Putin, der Gefangene seiner Libido

Dass die Medien oberflächlich geworden sind, ist allseits bekannt: Da die Pleite nur um die Ecke ist, müssen viele Medienschaffende nebenbei als Ausfahrer oder Putzhilfe wirken. Darunter leidet die Recherche. Wer mitten in der Nacht bei der Bäckerei Schimmel einen Lieferwagen der Marke Ford mit Brot belädt und seine Runden dreht, ist nicht mehr taufrisch, wenn globale Ereignisse im Grossraumbüro einer finanziell angeschlagenen Zeitung nach Aufklärung und Analyse verlangen.

Humpelte Kim Jong-un beispielsweise, weil er beim Lesen des Jahresberichts der nordkoreanischen Dienststelle für die Produktion von Zuckerrüben ohnmächtig wurde und umfiel? Statt der Sache auf den Grund zu gehen, nimmt man lieber eine Agenturmeldung über die Extratouren von Miley Cyrus auf die Seite. Oder berichtet leichtfertig, Wladimir Putin habe die Frau des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping vergangene Woche am Rande eines Gipfeltreffens in Peking auf plumpe Weise angemacht. Indem er Frau Peng Liyuan ohne deren Einverständnis und entgegen diplomatischen Gepflogenheiten eine Decke übergestreift habe.

Danach wurde vorschnell spekuliert, Putin sei eben ein Schwerenöter und habe aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Moment mal! Immerhin ist möglich, dass Putin dem heiligen Martin von Tours folgen und der offensichtlich frierenden Frau Peng beistehen wollte. Zur Erinnerung: Der römische Soldat Martin teilte am Stadttor von Amiens mit dem Schwert seinen Mantel, um die Hälfte einem bibbernden Bettler zu geben – eine insgesamt einträgliche Entscheidung, wurde Herr Martin in der Folge doch heiliggesprochen.

Vielleicht will auch Wladimir Putin einmal heiliggesprochen werden. Wer weiss? Vor Jahren erzählte er George W. Bush, er habe ein Kreuz aus dem Besitz seiner Grossmutter in Israel segnen lassen. Den Texaner rührte die Story, obwohl sie frei erfunden war. Solche Durchstecherei lässt vermuten, Putin habe sich Frau Peng Liyuan tatsächlich unsittlich nähern wollen und die Decke als Vorwand benutzt. Bekanntlich macht Putin gern auf Machismo und huldigt der Freikörperkultur. «Dass die männlichsten Männer herrschen, ist nur in Ordnung», bemerkte Nietzsche dazu.

Was von den faulen Medien glatt unterschlagen wurde, war die Verschwörung, welche die Anmache erst ermöglichte: Fotos belegen, dass Barack Obama den Gatten von Frau Peng ablenkte, um Putin freie Bahn zu verschaffen. Zuerst zog Obama den chinesischen Staatspräsidenten in ein Gespräch über Gammelfleisch («Bei Ihnen auch?»). Und danach erkundigte er sich nach Xi Jinpings Kollektion bunter Pez-Spender. Obama ist selber ein begeisterter Sammler dieser entzückenden Apparate und besitzt einen der ersten Spender mit Knips-Ausgabemechanismus. Auch hängt im Weissen Haus ein Porträt des österreichischen Pez-Erfinders Eduard Haas. In Öl!

Weil Herr Xi von Obamas Beschreibung seiner Pez-Spender höchst fasziniert war, schaute er nicht hin, als Putin die chinesische First Lady drapierte. Noch schlimmer: So verloren waren er und Obama in ihrer Pez-Welt, dass Putin Frau Peng Liyuan auch Handschuhe und Ohrenschützer hätte überstreifen können, ohne dass Herr Xi dies bemerkt hätte.

Natürlich gab es ein Quidproquo: Putin musste dem Präsidenten im Gegenzug für dessen Handlangerdienste versprechen, aus der Krim und Ukraine abzuziehen, Bashar al-Assad fallen zu lassen, keine Atommeiler an den Iran zu liefern und eine Donald-Duck-Statue auf dem Roten Platz zu errichten. Dies beweist, in welch erschreckendem Ausmass Wladimir Putin ein Gefangener seiner Libido ist. Obama hingegen punktete. Die Amerikaner sind zu Recht stolz auf ihn.

Die Szene mit der Decke als Video:
(Quelle: Archie Goodwin, Youtube)

Und ein Beweis für die Schwäche von US-Präsidenten für Pez-Spender: John F. Kennedy bekam in Wien ein besonderes Geschenk.
http://www.sfweekly.com/exhibitionist/2012/10/26/recent-acquisitions-john-f-kennedy-and-the-holy-grail-of-pez-dispensers