Einmal plattgemacht und neu hochgezogen

Welttheater

Kein Stein bleibt auf dem andern: Bau von Geschäftsgebäuden in Peking. Foto: bingdian (iStock)

Peking. Fährt man mal kurz weg, kommt wieder, steht da eine neue Stadt und nennt sich wieder Peking. So beschrieb das mal ein Freund.

Neulich in der Binsengrasgasse bei uns um die Ecke. Da steht ein Beet, ein grosser Blumenkasten eigentlich, gebaut aus grauen Ziegeln, vielleicht zwei Meter lang. Zwei Gemeindearbeiter in orangefarbenen Uniformen machen sich daran zu schaffen: Sie reissen es ab. Den einen kleinen Baum darin haben sie schon abgesägt, nun gehen sie an den zweiten, an dessen Zweigen schon erste Blätter spriessen: Frühlingsgrün. Eine alte Frau, über 70, schaut zu. «Das ist eine Ulme, völlig gesund», sagt sie und deutet auf das noch lebende Bäumchen. Sie trägt die rote Armbinde der Gassenfreiwilligen. «Hauptstadt-Sicherheitspersonal» steht darauf. Sie wendet sich an zwei andere Nachbarn. «Wo kommen die her, diese Arbeiter?», sagt sie. «Warum reissen sie unser Beet hier ab?»

Das eigentliche Wunder

In Shanghai, habe ich gelesen, leben 90 Prozent der Familien nicht mehr in dem Haus, in dem sie noch vor 20 Jahren gelebt haben. Das wird in Peking nicht anders sein. Ganz China einmal plattgemacht und neu hochgezogen. Mindestens einmal. Darob könnte man schon irre werden. Das eigentliche Wunder aber ist, dass die meisten Chinesen dieser endlosen Achterbahnfahrt augenscheinlich ohne Schleudertrauma entstiegen sind. Oder?

«Sie sagen, sie wollen das Beet hier mit Blumenregalen ersetzen.» Wieder die alte Frau. «Blumenregale. Wieso brauchen wir denn so was? Ich habe schon die 12345 angerufen.» Die Bürgerservice-Hotline. «Das Beet ist ja nicht mal alt», wirft eine andere Nachbarin ein. Dann zeigt sie auf einen Baum neben dem Beet: «Schau mal, der wurde noch von Opa Xun gepflanzt und ist jetzt so gross.» Unsinn, meint ein gerade hinzugekommener Mann: «Der von Opa Xun steht da hinten. Aber wieso machen die denn das Beet hier kaputt? Die schöne Ulme.» Die Arbeiter tragen stumm Ziegel für Ziegel ab. Die Frau mit der Armbinde zuckt mit den Schultern. «So eine Verschwendung!»

Dann erzählt sie von dem Steintisch und den steinernen Höckern, die vor dem Beet an eben dieser Stelle standen. «Viele von uns spielten hier Karten oder plauderten. Bis es den Nachbarn zu laut wurde. Dann liess die Stadt den Tisch wieder abreissen und baute das Beet hier. Und jetzt soll das wieder weg? Für ein Blumenregal?» Sie gräbt ein wenig in der Erde und holt eine kleine Ingwerwurzel heraus: «Schaut mal, die hat Frau Liu gepflanzt, die spriesst schon.»

Einfach mal in Ruhe leben

Die Hutongs, Pekings Altstadtgassen, scheinen auf den ersten Blick Inseln des Friedens im Auge des Orkans. In Wirklichkeit sind auch sie längst erfasst von der allgemeinen Nervosität, da ist ein Grundzittern unter allen Füssen. Eine «Unsere Gasse soll schöner werden»-Kampagne jagt die nächste.

Hey, orangene Baumabsäger, wer hat euch geschickt? Jetzt macht einer kurz den Mund auf: «Keine Ahnung.» Beet weg, Blumenregal her – findet er nicht auch, dass das Verschwendung ist? «Quatsch, Verschwendung», nuschelt er: «Das fördert die Nachfrage! Das bringt Geld! Eure Ideen» – er deutet auf die Alten, die ihn umzingeln – «sind echt von gestern, wer soll euch noch verstehen?» Orange Nummer zwei stupst ihn an: «Sei still!» Sie tragen weiter die Ziegel ab. Die Frau mit der roten Armbinde seufzt. «Warum kann man nicht einfach mal in Ruhe und Frieden leben?» Die anderen schweigen.

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