Voodoo und Überlebenskampf

Vibrationen im Quadratformat: Thomas Kern porträtiert Haiti in der Fotostiftung Schweiz.

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Plaine du Nord, 2008. Ein Transvestit posiert und schäkert mit einer Madame Sara, einer Marktfrau. Während der alljährlichen Pilgerfahrt zum Bassin St. Jacques sind die Strassen von Plainedu Nord mit Pilgern überfüllt. Tag und Nacht hört man die Musik und die Trommeln der unzähligen privaten Zeremonien. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

1997 war er zum ersten Mal dort, und seine Verwirrung hat er sich zunächst mit seiner Unkenntnis von Land und Leuten erklärt. Doch die Verwirrung blieb, auch bei seinem nächsten, übernächsten, überübernächsten Besuch. «Ich fand mich immer wieder in Situationen, in denen es schwierig war, Fiktion und Wirklichkeit zu trennen», berichtet Thomas Kern. Und irgendwann hat er gelernt, dass er diesen Eindruck in Haiti nie loswerden würde: Die «Vermischung», so Kern, von handfesten und traumhaften Dingen — sie gehöre zu dieser Gesellschaft.

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Saut d’Eau, Ville Bonheur, 2008. Zehntausende von Menschen pilgern nach Saut d’Eau, wo Gläubigen einst die Jungfrau Maria am Fusse eines Wasserfalls erschienen ist. Im Vodou heisst ihre Entsprechung Erzulie. Ihr zu Ehren finden hier Feierlichkeiten statt. Erzulielebt im Wasser und kann Wünsche erfüllen, Krankheiten heilen, Ehepartner finden, Pechsträhnen beenden oder Arbeit vermitteln. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Fort National, Port-au-Prince, 2010 Bergungs-und Aufräumarbeiten im Quartier Fort National in Port-au-Prince. Die Bewohner des Quartiers wurden durch UNO finanzierte Cash forWork Programme organisiert, um den in sich zusammen gestürzten Stadtteil aufzuräumen. Bei dem auf das Armierungseisen aufgesteckten Schädel soll es sich um Madame Sergohandeln, die Gattin von Monsieur Sergo, der an dieser Stelle ein kleines Bestattungsinstitut besass und dieses, zusammen mit seiner Frau und seinen vierKindern, im Erdbeben vom 12. Januar 2010 verlor. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

Und wahrscheinlich rührt daher auch dieses gewisse Mehr in seinen Bildern. Den aargauisch-zürcherischen Fotografen beschäftigt zwar der ganz normale Alltag auf dieser Insel, auf die die Welt ansonsten nur im Fall von Erdbeben und politischen Katastrophen blickt. Und er benutzt dafür seit zwei Jahrzehnten die allersachlichsten Mittel: das simple Schwarzweiss, das ruhige Quadrat, den direkten Blick. Doch immer wieder vibriert etwas in diesen Szenen; etwas Surreales, eine leise, aber konstante Irritation.

