Was bedeuten unsere Sexträume?

Ob mit dem Chef oder der Arbeitskollegin: In unseren Träumen begegnen wir uns selbst. (Bild: Raisa Durandi)

Was haben unser nächtlichen Sexträume mit unserem realen Leben zu tun?

Nicht viel. Das hoffe ich zumindest in meinem Fall, weil sonst hätte ich tatsächlich viele Fragen, was meine Sexualität und meine «heimlichen» Sehnsüchte angeht.

Aber ernsthaft. Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen, was die Traumdeutung angeht. Sie sind alle sehr unterschiedlich und doch haben sie fast alle eines gemeinsam: Sie sind sich einig, dass Sexträume nur selten wirklich was mit Sex zu tun haben, sondern es sich hierbei eher um den Ausdruck nichtsexueller, essenzieller Lebensthemen handelt. Das war schon gemäss freudscher Traumdeutung so.

Fundamentales Treffen mit uns selbst

Es ist also weniger eine sexuelle Begegnung mit jemand anderem als ein fundamentales Treffen mit uns selbst und unseren übergreifenden Lebensthemen, Ängsten und Sehnsüchten. Laut einer kanadischen Studie beinhalten rund 8 Prozent unserer nächtlichen Traumaktivitäten irgendeine Form von sexueller Handlung – und zwar bei der Frau wie auch beim Mann. Dabei träumen Männer anscheinend doppelt so oft von Gruppensex wie Frauen, welche sich wiederum viel häufiger bei einem Techtelmechtel mit einem Promi beglücken lassen.

Aber wieso haben wir überhaupt solche Träume und was bedeutet es, wenn die involvierte Person der ehemalige 65-jährige Mathelehrer oder der gleichgeschlechtliche Arbeitskollege ist? Sind das tatsächlich Hinweise für tief in uns schlummernde geronto- oder homophile Neigungen und Gelüste? Laut Traumexperten eher nicht. Zwar geht es in den Träumen sehr wohl um Themen, die uns beschäftigen – allerdings auf anderen Ebenen. Und so dienen sie eher als Metapher für Botschaften aus dem tieferen Kern unserer Seele.

Sexträume sind gesund

So bedeuten Träume, in denen Sie Fremdgehen, laut Traumexperten weniger, dass Sie kurz davor sind, Ihren Partner zu betrügen, sondern dass sich alte Muster wiederholen, die bereits zum Scheitern vergangener Partnerschaften geführt haben. Geschlechtsverkehr mit einem Unbekannten wiederum kann auf ein Fehlen eines guten Freundes oder einer Bezugsperson hindeuten. Ist das Objekt der Begierde Ihr nerviger Chef, dann könnten Konflikte mit dem Thema Autorität und Fremdbestimmung der Auslöser sein. Und bei aggressiven BDSM-Sexspielen handelt es sich anscheinend eher um unerkannte emotionale oder mentale Nöte.

Schleichen sich oft erotische Träume in Ihren Nachtschlaf ein, dann sollten Sie also vermehrt auf unbewältigte Konflikte und Dinge in Ihrem Leben achten. Übrigens kann man erotische Träume auch relativ leicht provozieren, jedoch bedarf dies ein wenig der Übung. Widmen Sie sich vor dem Schlafengehen dem Kopfkino und begeben Sie sich in Gedanken in ein vergnügliches Tête-à-tête mit Ihrem Wunschpartner. Malen Sie sich alle bunten Details aus. Alle, bis auf den Sex selber! Denn der sollte erst im Traum stattfinden und dafür braucht es die erotische Spannung. Und wichtig ist: Für die geträumten Handlungen und Aktivitäten sollten Sie sich keinesfalls schuldig fühlen oder schämen. Dies tun wir schon zur Genüge im «Wachzustand». Also geniessen Sie es, denn letzten Endes sind Sexträume gesund. Sie dienen dem Stressabbau und können zudem als Inspirationsquelle dienen.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.