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Putin, der Gefangene seiner Libido

Martin Kilian aus Washington am Sonntag den 16. November 2014
Kleine Geschichte 

Dass die Medien oberflächlich geworden sind, ist allseits bekannt: Da die Pleite nur um die Ecke ist, müssen viele Medienschaffende nebenbei als Ausfahrer oder Putzhilfe wirken. Darunter leidet die Recherche. Wer mitten in der Nacht bei der Bäckerei Schimmel einen Lieferwagen der Marke Ford mit Brot belädt und seine Runden dreht, ist nicht mehr taufrisch, wenn globale Ereignisse im Grossraumbüro einer finanziell angeschlagenen Zeitung nach Aufklärung und Analyse verlangen.

Humpelte Kim Jong-un beispielsweise, weil er beim Lesen des Jahresberichts der nordkoreanischen Dienststelle für die Produktion von Zuckerrüben ohnmächtig wurde und umfiel? Statt der Sache auf den Grund zu gehen, nimmt man lieber eine Agenturmeldung über die Extratouren von Miley Cyrus auf die Seite. Oder berichtet leichtfertig, Wladimir Putin habe die Frau des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping vergangene Woche am Rande eines Gipfeltreffens in Peking auf plumpe Weise angemacht. Indem er Frau Peng Liyuan ohne deren Einverständnis und entgegen diplomatischen Gepflogenheiten eine Decke übergestreift habe.

Danach wurde vorschnell spekuliert, Putin sei eben ein Schwerenöter und habe aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Moment mal! Immerhin ist möglich, dass Putin dem heiligen Martin von Tours folgen und der offensichtlich frierenden Frau Peng beistehen wollte. Zur Erinnerung: Der römische Soldat Martin teilte am Stadttor von Amiens mit dem Schwert seinen Mantel, um die Hälfte einem bibbernden Bettler zu geben – eine insgesamt einträgliche Entscheidung, wurde Herr Martin in der Folge doch heiliggesprochen.

Vielleicht will auch Wladimir Putin einmal heiliggesprochen werden. Wer weiss? Vor Jahren erzählte er George W. Bush, er habe ein Kreuz aus dem Besitz seiner Grossmutter in Israel segnen lassen. Den Texaner rührte die Story, obwohl sie frei erfunden war. Solche Durchstecherei lässt vermuten, Putin habe sich Frau Peng Liyuan tatsächlich unsittlich nähern wollen und die Decke als Vorwand benutzt. Bekanntlich macht Putin gern auf Machismo und huldigt der Freikörperkultur. «Dass die männlichsten Männer herrschen, ist nur in Ordnung», bemerkte Nietzsche dazu.

Was von den faulen Medien glatt unterschlagen wurde, war die Verschwörung, welche die Anmache erst ermöglichte: Fotos belegen, dass Barack Obama den Gatten von Frau Peng ablenkte, um Putin freie Bahn zu verschaffen. Zuerst zog Obama den chinesischen Staatspräsidenten in ein Gespräch über Gammelfleisch («Bei Ihnen auch?»). Und danach erkundigte er sich nach Xi Jinpings Kollektion bunter Pez-Spender. Obama ist selber ein begeisterter Sammler dieser entzückenden Apparate und besitzt einen der ersten Spender mit Knips-Ausgabemechanismus. Auch hängt im Weissen Haus ein Porträt des österreichischen Pez-Erfinders Eduard Haas. In Öl!

Weil Herr Xi von Obamas Beschreibung seiner Pez-Spender höchst fasziniert war, schaute er nicht hin, als Putin die chinesische First Lady drapierte. Noch schlimmer: So verloren waren er und Obama in ihrer Pez-Welt, dass Putin Frau Peng Liyuan auch Handschuhe und Ohrenschützer hätte überstreifen können, ohne dass Herr Xi dies bemerkt hätte.

Natürlich gab es ein Quidproquo: Putin musste dem Präsidenten im Gegenzug für dessen Handlangerdienste versprechen, aus der Krim und Ukraine abzuziehen, Bashar al-Assad fallen zu lassen, keine Atommeiler an den Iran zu liefern und eine Donald-Duck-Statue auf dem Roten Platz zu errichten. Dies beweist, in welch erschreckendem Ausmass Wladimir Putin ein Gefangener seiner Libido ist. Obama hingegen punktete. Die Amerikaner sind zu Recht stolz auf ihn.

