Sport


Appell der grössten Schweizer Fankurven

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 8. Mai 2012

Eine Carte Blanche von Thomas Gander*


Wer am Sonntag im «Sportpanorama» die Zusammenfassung des Derbys FC Zürich – FC Basel gesehen hat, wird sich nicht nur an den vielen Toren erfreut haben, sondern sich auch über das Fehlen der stimmungsvollen Ambiance gewundert haben, welche die beiden Fankurven normalerweise in das Zürcher Leichtathletikstadion bringen.

Eine Erklärung aus Sicht der Fans zu den Vorgängen vom Sonntag, als die Basler gar nicht erst im Stadion erschienen und die Zürcher ihre Kurve bald nach dem Anpfiff ebenfalls räumten, findet sich unter dem Titel «Solidarität statt Rivalität» sowohl auf der Website der Südkurve wie auch auf derjenigen der Muttenzerkurve Auch die Stadtpolizei schilderte ihre Sicht der Ereignisse auf ihrer Homepage.

Es ist aussergewöhnlich, dass sich zwei sonst rivalisierende Fangruppen miteinander solidarisieren und darauf verzichten, ihre Mannschaft im Stadion zu unterstützen. Kritisch könnte man hier anfügen, dass es den Fans also eher um sich selber geht als um ihre Mannschaft. Blickt man aber tiefer in die Fanszenen, erkennt man schon länger ein Brodeln in den Fankurven. Dort, wo sich wöchentlich Tausende von jungen Menschen treffen, ist es augenscheinlich so, dass vermehrt ihr Fansein und nicht die Mannschaft das Gesprächsthema ist. Es wird kontrovers fanpolitisiert, Aktionen werden ausgeheckt, Parolen auf Spruchbänder geschrieben oder Kurvenzeitungen mit kritischem Inhalt verteilt.

Verlassen zwei Fankurven, die sich ansonsten überhaupt «nicht riechen» können, gemeinsam das Stadion, um für ihre Rechte und ihr Anliegen zu kämpfen, ist dies derart ungewöhnlich, dass danach nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Fans haben keine Lobby, weder in der Politik noch in der Medienlandschaft. Ihr einziges Mittel ist es, mit solchen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Tun sie es in dieser beeindruckenden Form, müssen wir diese Ausdrucksweise ernst nehmen! Wenn so eine grosse Anzahl junger Menschen auf die Strasse gehen würde, um gemeinsam zu protestieren – wie dies in den 80er-Jahren der Fall war – würden wir plötzlich wachgerüttelt werden. Sollten dann auch noch destruktive Kräfte in deren Reihen wach werden, würden wir uns noch mehr Sorgen machen.

Fankurven tragen Werte in sich und erklären ihr Dasein auch als Kontrapunkt zu unserer Gesellschaft. Als Raum, in dem in unserer individualisierten Gesellschaft doch noch Gemeinschaft möglich ist. Dort versammelt sind einige der letzten grösseren Gruppen, die sich eine kritische Meinung zur Gesellschaftspolitik machen (so gelesen im «Schreyhals», der Kurvenzeitung der Muttenzerkurve). Die Kurven bezeichnen sich selber als Subkultur, werden zunehmend grösser und für junge Menschen immer attraktiver.

Und was machen wir? Wir antworten mit immer strengeren Gesetzen (etwa das verschärfte Hooligankonkordat) und Massnahmenvorschlägen, welche ganze Fankurven zu kriminalisieren versuchen und ihre Mitglieder als potenziell gefährliche Menschen in die Ecke drängen. Wir gehen mit ihnen auf Konfrontation und bedrohen ihre Fankultur, ohne dabei zu merken, dass wir so Tür und Tor öffnen für radikalere Ideen und damit nur die destruktiven Kräfte in den Fankurven stärken.

Die gemeinsame Solidarisierungsaktion der Zürcher Südkurve mit der Basler Muttenzerkurve kann auch als Appell verstanden werden, endlich mal genauer hinzuschauen, was da in und um unseren Fankurven geschieht. Das Feld nur den Populisten und den Profilierern zu überlassen ist nicht nur nicht klug, sondern gefährlich.

*Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz (FaCH)
und Co-Leiter von Fanarbeit Basel.

Die geheimen FCZ-Tribünengespräche

Alexander Kühn am Samstag den 5. Mai 2012

Was besprechen Ancillo und Heliane Canepa eigentlich mit dem designierten FCZ-Trainer Rolf Fringer? Das Protokoll eines fiktiven Gesprächs.


