Bedeutung der emotionalen Hygiene. Es macht einen grossen Unterschied, ob wir am Abend Wein trinken, TV schauen und irgendwann matt ins Bett sinken oder ob wir meditieren, einen Spaziergang machen oder uns ein Bad und eine Körperlotion gönnen vor dem Einschlafen.

Wer sich so auf den Schlaf vorbereitet, startet am nächsten Morgen gut in den Tag?
Ich empfehle, sich auch am Morgen genug Zeit zu lassen. Abend- und Morgen-Ritual bilden das emotionale Fundament für den ganzen Tag. Wenn man gestresst und verspätet in den Tag startet, ist das kaum zu korrigieren. Wer dagegen auf ein starkes Fundament bauen kann, ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Die Situationen sind ja immer neutral, es sind unsere Empfindungen, die den Druck verursachen. Das gute Fundament erlaubt uns, positiv und fokussiert ans Werk zu gehen.

Arbeiten Sie auch im Arbeitskontext mit Visualisierungen? Oft ist doch Multitasking gefragt statt dem Tunnelblick, der Sportler auszeichnet.
Wenn die Gedanken nicht fokussiert sind, verliert man sofort Kraft. Das lässt sich einfach zeigen. Stehen Sie auf, strecken Sie den Arm seitwärts vom Körper weg. Und wenn ich nun nach unten drücke, halten Sie dagegen. (Er drückt und schafft es nach einigen Sekunden, den Arm nach unten zu bewegen.) Gut. Und nun nehmen Sie dieses Handy ans Ohr, strecken den anderen Arm wieder nach aussen und halten dagegen. (Er drückt, der Arm lässt sich sofort und leicht nach unten biegen.) So viel zum Multitasking.

Kann man dank Mentaltraining permanent Höchstleistungen erbringen?
Nein, das ist eine Utopie – eine weit verbreitete allerdings. Schauen Sie diesen Luftballon an. Am Morgen ist er voll. Wenn wir nun Leistung bringen, verbrauchen wir Substanz (lässt Luft entweichen). Nun ist die Hälfte der Luft draussen und wir müssten auftanken. Das gelingt nicht, wenn wir mit 120 Stundenkilometern an einer Tankstelle vorbeirasen. Wir müssen verlangsamen, eine Pause einlegen. Fünf bis zehn Minuten reichen aus, wenn man weiss, wie man effizient auftankt. Viele gönnen sich diese Zeit nicht, sondern versuchen, sich mit Stimulanzien wie Kaffee oder Nikotin von ihrer Erschöpfung abzulenken. Das ist wie wenn im Auto die Ölwarnlampe aufleuchtet und wir ein Pflaster drüberkleben, um nicht hinsehen zu müssen.

Kontakt und Information:
www.sportmental.info

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