Die Szene mit der Decke als Video:
(Quelle: Archie Goodwin, Youtube)

Und ein Beweis für die Schwäche von US-Präsidenten für Pez-Spender: John F. Kennedy bekam in Wien ein besonderes Geschenk.
http://www.sfweekly.com/exhibitionist/2012/10/26/recent-acquisitions-john-f-kennedy-and-the-holy-grail-of-pez-dispensers

Martin Kilian
Martin Kilian, Washington Er ist Amerikaner und Reisender durchs amerikanische Hinterland. Ihn interessiert ziemlich alles zwischen Boston und Seattle, San Diego und Miami. Er lebte unter anderem in Athens, Georgia, und Washington DC und wohnt derzeit in Charlottesville, Virginia. Gelegentlich fliegt er nach Europa und bewundert die Putzigkeit des Alten Kontinents.

18 Kommentare zu “Putin, der Gefangene seiner Libido”

  1. Tina sagt:

    Sehr erfrischend Ihr Artikel, Herr Kilian, zu Putins “Brunft Verhalten”. Kann bis heute noch lachen ,obwohl ich Deutscher bin, wäre es in einigen unserer Medien,Zeitungen, wohl nicht als Satire geschrieben worden, sondern als bitterer Ernst und Putin hätte man sehr gern, als ruchloses Sexmonster enttarnt!!

  2. Peter Weber sagt:

    Obamas Selfi-Anmache mit Helle Thorning-Schmidt ist wohl an Peinlichkeit nach wie vor nicht überboten. Das war an der Trauerfeier von Nelson Mandela und seiner Frau daneben, die ihm dann Benimmregeln beibrachte. Ja in Russland gibt man den Frauen noch die Hand, wenn sie aus dem Bus aussteigen und gibt Ihnen den Mantel, wenn es kalt ist und niemand sieht das als Anmache.

  3. armin fellmann sagt:

    Sehr sehr schön abwechslungsreich geschrieben. Überraschende Details und Bilder. Habe viel gelacht. So zu schreiben ist Arbeit. Danke

  4. Bernd Schlemm sagt:

    Wer zahlt für solche Propaganda?
    Das was hier Putin aufs Auge gedrückt wird, passt da eher zu
    US-Präsidenten, die brauchen sowas.
    Putin reicht es, die Interessen seines Landes zu vertreten,
    auch beinhart wenn es sein muss.Dumm für den Westen,
    da es nicht seine Interessen sind.

  5. Carlotta sagt:

    Tja, Herr Kilian, wer kann der kann. Nur kein Neid.

  6. Michael sagt:

    Herrliche Spekulationen Herr Killian. Alle einzelnen Punkte als Startpunkt stimmen und keiner kann Ihnen widerlegen, das es anschliessend nicht so gewesen sein könnte.

  7. Greiner Reinhard sagt:

    Es ist immer wieder erfrischend, die satirischen Beiträge von Martin Kilian zu lesen. Danke für dieses «Licht» an diesem trüben Sonntagmorgen. Bleiben Sie dran!

  8. Andi M. sagt:

    Lange Zeit habe ich dem Tagesanzeiger noch eine Chance gegeben. Mit diesem Artikel von M. Kilian ist mir klar geworden, dass er sich zu den anderen Nachrichtenportalen gesellen kann, die nicht Willens sind, einen ausgewogenen Artikel über Russland zu veröffentlichen und für Putin nur Spott übrig haben. Die mit dem Tagesanzeiger verlinkte Schnellwahl in meiner Favoriten-Liste löschen ich nun. Das liebe Redaktion, ist unterste Schublade.

    • u. moser sagt:

      Ich glaube Sie haben den Sinn von Satire und Blogs nicht ganz verstanden. Ich finde den Artikel wundervoll, es fängt durchaus ernstzunehmen an und endet in sehr gut erfundenem Blödsinn.
      Schade dass mache Leser ihren Humor vergessen.

      • Martin Menzi sagt:

        http://blog.bazonline.ch/welttheater/index.php/34297/putin-der-gefangene-seiner-libido/

        Satiredeklarationspflicht hiermit hier auch umgangen:

        Blödsinn? Doch wohl eher SCHWACHsinn. Aber eben dieser ist heutzutage doch sehr gefragt.

        Dass die gute Dame die ihr umgelegte Decke kurz darauf schnöde abgestreift hat, bleibt ungerügt, gar unerwähnt. SIE war es doch, die jeglichen Anstand absentierte.

        Ein grosses Lob für Putin, welcher (im spanischen Sprachraum einen ja eher unrühmlichen Nachnamen rumschleppen muss, und) offensichtlich eine sehr gute Erziehung genossen hat, und diese zur Schau trägt und auslebt, was heutzutage (mangels guter Erziehung) leider äusserst selten geworden ist…

        Ausserdem: Humor kann man nicht „vergessen“. Man hat ihn oder nicht. Ist wie das „Velofahren“, nur braucht es eine Portion natürliche Intelligenz, welche leider auch vom Aussterben bedroht ist.

