Der Spion, der mich liebte

Leider nein: Nicht alle russischen Agenten sind so attraktiv wie Anna Chapman, die in den USA spioniert hat. (Foto: Sergei Karpukhin/Keystone)

Leider nein: Um unseren Korrespondenten kümmerte sich nicht die russische Spionin, Anna Chapman, die in den USA im Einsatz gewesen war. (Foto: Sergei Karpukhin/Keystone)

Es ist nun schon eine Weile her, aber es fällt mir immer wieder ein. Vor allem, wenn ich jetzt in der Ukrainekrise russische Diplomaten im Fernsehen reden höre. Oder wenn ich ihnen bei im Foyer der OSZE in Wien persönlich begegne: Wie mich einer dieser Diplomaten als Informant anwerben wollte.

Mein Kontaktmann hatte einen der häufigsten und langweiligsten russischen Vornamen (ausser vielleicht noch Wladimir). Er hiess Sergej und sah auch so aus: Zeitlos grau, mit einem zeitlos schlecht geschnittenen Anzug, in einer zeitlos schlammbraunen Farbe, die vermutlich von Nikita Chruschtschow persönlich ausgesucht wurde. Sergej sass im Publikum bei einer universitären Diskussionsveranstaltung über ein hochbrisantes Thema, an das ich mich nicht mehr erinnere. Ich sass auf dem Podium und sagte etwas, das ihm offenbar gefiel. Zumindest behauptete er das, als er mich nach der Veranstaltung in gutem Deutsch mit russisch rollendem r und kehligem ch ansprach: «Ikch finde Sie sehr sympathisch, wirr sollten uns häufigerr trreffen.»

Ich war zu Beginn naiv und verstand nicht gleich, was er wollte. Er stellte sich als erster oder zweiter oder dritter Botschaftssekretär vor und das war er formal wohl auch. Die russische Botschaft in Wien ist riesig, die Mitarbeiter wohnen in einer eigenen, gut abgeschirmten Siedlung jenseits der Donau, die von den Wienern – besonders originell – «Russensiedlung» getauft wurde. Übrigens ist auch die amerikanische Botschaft in Wien völlig überdimensioniert und soll auf dem Dach eine Aussenstelle der NSA beherbergen. Wien ist immer noch Agentendrehscheibe. In vielen Hinterzimmern der diplomatischen Vertretungen ging der Kalte Krieg nie zu Ende.

Zurück zu Sergej: Ich nahm seine Einladung an und wir trafen uns in einem typischen Touristenlokal in der Wiener Innenstadt. Sergej versuchte charmant zu sein, was aber nicht so recht gelingen wollte. Es wirkte eher, als hätte er das Handbuch zur Anwerbung von Informanten unter Journalisten auswendig gelernt. KGB-Verlag, Moskau 1977. Er begann die Konversation mit Lob auf meine Arbeit, auf mein umfassendes Wissen und meine scharfe Auffassungsgabe. Danach lobte er noch die Redaktion der Zeitung, bei der ich damals arbeitete und wollte die Redaktionsadresse, «weil ich ihnen etwas schenken möchte. Eine Kiste Wein? Das würde doch auch Ihren Kollegen gefallen». Als er mich über meine Chefs ausfragen wollte, über deren politische Haltung, der Kontakte zur Politik, begriff ich endlich, woher der Wind wehte. Es war wohl doch nicht Liebe auf den ersten Blick.

Ich erkundigte mich bei Kollegen. Siehe da: Auch andere wurden von russischen «Diplomaten» angesprochen: Ein Kollege hatte gleich abgelehnt, ein anderen traf seinen Kontaktmann hin und wieder, weil ihm die Diskussion Spass machte. Das konnte ich nicht behaupten. Sergej war kein angenehmer Gesprächspartner. Sein Rekrutierungsversuch war so plump, dass ich mich beleidigt fühlte. Wenn mich die Russen schon als Informant wollten, hätten sie nicht einen intelligenten Führungsoffizier schicken können? Oder wenigstens Anna Chapman? War ich ihnen denn so wenig wert?

Sergej war nicht intelligent, aber hartnäckig. Immer wieder rief er an, schlug weitere Treffen vor. Ein zweites Mal willigte ich ein. Er kam in dasselbe Lokal, trug denselben Anzug. Bevor er noch Essen bestellen konnte («nehmen Sie, so viel Sie wollen, Sie sind mein Gast»), erklärte ich ihm, dass ich Verständnis für ihn habe – er mache ja auch nur seinen Job -, dass ich aber nicht mitmachen wolle. Sergej tat zuerst, als verstehe er nicht. Dann wurde er wütend, warf mir hässliche Dinge vor, bis ich aufstand und ging. Den Kaffee durfte er bezahlen.

