Ein Skandalstück mit offenem Ausgang

Welttheater

Die Welt ergötzt sich am Spektakel: Trump-Figur am Karneval in Nizza (11. Februar 2017). Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Vor drei Wochen hat das längste Theaterstück der Welt begonnen. Es wird vier Jahre dauern oder vorzeitig aus dem Programm genommen werden. Falls das Publikum wegen der skandalösen Aufführung buht. Trotzdem hat es schon jetzt alle Rekorde gebrochen und wird in den Annalen der Kunst neben dem schwedischen Film «Logistics» thronen. Der Film ist 35 Tage und 17 Stunden lang.

Das Theaterstück, eine Mischung von Performance Art und Improvisation, heisst «Trump». Der Hauptdarsteller wurde in die Rolle gewählt. Wen wollen Sie auf der Bühne sehen?, lautete die Frage. Dank eines famosen Tricks erlangte der Hauptdarsteller die Mehrheit und wird künftig täglich auftreten.

Es liegt ihm im Blut. Schon sein Vater wurde besungen. Vom berühmten Folk-Barden Woodie Guthry, einem seiner Mieter. Denn der Vater des Hauptdarstellers besass viele Mietwohnungen. Er bevorzugte arische Mieter. «Ich nehm’ mal an/Old Man Trump weiss/wie viel Rassenhass/er aufgewühlt hat/im blutigen Topf der Menschenherzen», sang Woody über ihn.

Die Beleidigungsmaschine

War schon der Papa mit Kunst verbandelt, so ist der Sohn ein künstlerisches Naturereignis. Die Aufführung beginnt in den frühen Morgenstunden, wenn Washington noch schläft und nur Wachmänner und Ganoven in der Dunkelheit ihre Runden machen. Dann wirft der Hauptdarsteller von «Trump», ein stattliches Mannsbild in einem Bademantel, eine grosse Maschine in einem weissgestrichenen Haus mitten in Washington an.

Auf der Maschine steht: «Twitter». Nach einigem Kurbeln brummt die Maschine fröhlich. Der Hauptdarsteller überlegt sich unterdessen, wen er beleidigen oder zumindest frech anmachen soll. Das Kaufhaus «Nordstrom»? Weil dort die Marke der Tochter des Hauptdarstellers aus dem Sortiment genommen wurde? Sie heisst übrigens «Ivanka», die Tochter.

Oder wäre es emotional befriedigender, einen Richter anzupöbeln? Weil sich der Richter unbotmässig benahm? Bald kollern sogenannte «Tweets» aus der «Twitter»-Maschine und verleihen der Aufführung bereits im ersten Akt einen dramatischen Anstrich. Kaum sind die «Tweets» getan, erstürmt im Dämmerlicht des jungen Tages eine Kehrrichtbrigade die Bühne.

Ein Satz, drei Worte

Statisten sind sie nur bei «Trump», doch säubern sie die Bühne vom Unrat der «Tweets». Sie heissen «Spicer». Oder «Kelleyanneconway». Oder «Anonym». Während sie fegen, zerteppert der Hauptdarsteller im Hintergrund Porzellan. Ist es zerschlagen, bringen Bühnenarbeiter mit einem Gabelstapler mehr Porzellan. Pardauz! Und wumms!

Danach hält der Hauptdarsteller eine Rede. Sie ist improvisiert. Jeder Satz hat drei Worte: Ein Substantiv, ein Verb sowie einen Artikel. Manchmal wird ein Adverb gegen ein Verb ausgetauscht und erzeugt Spannung. Auch weicht der Hauptdarsteller vorsätzlich vom Skript ab und begibt sich in ein Labyrinth.

Dort klagt er neuerlich das Kaufhaus «Nordstrom» an. «Ivanka» erscheint jetzt und weint, indes «Spicer» das Kaufhaus «Nordstrom» mit einer Birne abreisst. «Trump» errreicht so in den Mittagsstunden einen Höhepunkt, ehe die Aufführung abflacht. Abends sitzt der Hauptdarsteller allein auf der Bühne, nur ein Fernseher leistet ihm Gesellschaft. Gelegentlich schreit er das Fernsehbild an. Das Publikum ist entgeistert. Beckett ist rein nichts dagegen.