Rolf Fringer: Also im «Sportpanorama» hat das irgendwie alles besser ausgesehen, die spielen ja noch schlimmer als der FC Luzern vor meiner Entlassung.

Ancillo Canepa: Sei doch froh, dass du erst in der nächsten Saison auf der Trainerbank sitzen musst. Bis dahin hat der Bickel die ganzen Bratwürste aussortiert.

Rolf Fringer: Abwarten, Cillo. Dem Magnin habt ihr ja damals einen Vertrag bis Sommer 2013 gegeben. Und wies aussieht, möchte den nicht mal Zürich United haben.

Ancillo Canepa: Die Heliane wollte halt unbedingt, dass der Magnin zum FCZ kommt. Wegen den roten Haaren, damit sie nicht mehr die Einzige ist. Und unter dreieinhalb Jahren wollte er nicht.

Rolf Fringer: Also wenn der Bickel den bis im Sommer loswird, dann schneide ich mir eine Igelifrisur à la Urs Fischer.

Ancillo Canepa: Und ich lasse mir einen Irokesen rasieren.

Heliane Canepa: Aber Schatz, du hast mir doch versprochen, dass wir in der nächsten Saison die gleiche Frisur tragen werden. Dann können wir endlich als Kobolde zusammen an die Basler Fasnacht.

Ancillo Canepa: Hör mir auf mit dieser Kobold-Nummer! Die lachen in Basel sowieso schon über uns. Und überhaupt muss ich jetzt mit dem Rolf die neue Saison planen und habe keine Zeit, mit dir zu diskutieren.

Rolf Fringer: Wenn mir die Heliane den Petric kauft, verkleide ich mich von mir aus auch als Kobold.

Heliane Canepa: Siehst du, Schatz. Das ist eben noch ein Mann mit Mut.

Ancillo Canepa (flüstert seiner Frau zu): Sonst hätte er ja hier auch nicht unterschrieben. Obwohl er noch gar nicht weiss, dass ich nach dem ersten gewonnenen Testspiel doch wieder den Meistertitel als Minimalziel ausgeben werde. Zumal wir ja ganz sicher keine Doppelbelastung mit dieser komischen Europa League haben werden.

Heliane Canepa: Jetzt tu mal nicht so, Schatz. Du hast dich doch auch gefreut über die Dienstreise zum Spiel gegen Lazio Rom. Und in der Waffenkammer der Schweizer Garde hast du noch mehr gestrahlt als damals bei der Vertragsunterzeichnung mit dem Magnin.

Ancillo Canepa: Psst! Das muss doch der Rolf nicht wissen, sonst nimmt er mich auch nicht mehr ernst. Wenn du nicht gleich still bist, sage ich allen, dass du den Smiljanic als neuen Abwehrchef verpflichten wolltest.

Heliane Canepa: So ein Quatsch! Also so viel versteh auch ich noch vom Fussball. Und überhaupt, geh mir jetzt besser mal eine Bratwurst holen. Mit meinen MBT-Schuhen komme ich schlecht die Treppen runter, und der Rolf hat sicher auch Hunger.

Ancillo Canepa (steht auf): Also gut, dann geh ich mal an den Wurststand.

Rolf Fringer (eindringlich zu Heliane Canepa): Das mit der Basler Fasnacht und den Kobold-Haaren ist mir wirklich ernst, aber dann will ich zum Petric auch noch zwei finnische Masseure und einen polnischen Chiropraktor, damit der Chikhaoui nicht wieder die halbe Saison verletzt ist.

Heliane Canepa: In Ordnung, ich verstecke Cillo seine Lieblingspfeife und gebe sie ihm erst wieder, wenn er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Wir gehen dann aber auch gleich zusammen in den Franz Carl Weber und kaufen die Verkleidung.

Rolf Fringer: Von mir aus, Hauptsache ich kriege den Petric, die Masseure und den Chiropraktor. Wenn der Chikhaoui nicht fit ist, wird es hier auch in der nächsten Saison nichts, und dann bringt mich der «Blick» zur Strafe womöglich noch als GC-Trainer ins Gespräch.

Ancillo Canepa: So, da bin ich wieder! Einmal Bratwurst und Bier für alle.

Heliane Canepa: Danke, Schatz. Gut gemacht. Und sag mal, wie lange läuft eigentlich der Vertrag vom Aegerter noch?

Ancillo Canepa: Noch bis im Sommer.