Ich glaube nicht, dass ich ein guter Spion geworden wäre. Was ich erzählen konnte, hätte Sergej genau so gut aus Zeitungen erfahren. Aber wahrscheinlich ging es ihm gar nicht darum. Er musste Berichte schreiben, sich bei Vorgesetzen mit seinen guten Kontakten in der Journalistenszene brüsten. Nach meiner Absage musste er wieder von vorne beginnen. Sein Zorn war verständlich. «Ich werde verhindern, dass Sie jemals wieder nach Russland reisen», drohte er mir zum Abschied. Tatsächlich bekam ich seither nie mehr ein Visum für Putins Reich. Ich habe aber auch nie mehr angesucht.

11 Kommentare zu «Der Spion, der mich liebte»

  • Manfred Grieshaber sagt:

    Zumindest einem Agenten kommt der Verdienst zu in allerletzter Sekunde den III. Weltkrieg verhindert zu haben: der KGB-Agent O. A. Gordijewski. 1983 war ein extrem angespanntes Jahr: das NATO-Nachrüstungsprogramm, der Fehlalarm eines sowj. Überwachungssatelliten, Reagans SDI-Programm, der Abschuss des koreanischen Flugzeuges über Kamtschatka, die weltweite Alarmierung des US-Streitkräfte nach dem Bombenattentat im Libanon. Und dann kam die NATO-Übung Able Archer, eine Stabsübung die direkt im Anschluss des großen NATO-Herbstmanövers ablief. Die NATO hatte dafür ihre Codes geändert und zum ersten Mal wurden die Regierungschefs in diese Übung involviert, man spielte eine nukleare Eskalation durch, so realitätsnah das die Warschauer-Pakt-Armeen in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurden. In der DDR standen die Jagdbomber nuklear bewaffnet und mit laufenden Triebwerken bereit. Gordijewski informierte in London den brit. Geheimdienst. Über Nacht zogen sich die NATO-Regierungschefs aus der Übung zurück. In den USA wurde die Presse vor das weiße Haus geladen und konnte Reagan im Oval Office bei der Arbeit filmen. So signalisierte man Moskau das nichts Böses geplant sei. Diese Situation war um einiges gefährlicher als die Kuba-Krise, es blieben nur wenige Stunden um Armageddon zu verhindern. Und Reagan wurde klar wie gefährlich seine Politik der Eskalation war, danach besann er sich eines Besseren und begann erste Abrüstungsgespräche.

  • Marcel Senn sagt:

    Da kommt mir doch gleich ein Besuch in Ostberlin vor fast 30 Jahren in den Sinn, als ich mit einem schweizer Päarchen, das ich gerade kennengelernt hatte, unterwegs war und wir auf der Strasse von ein paar jüngeren Männern in Ossi-Jeans-Jäckchen angesprochen wurden, ob wir nicht Ostmark zu einem viel besseren Kurs als 1:1 wechseln wollten. Mir war sofort klar, dass es sich hier um Stasi oder IM-Mitarbeiter handeln muss, die einem in ein illegales Devisenvergehen reinziehen wollten um einem dann unter Druck als Spitzel anwerben wollten.
    Ich habe abgewunken und bin weiter gelaufen, das Pärchen hat mit den Männern noch lange diskutiert, ich weiss nicht, ob die auf den Trick reingefallen sind oder nicht, habe sie nachher nicht mehr gesehen – vielleicht waren sie ja auch schon in einem Verhörraum verschwunden — na ja selberschuld, ich habe sie noch gewarnt!

  • Heinz Moll sagt:

    Das Gschichterl kann man glauben oder auch nicht.

  • Martin Cesna sagt:

    Manchmal muss man froh sein, für Dinge noch eine Kiste Wein angeboten zu bekommen, die man ansonsten bei Google auch gratis haben könnte.
    Geheimnisse? Sollen Herr Putin und Herr Obama doch täglich zweimal mit ihrem roten Telephon miteinander reden. Das täte der Welt wohl sehr gut und die beiden würden sich auch besser verstehen.
    Regelmässige Gespräche fördern das gegenseitige Verständnis und haben für einen selbst eine bewusstseinserweiternde Wirkung.
    Man würde sich wünschen, dass auch die Schweizer Regierung oft und regelmässig mit den Regierungen der umliegenden Länder telephoniert.

    • Ольга Шварц sagt:

      Lieber Herr Odehal,
      In Ihrem Beitrag handelt sich eher um Ihre Fantasie und allgemeine Klischee aus den Sowjetunion Zeiten.
      Die Realität ist doch anders.

      • Peter Rietsch sagt:

        @Schwarz: Glaubhafter als die Märchen aus dem Hause Putin ist die Geschichte allemal.

      • gabi sagt:

        Die Realität ist natürlich wesentlich schrecklicher.

        – Übrigens hat ja Marcel Reich-Ranicki aus seiner Zeit als „Informant“ aus London schon zu berichten gewusst, dass alle Informationen, die er nach Moskau lieferte, lustigerweise aus jeder Zeitung zu entnehmen gewesen wären. Aber in einer Gesellschaft, deren Führung sich selbst in einem grossen Dauergeheimnis verschliesst und die sich zugleich – gerade aufgrund der eigenen Verhaltensweise – von einer Dauerverschwörung umgeben sieht, sind öffentlich zugängliche Informationen natürlich so oder so völlig unglaubwürdig.

