Unnatürliche Schönheit

In den Sommerferien ans Meer? Oder doch in die Berge? Claudius Schulze entlarvt unsere Lieblingslandschaften: Man hat sie gebaut.

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Blackpool, Grossbritannien

«Dieses Projekt», so bedankt sich der Fotograf am Schluss seines Buchs, «wäre nicht möglich gewesen ohne die vielen Mechaniker, die meinen Kran immer wieder zum Laufen brachten, wenn er erneut irgendwo liegen blieb.»

Kran? Das ist nicht etwa symbolisch gemeint. Seit 2011 ist der deutsche Fotograf Claudius Schulze nicht nur mit seiner Grossformatkamera durch halb Europa gefahren, sondern auch mit einem Kranwagen: Er wollte jene leicht ­erhöhte Sicht, aus der sich die Landschaft so darbietet, wie man sie aus der traditionellen Landschaftsmalerei kennt – so aufgeräumt und übersichtlich, so malerisch eben.
Aber gerade von dieser Vertrautheit darf man sich nicht täuschen lassen: Unsere Landschaften sind das Ergebnis menschlicher Eingriffe. Der Strand im englischen Blackpool zum Beispiel – den gibt es nur, weil man das Land mit Beton gegen den Ozean verteidigt. Im französischen Bort-les-Orgues hindert eine Staumauer die Dor­dogne dar­­an, das Tal mit Hochwassern zu verwüsten. Und auch den betörend glitzernden See auf dem österreichischen Silvretta­pass haben Ingenieure gebaut. Von der Nordsee bis in die Hochalpen: Bild um Bild macht Schulze klar, wie sehr Dämme und Deiche, Kanäle und Lawinenverbauungen zum gängigen Ideal landschaftlicher Schönheit beigetragen haben. 

Dabei haben sie ja einen anderen Zweck: Es sind Bollwerke gegen Katastrophen. Sie bringen eine Natur zum Stillstand, die sonst immer in Bewegung ist. Im Lawinenwinter 1951 kamen in den Alpen noch über 250 Menschen ums Leben, in der Nordseesturmflut von 1962 mehr als 300. Heute liegt ein Friede in dieser Natur, aber den hat nicht die Natur so gewollt.

Folkestone, Grossbritannien

Lac d’Émosson, Schweiz

Neeltje Jans, Niederlande

Fionnay, Schweiz

Bort-les-Orgues, Frankreich

Silvrettapass, Österreich

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Claudius Schulze: State of Nature/Naturzustand. Hartmann Books, Stuttgart 2017. 172 Seiten, 74 Bilder, englisch/deutsch, etwa 80 Franken.

3 Kommentare zu «Unnatürliche Schönheit»

  • Helene sagt:

    Schöne Fotos – Ferienorte eher nein…

  • Denise sagt:

    Hm, also meine Lieblingslandschaften sehen anders aus… Die Fotos sind aber klasse und zeigen für mich eher, was der menschliche Eingriff für ein ästhetisches Fiasko ist.

  • Henri sagt:

    Bort les Orgues war aber vor der Staumauer ein schönerer Ort und prosperierender dazu, lag er doch an einer bedeutenden nationalen Eisenbahnstrecke, die mit dem Stausee versank. Die verbliebene reizvolle Lokalbahnlinie rentierte auch nicht mehr und wurde in den 80er Jahren eingestellt. Bort les Orgues ist heute nur noch ein ärmliches und beinahe vergessenes Provinznest, verloren in den Weiten Zentralfrankreichs.

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