        Libido? Schnibido, Hauptsache Du glaubst an Dich!

    • Tele sagt:

      Klar handelt es sich hier um Satire. Finde ich auch recht witzig geschrieben. Aber der Titel ist inadäquat. Man muss nicht immer und überall den Namen des Präsidenten der Russischen Föderation bemühen. Herr Kilian hätte diesen blödsinnigen PEZ-Spender in den Titel aufnehmen und was witziges daraus komponieren können.
      Aber eben, in den Corporate Media finden vor allem Artikel, die im Titel irgendwie ein Feindbild verunglimpfen, die meisten Leser.

  9. Hefti sagt:

    Deren Probleme möchte ich auch haben. Aber nur für gleichen Lohn.

  10. Goran sagt:

    Martin Killian soll still sein! War er nicht derjenige, der von Afro Amerikanern berichtete (Chicago) und sich auch ueber ihr Libido lustig machte?

    • Michi sagt:

      Einer der unzähligen Vorzüge des geschriebenen Wortes besteht darin, dass man es lesen kann, aber nicht lesen muss.
      Ein Nachteil besteht jedoch darin, dass Augenzwinkern im geschrieben Wort nicht offen zu erkennen ist. Ich plädiere deshalb für eine umfassende Deklarationspflicht für satirische Beiträge. Wir können doch nicht zulassen, dass arglose Menschen von leichtfertigen Spassmachern zutiefst beleidigt werden. So geht das doch nicht!
      *Da die Satiredeklarationspflicht NOCH nicht eingeführt wurde, möge man mir die unzureichende Deklaration nachsehen.*

      • Markus Schneider sagt:

        Deklarieren Sie meinetwegen, was Sie wollen. Überall wo das nötig ist, ist die Deklaration am Schluss länger als der Inhalt. Das fängt schon bei Gesetzen an, die am Ende doch jeder anders versteht und wo (welcher Zufall) am Ende bezahlte Rechtsverdreher nötig sind, um sie auzulegen. Nicht etwa nur ein Friedensrichter, das geht dann gleich über mehrere Stufen vom Bezirks- bis hoch bis zum Bundesgericht, zum Europäischen Gerichtshof für Menschrechte, zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag und je nach dem gar bis zum Jüngsten Gericht, wo doch endlich endlich der Spreu vom Weizen geschieden werden soll. Ich würde Ihnen aber empfehlen, mal ordentlich lesen zu lernen, dann können Sie Schwachsinn auch ohne Deklaration von Lustigkeit erkennen.

  11. Claudia Egger sagt:

    danke für diese gut geschriebene Glosse. Hab mir bei der Veröffentlichung der Anmache-Story ebenfalls an den Kopf gegriffen und mich gefragt, wie blöd man sein könne. Herr Putin ist wohl eher ein Macho und Kavalier, der noch lernte, wie man sich gegenüber einer Dame verhält, als der tumb primitive Büffel, als den der Westen ihn gern hätte. Jedem sein Feindbild und dem vereinten Westen das grosse, unverständliche Russland. War ja spannend, was Gorbatschew beim 25 Jahre Jubiläum des Mauerfalls dem Westen sagte.

  12. rascha kocher sagt:

    Die objektive Schutzummantelung von Schwächsten ist selbstverständlich ein propagandistischer, sich lohnender Aufwand.
    Subjektiv die Geste zu deuten muss im Raume der Spekulation enden; damit tut man dem öffentlichen Diskurs sich entziehen.
    Wohlgesetzt.
    Russland als Atommacht kann dieses psychochondrische Europa aus Sicht der RUS leicht ignorieren. Die Musi findet gen Fernost statt.
    In Amerika ist die Luft längstens draussen, doch bevor dort ein Spinner -nach Obama- Amok schafft soll DAS Dispositiv sitzen.
    Den Markt werden sich schlussendlich beide teilen; diese Abermilliarden von Menschen: Das US-Business (gierig unter einer Führung der Reps) und des Putins Allüren.
    Europa wird genug zu tun haben mit – um den IS-Extremisten Einhalt zu bieten.
    Auf alle Fälle wird hiefür das Vorfeld längstens gesteuert.
    Also wird’s in Europa bald eiskalt.
    Niemand der einen Mantel hinhält; solange kein Konsens…
    Auch die Schweiz wird betroffen denn auch da heisst Konsens längst ‘Fremdwort’;
    dies nicht nur im Innern.

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