  • beat lauper sagt:

    Also, wäre noch interessant zu wissen in welchem jahr das stattgefunden hat. Tönt so romantisch wie ein thriller aus den 60er oder 70er jahren. Leider ist diese romantik vollständig verloren gegangen wie herr schumacher unten bemerkt.

  • Rolf Schumacher sagt:

    Seien wir doch froh, dass die Russen scheinbar so plump spionieren. Die Amerikaner tun es über (IBM, NSA, Apple, US-Basen besetzte Länder (Kosowo, Bulgarien, Rumänien, Polen, D-Land, Georgien, Baltikum, Ungarn, Pakistan, Japan etc.) NATO, UNO, IWF, Weltbank, BIZ. Würden wir die Handlanger der USA ausschaffen (inkl. englischsprechende US-Top-Manager bei CS, UBS, Nestle, ABB etc etc etc) hätten wir alleine in der Schweiz hunderte, welche für ein Agentenabschiedsfoto posieren müssten. In Oesterreich (Bank Austria gehört der Unicredit (Bank of America gehört ebenfalls der italienischen Mafia) ist die Situation der US-Agenten im Chefsessel systemrelevanter Unternehmen nicht anders als bei uns. Dagegen sind Chapman und Co wirklich bloss niedliche, bemitleidenswerte „Agent-entchen“.

    • Florian Frank sagt:

      Genau so ist es. ABER: Dass die Russen auf der digitalen Ebene ebenfalls dasselbe wie die NSA versuchen, hat Snowden bereits mit seiner Anfrage an Putin in der TV-Show und den nachgereichten Kommentaren dazu im Guardian indirekt inpliziert. Hier nachzulesen:
      http://www.theguardian.com/world/2014/apr/18/edward-snowden-defends-decision-question-vladimir-putin-on-surveillance
      Nur wenn man den Behörden die Möglichkeit zur Stellungsnahme bezüglich der Frage der Massenüberwachung gebe, könnten die Medien und Öffenlichtkeit überprüfen, ob deren Aussage (hier von Putin) stimme, so Snowden im Guardian. Seine Frage sei angelehnt an die Frage des US-Senatoren Ron Wyden an den Direktor der „National Intelligence“, James Clapper, im März 2013 – als dieser im US-Senat nachweislich log.
      Nur die breite Masse der Medien hat anscheinend immer noch nicht kapiert (oder schreiben nicht darüber), was Snowden damit eigentlich gesagt hatte! Stattdessen sprach man von einer einfach zu beantwortenden Frage an Putin („Soft ball“), mit der sich Putin vor seinem Volk als Saubermann darstellen könne und bezeichnete Snowden in der Folge sogar als „Putin’s Pudel“. Dabei wollte er nur beweisen, dass er die digitale Massenüberwachung unabhängig vom Urheber kritisiert (also nicht primär gegen die USA richtet) und allgemein zur Diskussion stellen will. Er wollte die Medien darauf hinweisen, dass man auch in die Richtung russischer Aktivitäten die Augen offen halten sollte.
      Der gute Junge ist einfach zu clever für unser Journalisten…

    • gabi sagt:

      Plump?

      Sie gucken wohl nicht in die deutschen Foren grosser Zeitungen rein. Was dort abgeht, zum Thema Ukraine, ist unter aller Sau. Der Überhammer. Unglaublich, mit welchem Aufwand Russland die öffentliche Meinung zu beeinflussen versucht.

      Zur NSA oder zur – dort auch mit langweiliger Regelmässigkeit wieder und wieder reanimierten – Geschichte rund um den fadenscheinigen Irakkriegvorwand kann ich nur daran erinnern: Von WEM wissen wir denn von diesen Skandalen?!

      Antwort: Von Amerikanern! Im letzteren Falle sogar vom Schuldigen (Aussenminister Powell) selber. Die Medien, die den Skandal aufgedeckt haben: Angelsächsische!

      Absurderweise sind genau jene Skandale zugleich Beweis für das Bestreben dieser Gesellschaften, sich an Recht und Gesetz zu halten.

      Gucken wir dagegen, wer Hinweise auf Ungereimtheiten auf oberster Ebene aus Russland überlebt hat, wird die Survivorquote… dünn.

      Litwinenko ist das schillerndste Beispiel; der schier ungeheurliche Skandal (eigene Bevölkerung in die Luft jagen) allerdings auch. Aber natürlich gilt dies auch für all die Kolleginnen und Kollegen der Politkowskaja.

      Daher würde mich, geschätzter Herr Odehnal, sehr, sehr interessieren: Was waren denn die hässlichen Dinge, die Sergej Ihnen vorwarf?

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