Kein Schnee, kein Sturm

Winter! Hilfe! Der Tiananmen-Platz in Peking im Januar 2001. Foto: Greg Baker (Keystone)

Winter! Hilfe! Der Tiananmen-Platz in Peking im Januar 2001. Foto: Greg Baker (Keystone)

Wir haben jetzt Winter. Seit genau 53 Sekunden. Ich weiss das, weil vor 53 Sekunden auf dem Twitterkonto von Chinas amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua die ersten beiden Pandas durch den Schnee gerollt sind. «You You und Si Jia purzeln und rollen durch den Schnee», meldet Xinhua. Also ist jetzt Winter. Das ist jedes Jahr so. Ich brauche keinen Kalender. Ich brauche in meiner Twitter-Timeline bloss Xinhua. Wenn die Pandas purzeln, dann weiss ich: Oha, jetzt warm anziehen.

Das war in Istanbul ähnlich. Bloss dass den Istanbulern der Sommer wichtiger ist. In all meinen Jahren dort warteten wir stets sehnsüchtig auf das erste Foto von Eda Taşpınar. Eda Taşpınar war eine zeitlose Schöne, von der – wie bei den von der Südhalbkugel heimkehrenden Störchen – keiner so genau wusste, woher sie eigentlich kam und wohin sie ging. Jahr für Jahr erschien sie wie aus dem Nichts auf den Titelseiten der Boulevardblätter, wo sie dann, sich im Bikini auf Sonnendecks rekelnd, die nächsten Monate verbrachte. Sie lag und sie rekelte. Und der Zweck ihres Daseins war es, den Istanbulern zu verkünden: Es ist Sommer.

Eda Taşpınar war der Panda der Türken. Weil der Panda eine Erfindung für Ausländer ist, kratzt er die Chinesen selbst übrigens wenig. Sie halten sich an ihren alten Sonnenkalender. 8. November: lidong. «Winteranfang.» Es ist sogar meine Erfahrung, dass die Chinesen sich viel lieber an ihren Kalender halten als ans Wetter draussen. Ich erinnere mich an mein Jahr an der Uni in Xi’an. Wie wir Europäer unsere chinesischen Kommilitonen bestaunten, die auch noch dann mit zwei Schichten langen Unterhosen und wattierten Jacken über den Campus watschelten, als wir uns schon längst an der Frühlingssonne wärmten. Dann aber, Sonnenkalender: lixia, 6. Mai. «Sommeranfang.» Und zack, wie auf Befehl fielen am selben Tag campusweit, stadtweit, landesweit die langen Unterhosen, und es schälte sich heraus der Frühlingschinese.

Sondersendung mit Archivbildern

Noch lieber als an Kalender und ans real existierende Wetter halten sie sich heute an den Wetterbericht. Letzte Woche war uns in Peking ein «Schneesturm» vorhergesagt. Als ich aufwachte, lag auf unserem Dach tatsächlich Schnee, und zwar ziemlich genau einen puderzuckerweichen Zentimeter hoch. Ein leises Lüftlein wehte. Ich schaltete das Radio ein. «Schneechaos», hörte ich. Die Moderatoren berichteten atemlos von gestrichenen Flügen und gestrandeten Passagieren. Ich schaute zum Fenster hinaus: Die Sonne schien. Später nahm ich ein Taxi. Unglaublich: Die Strassen waren leer. Trocken waren sie sowieso, keine Flocke, kein Fleckchen Schnee oder Matsch war mehr zu sehen, nirgendwo. Im Wagen lief ein Minifernseher. Sondersendung zum Schneesturm in Peking. Warnungen, Tipps: Warm anziehen! Wanderstiefel, wer hat! Ihr Frauen, jetzt nix Hochhackiges! Unterlegt war die Sendung mit Bildern von wüstem Schneetreiben. Archivbildern.

Sicher ist sicher: Eine Passantin kommt in Peking aus der U-Bahn und blickt in den Himmel. Foto: Andy Wong (AP)

Sicher ist sicher: Eine Passantin kommt in Peking aus der U-Bahn und blickt in den Himmel. Foto: Andy Wong (AP)

Ich blickte hoch in den blauen Himmel, deutete auf die leeren Strassen: «Wo sind denn die anderen alle?» – «Haben alle Angst», sagte der Fahrer. «Wovor denn?» Er schaute mich an, als sei ich schwer von Begriff. «Na hier», er deutete auf das Schneetreiben auf dem Bildschirm: «Schneechaos!» – «Aber …», setzte ich an und liess es dann sein. «Keine Bange», sagte der Fahrer: «Ich bin aus dem Nordosten, praktisch im Schneetreiben aufgewachsen.» Und dann, abschätzig: «Feiglinge.»

4 Kommentare zu «Kein Schnee, kein Sturm»

  • Nikolaus A. Schaefer sagt:

    Herrlich!
    Erinnert an die Sowjetunion: Die Heizungen wurden per Ministerialdekret im ganzen Land am gleichen Tag ein- und ausgestellt.

  • Karl Lauer sagt:

    Während meiner Zeit in Xi’an und Shanghai fand ich die Fixierung auf das Datum auch immer witzig. Dann habe ich eines Tages gelernt, sie ernst zu nehmen.
    Ein wunderschöner Frühlingstag im April in Shanghai. 25 Grad und T-Shirt-Wetter für mich. Meine Kollegen schwitzen im dicken Pullover und Mantel.
    Dann – im Laufe des Arbeitstages – ein heftiger Temperaturabsturz um 10 Grad. Auf dem Heimweg bibbere ich. Es folgt natürlich eine heftige Erkältung. Die chinesischen Kollegen kicherten.
    Seither folgte ich der chinesischen Lebensweisheit…

  • Margrit Reusser sagt:

    Die Berichte aus Peking sind wahre Leckerbissen. Nach der Lektüre habe ich jeweils Lust, wieder einmal nach China zu reisen.

  • Peter Gautschi sagt:

    Hallo Herr Strittmatter

    Ich lese Ihre Berichte aus Peking immer mit großer Aufmerksamkeit und allerhöchstem Vergnügen. An dieser Stelle also Danke. Für Alles!

    Aber müsste es nicht heißen „sich im Bikini auf Sonnendecks räkelnd“ statt „sich im Bikini auf Sonnendecks rekelnd“? Im Grunde ist es ja eigentlich Wurscht (Wurst?), weil: Danke für Alles!

Kommentar

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