Rolf Fringer: Gott sei Dank.

Heliane Canepa: Allerdings. Das ist auch so einer, der immer dort hinrennt, wo der Ball ist, dann aber doch nichts macht. Aber erklär das mal dem Cillo.

Ancillo Canepa: Auf den Silvan lass ich nichts kommen.

Heliane Canepa: Das hast du auch schon beim Fischer gesagt. Deine beste Entscheidung als FCZ-Präsident …

Ancillo Canepa: Was hätte ich denn tun sollen? Der Challandes ist immer gleich so aufbrausend geworden, ich habe ja manchmal fast meine Pfeife verschluckt. Und der Fischer war wenigstens nett.

Rolf Fringer: Der Gegner hat übrigens gerade ein Tor geschossen. Also wir brauchen unbedingt noch vier neue Verteidiger und einen international erfahrenen Mann fürs defensive Mittelfeld.

Heliane Canepa: Vier Verteidiger? Das finde ich schon etwas übertrieben.

Rolf Fringer: Denk an die Kobold-Verkleidung, Heliane!

Heliane Canepa (sehr kleinlaut): Okay, vier Verteidiger.

Spiele ohne Schiris – für mehr Fairness

Mämä Sykora am Donnerstag den 3. Mai 2012
Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Letzten Sonntag startete die Zürcher Alternativliga in ihre 35. Saison. Seit einigen Jahren wird der erste Spieltag ohne Schiedsrichter gespielt, die Mannschaften müssen es unter sich ausmachen, ob und für wen ein Einwurf, Freistoss oder Penalty fällig ist. Weil Offside-Entscheidungen deutlich schwieriger zu beurteilen sind, einigen sich viele Teams darauf, wenigstens Linienrichter aus ihren Reihen zu stellen.

Am Tag nach diesen Auftaktspielen stand in der englischen Premier League das vielleicht meisterschaftsentscheidende Manchester-Derby an. Es war ein sehr intensives Spiel, mit einigen harten Tacklings und viel Körpereinsatz, das einen verdienten Sieger fand und zu keiner Zeit unfair war. Im Anschluss daran – nachdem der fantastische Yaya Touré genug gewürdigt worden ist – schlitterten wir an der Bar irgendwie in die Diskussion, wie denn diese Partie gelaufen wäre, hätte sie wie tags zuvor bei uns ohne Unparteiische ausgetragen werden müssen.

Bei solch hypothetischen Fragen kann man sich gerne verlieren. Und tatsächlich herrschte alles andere als Einigkeit. Ich vertrat die Ansicht, dass ja eigentlich jeder Spieler selber wisse, wann er ein Foul begangen und ob er den Ball zuletzt berührt hat, bevor er ins Aus ging. Steht ein Referee auf dem Platz, versuchen die Kicker selbstverständlich, möglichst nahe an dessen Toleranzgrenze zu gehen. Wenn dieser eine klare Linie hat, werden sich die Beschwerden und Ausrufe auch in Grenzen halten. Grössere Probleme ergeben sich dann, wenn sich die Profis darauf verlegen, den Schiedsrichter zu täuschen, um daraus einen Vorteil zu gewinnen. Das betrifft in erster Linie Schwalben, aber auch Handspiele, versteckte Tätlichkeiten etc.

Fällt ein Schiri auf so etwas rein, wird dies beim Nutzniesser als Erfolg gefeiert. Wenn die Entscheidungsgewalt ganz beim Mann in Schwarz liegt, dürfen die Spieler getrost Gewissen und Sportmanship ablegen, der Ärger bei offensichtlichen Fehlentscheidungen trifft nicht sie, sondern prasselt auf den «blinden Schiri» nieder. Diesen zu täuschen, hat anscheinend kaum etwas Verwerfliches mehr an sich. Und genau hier sollte man meiner Ansicht nach den Hebel ansetzen.

Ist kein Unparteiischer anwesend, kann die Entscheidung nicht abgeschoben werden und es ist niemand da, den man reinlegen kann. Liegt ein Spieler auf dem Boden, müssten es die Spieler untereinander ausmachen, wie nun weitergespielt wird. Und in 99 Prozent der Fälle ist es jedem Beteiligten klar, wie die Entscheidung sein muss. Es ist lediglich eine Frage der Grösse und des Charakters, ob man ein Vergehen zugibt oder ob es einem nichts ausmacht, dem Gegenspieler geradewegs ins Gesicht zu lügen und vor Tausenden von Zuschauern im Stadion und am TV als Betrüger dazustehen.