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Waaf Jérémie, Port-au-Prince, 1997. Ein Handwagen, voll bepackt mit Holzkohle-Säcken. Die Kohle wird von Grosshändlern direkt ab den Segelschiffen gekauft, die den Rohstoff aus dem Department Grand’Anse, der Region um die Stadt Jérémie im Süden des Landes nach Port-au-Prince transportieren. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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La Saline, Port-au-Prince, 1999. In einer Schule im Quartier La Saline sind die Schüler gerade dabei, ein Examen zu schreiben. Die Ti-écoles gehen auf eine Initiative des Salesianerordens zurück, dem auch der frühere Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide angehörte. Zweitweise existierten allein in den ärmeren Quartieren von Port-au-Prince über 250 solcher Schulen. Nur jedes fünfte Kind kann nach der Primarschule weiter zur Schule gehen. Schulgelder, Schuluniformen und Transportkosten übersteigen das Budget der meisten Familien. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Rue des Remparts, Port-au-Prince, 1997. Ein Arbeiter schäkert mit einer Marktfrau, die im Quartier La Saline Wasser verkauft. Mehr als die Hälfte aller Haitianer hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Anse Rouge, 2015. Ein Badestrand in einer unwirtlichen Gegend in Haiti. Kein Baum weit und breit, nichts als ausgebrannter Kalk links und rechts von der Strasse, die genau genommen auch keine ist. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Karneval, Jacmel, 2013. Die Strassen und Gässchen der malerische Küstenstadt Jacmel werden im Februar, während des wichtigsten Ereignisses des Jahres, zur Bühne, auf der gleichzeitig spontanes Strassentheater und organisierte Paraden stattfinden. In Gruppen organisierte und individuelle Darsteller verkörpern dabei traditionelle Figuren, die in mythologischen,politischen und historischen Ereignissen und Personen gründen. Dieser Haiti eigene Surrealismus, voller poetischer Metaphern, findet seine Inspiration im Vodou, in der Ahnenverehrung, der Geschichte und nicht zuletzt der aktuellen Politik. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Les Cayes, 2002. Das Hilfswerk Terre des Hommes hat in der Nähe von Les Cayes im Südwesten Haitis das Centre de récupération nutritionnelle (CREN) eingerichtet. Hier werden jungen Müttern aus der Region Kurse in Hygiene und Ernährung angeboten. Die Kleinkinder bekommen nach einer ersten ärztlichen Untersuchung alle dasselbe Kleidchen angezogen. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

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Jolibois, Sabala, Jacmel, 2013. Die Strassen und Gässchen der malerische Küstenstadt Jacmel werden im Februar, während des wichtigsten Ereignisses des Jahres, zur Bühne, auf der gleichzeitig spontanes Strassentheater und organisierte Paraden stattfinden. In Gruppen organisierte und individuelle Darsteller verkörpern dabei traditionelle Figuren, die in mythologischen,politischen und historischen Ereignissen und Personen gründen. Dieser Haiti eigene Surrealismus, voller poetischer Metaphern, findet seine Inspiration im Vodou, in der Ahnenverehrung, der Geschichte und nicht zuletzt der aktuellen Politik. Thomas Kern / © 2016 ProLitteris, Zürich

 

Nicht nur am Karneval in der Küstenstadt Jacmel (oben). Auch beim Aufräumen nach dem Beben von 2010 (unten links und rechts). Oder beim Verladen von Holzkohle am Hafen von Port-au-Prince (Mitte). Kern veranstaltet kein Spektakel, weder mit der Exotik noch mit dem Elend Haitis. Aber wo ein ganzes Land die Götter und Geister des Voodoo für wirklich hält und Wunder für selbstverständlich, da kommt auch ein so robuster und reflektierter Dokumentarfotograf nicht um einen «gewissen Glauben an das Wunderbare» herum. Der Betrachter seinerseits nicht um ein gewisses Wundern darüber, warum er oft ein bisschen mehr sieht, als ihm die Bilder zeigen.

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Ausstellung «Haiti — die endlose Befreiung», vom 17. September 2016 bis 29. Januar 2017 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur.

Gleichnamiges Begleitbuch bei Scheidegger & Spiess. Vier Teile, total 628 Seiten, 142 Abbildungen, 39 Franken.

1 Kommentar zu «Voodoo und Überlebenskampf»

  • Ronnie König sagt:

    Für uns schwer zu verstehen! Aber eine sehr lebedige Totenwelt. Voodoo durchdringt alles. Einst diente es dem Schutz von Mensch und Natur, alles hatte eine Seele und war miteinander verwandt und abhängig. Die Sklaven kamen mit desem Denken und wurden teilchristianisiert, die Priester waren grösste Mangelware um dieses Erbe richtig zu pflegen, ja wurden oft abgemurkst. Daraus entstand diese fremde Welt, die auch sehr bunt sein kann, aber leider auch ein grosser Hemmschuh ist für die Entwicklung. Und was macht Hollywood daraus? Eben.

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