Mit der Metro in die Vergangenheit

Welttheater

Wo man gräbt, da stösst man auf antike Kostbarkeiten: Ausstellungsobjekte in der Metrostation San Giovanni. Foto: Guybrush Threepwood (Wikimedia)

Ein Treppenschacht in die Tiefe, ein weisses M auf einer roten Leuchttafel. Nun ist sie also tatsächlich fertig geworden, die römische U-Bahn-Station San Giovanni, Linie C. Zehn Jahre haben die Arbeiten gedauert, sechs mehr als geplant. Was haben sie in San Giovanni, dem kleinbürgerlichen Viertel vor den alten Stadtmauern, auf diese Baustelle der «Metropolitana» nicht geschimpft! Sie hatte auch über dem Boden alles auf den Kopf gestellt. Nun werden die gelben Trennwände abmontiert, und die Strasse wird neu geteert. Die Züge verkehren zwar erst im Herbst, aber wer will da kleinlich sein. Eingeweiht wurde die Haltestelle jetzt schon mal, mit schönen Reden und reichlich Stolz. Es gab auch einen Tag der offenen Türen mit viel Publikum.

San Giovanni ist nämlich die erste museale U-Bahn-Station Roms. Der gehetzte Pendler wird da, wenn er denn mag, nebenbei auf eine «Reise in die Geschichte» mitgenommen, wie es in einem Willkommensgruss an der Mauer des Atriums heisst. An die Touristen, die des Italienischen nicht so mächtig sind, haben die Kuratoren nicht gedacht, aber die Übersetzung kommt dann vielleicht auch noch. Es ist eine vertikale Reise durch die Schichten der Geschichte, chronologisch geordnet. Im ersten Untergeschoss sind farbenfrohe Teller ausgestellt, die einige Jahrhunderte alt sind. Ein Stockwerk tiefer liegen und stehen in schön ausgeleuchteten Glaskästen archäologische Schätze aus der Kaiserzeit: Amphoren, eine Venus, die Rohre einer antiken Bewässerungsanlage. Und ganz unten, auf Niveau der Gleise, ist man dann schon in der Prähistorie.

Roms reicher Boden

Ausgestellt sind nur Stücke, die die Arbeiter in den Baugruben gefunden haben. Roms reicher Boden: Er ist Segen und Fluch zugleich. Wann immer die Römer graben, um ihren bewegten Alltag besser in den Griff zu bekommen, mit Tiefgaragen oder schnelleren Telefonleitungen etwa, mit wasserdichteren Kanalisationen oder eben mit neuen Metrolinien, hoffen sie insgeheim, dass der Boden sie nicht mit seinen unermesslichen Schätzen behelligt. Dass er das reiche Erbe, die antike Glorie, möglichst für sich behält. Sonst stoppen die Archäologen allen Drang zu mehr Moderne.

Die Streckenführung der Linea C, die dereinst durch das gesamte historische Zentrum führen soll, musste bereits an 45 Stellen korrigiert werden, weil es die Bewahrer so wollten. Früher war man da sorgloser. In den 1970ern, beim Bau der Linie A, frassen sich die Maschinen einfach durch den Bauch der Stadt und zermalmten dabei den einen oder anderen Reichtum der Zivilisation. Ein Jammer.

«Tutto bello, bellissimo», sagte Virginia Raggi, Roms Bürgermeisterin, nun bei der Einweihung. Alles sei so schön, so wunderschön. Ungewiss ist, wie lange alles so wunderschön bleiben wird, wenn San Giovanni mal den Betrieb aufnimmt. Zur Rushhour werden dann 60’000 Römer pro Stunde da passieren. Und täuscht die Erfahrung aus anderen römischen Metrostationen nicht, diesen Bühnen für Vandalen und Sprayer, dann droht dem stolzen, geduldig ersehnten Museum unter dem Boden eine rasche Profanierung.


Bürgermeisterin Virginia Raggi spricht an der Einweihungsfeier. Video: Vista Agenzia Televisiva Nazionale (Youtube)

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