Hauptsache, anders sein

Karlheinz Weinbergers Fotografien von Halbstarken sind Kult. Nun werden auch weniger bekannte Bilder des Zürchers aufgelegt.

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Es muss für die konservativ geprägte Schweiz der Nachkriegsjahre ein Schock gewesen sein, als sich Mitte der 50er-Jahre die erste globale Jugendbewegung auch hierzulande formierte und zeigte. Während sich in den USA die Beatniks, Hipster und Rockabillys breitmachten, waren es in der Schweiz die «Halbstarken». Sie waren Pioniere, indem sie aus der Wohlanständigkeit und dem Bünzlitum ausbrechen wollten, Wert auf Stil legten und der amerikanischen Kultur huldigten – mit halblangen Haaren, Jeanshosen mit Schnürverschluss, messingbesetzten Stiefeln und nietenbeschlagenen Gürteln. Als «besondere Form des Existenzialismus, die einfach darin besteht, möglichst anders zu sein als die anderen»: So bemühten sich Journalisten, das Phänomen zu fassen – derweil die Zürcher Polizei 1961 eigens eine «Halbstarkenrazzia» unternahm, um sich über die Hintergründe der Bewegung ein besseres Bild zu verschaffen.

Karlheinz Weinberger (1921-2006) begleitete die Jugendkultur von Beginn weg mit seiner Fotokamera. Als Autodidakt und der Szene zwar zugewandter, aber nicht wirklich zugehöriger Beobachter interessierte den Zürcher vor allem ein zentraler Aspekt der Halbstarken: ihr Bedürfnis, sich von der Gesellschaft abzugrenzen, anders zu sein. Der Charme von Weinbergers Bildern entfaltet sich denn auch im Kontrast zwischen «seinen» Rebellen und der bieder-verschlafenen Eidgenossenschaft – und vor dem Hintergrund, dass da einer auszog, der sein Brot zeitlebens als Lagerist verdiente, um die Realitäten, die es da draussen auch noch gab, neugierig und fasziniert festzuhalten: eben die Halbstarken, aber auch die Rocker, die Sportler, die Homosexuellen.

Der junge Zürcher Buchverlag Sturm & Drang bringt nun die besten Fotografien Weinbergers in fünf thematischen Bänden heraus. Der erste, eben erschienen, widmet sich noch einmal seinem Parademotiv, den Halbstarken, und versammelt neben den Ikonen auch bisher unveröffentlichtes Material. Ende Jahr soll Band  2 folgen, «Sports», der zeigt, wie sich Weinbergers typischer fotografischer Blick auch in seiner Arbeit als freier Sportreporter niederschlug, der er zwischen 1964 und 1976 nachging – mit Fokus auf Ringen, Schwingen und Motorsport. Für 2018 sind die Bände zu Weinbergers Reisen nach Süditalien und Nordafrika sowie zu seinem Blick auf die Rockerszene und deren Insignien angekündigt, sprich: Lederjacken, Tattoos, Fransen und Schockfrisuren à gogo.

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Karlheinz Weinberger Volume # 1: Halbstarke. Sturm & Drang 2017, 71 S., 66 Abb., ca. 44 Fr.

8 Kommentare zu «Hauptsache, anders sein»

  • EWoerdehoff sagt:

    Zue Ausstellung von Basel gab es keinen KatLog. Derjenige zur Ausstellung in Zurich im Jahr 2000 ist làngst vergriffen.
    Zum Glück hat Steidl grad ein neues Buch herausgegeben, Karlheinz Weinberger, Swiss Rebels. Edition Steidl, Göttingen 2017. Mit einem gescheiten Text der Wozredaktorin Daniela Janser.
    Es gibt im Moment auch eine grossartige Retrospektive an den Rencontres d’Arles.
    Print sind hier erhàltlich: http://www.karlheinzweinberger.com

  • ueli.01 sagt:

    Stark !

  • Jacques sagt:

    Interessant. Es gibt Hipsters (20 Jh.) – und Hipsters (21. Jh.). – Wären das denn die Neo-Hipsters? In GB kannte man etwa die Mods.

  • Remo Peter sagt:

    Wann folgt der Band mit den schwulen Bildern, die damals dem „Kreis“ für eine Publikation zu erotisch waren?

  • david mercier sagt:

    da freu ich mich auf die bücher, an einer meiner wand hängen original weinberger, ich bin jeden tag aufs neue fasziniert und schaue sie mir sehr gerne an.

  • Ronnie sagt:

    Zur Szene in Basel liegt schon länger ein Buch vor, es gab auch eine Ausstellung zum Thema vor etwa 3 Jahren. Mir erscheints, als wäre dies alles erst vor wenigen Monaten geschehen. Auch sehr kleinkarierte Momente, wo solches Volk meinte bestimmen zu müssen, wer berechtigt sein eine Jeansjacke zu tragen oder so. Und auch der Fuchsschwanz am Rückspiegel flattert immer noch lebhaft vor meinen geistigen Augen. Die Kontrollen der Polizei beim Töffli, wenn einer eben Sonnenbrille, halblange Haare und schneller wie ein Solex fuhr. Die doofen Sprüche erst!

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