In der Alternativliga, in der es zugebenermassen nicht um Millionen und Weltruhm geht, funktioniert das bestens. Und selbst im Profifussball fällt ab und dann ein Akteur mit einem ausprägten Gerechtigkeitssinn auf. Vor drei Wochen etwa gab Pauli-Stürmer Marius Ebbers ein Handspiel vor einem Torerfolg zu, der Treffer wurde annulliert. Und dies im Aufstiegsrennen. Mit Leuten wie Ebbers dürfte ein Spiel ohne Schiri problemlos möglich sein. Beim grossen Rest der kickenden Zunft äusserten meine Freunde hingegen grosse Bedenken.

Diese seien schlicht zu sehr darauf konditioniert, sich stets einen Vorteil erschleichen zu wollen, dass sie die Zeit, in der sie auf Bolzplätzen selber noch ohne Schiri spielen mussten, längst vergessen haben. Zudem, setzte einer drauf, der schon öfters mit Profifussballern zu tun hatte, seien die meisten nun wirklich keine Menschen mit Vorzeigecharakter. Für ihn war klar, dass der Match am Montag ohne Schiri schlicht unspielbar gewesen wäre.

Ein Versuch wäre allemal spannend. Wenn analog zur Alternativliga die erste Meisterschaftsrunde in Europa ohne Schiri gespielt würde, die Medienaufmerksamkeit gewiss ist und sich die Spieler darauf vorbereiten können, ja dann müsste es doch möglich sein, dass 22 erwachsene Männer eine Einigung in der Frage finden könnten, wer denn nun wen getreten hat. Es würde hoffentlich etwas dazu beitragen, dass die Fairness und die Sportmanship nicht ganz verkümmern. Oder etwa nicht?

Trainer vom Typus Gross sind nicht mehr zeitgemäss

Alexander Kühn am Dienstag den 1. Mai 2012


Die sportliche Ehe zwischen den Berner Young Boys und Christian Gross ist grandios gescheitert. Am Ende waren die Darbietungen auf dem Rasen so dürftig, dass selbst CEO Ilja Kaenzig die Weiterbeschäftigung des bärbeissigen Zürchers nicht mehr länger verantworten wollte. Mit seiner autoritären Art und dem wenig feinsinnigen Fussball, den Spötter als Stratosphären-Pingpong bezeichnen, kam Gross beim Berner Publikum nicht an – und bei den Spielern trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar auch nicht. Was soll ein Fussballer schon über seinen Chef sagen, wenn ihn ein Reporter fragt, ob er sich unter dessen Kommando wohl fühle?

Gross, der nach den Engagements beim FC Basel und dem VfB Stuttgart die dritte Entlassung innerhalb von zweieinhalb Jahren hinnehmen musste, hat enorme Verdienste um den Schweizer Fussball. Er sorgte mit GC und dem FCB in der Champions League für Furore und trug so massgeblich zur Steigerung des Ansehens der hiesigen Kicker bei. Der Glatzkopf war ein grosser Trainer – unbestritten. Das Problem ist aber, dass die Betonung hierbei auf dem Wort «war» liegt. Die Zeit der autoritären Fussball-Lehrer ist abgelaufen. Nur ganz wenige Ausnahmefiguren wie Sir Alex Ferguson von Manchester United oder der begnadete Selbstdarsteller José Mourinho von Real Madrid halten sich noch. Gross aber zählt nicht zu diesen Ausnahmefiguren.

«Ich konnte der Mannschaft nicht die gewünschte Winner-Mentalität einpflanzen», bekannte er nach seiner Entlassung vor der Presse, um anzufügen: «Ich bedaure, dass die Clubführung nach relativ kurzer Zeit das Vertrauen verloren hat.» Mit Verlaub, Herr Gross: Ein Trainer mit einem weniger klangvollen Namen wäre bei diesen Ergebnissen schon viel früher entlassen worden. Und anders als dem ebenfalls geschassten FCZ-Coach Urs Fischer hat man Ihnen im Winter auch nicht die halbe Mannschaft verkauft, sondern einen teuren Mann wie Raul Bobadilla geholt.

Benjamin Huggel, in Basel einst Schützling von Christian Gross, hat an der Meisterfeier des FCB einen klugen Satz gesagt, als er gefragt wurde, ob Heiko Vogel ein autoritärer Trainer sei: «Ein autoritärer Trainer wird keinen Erfolg haben.» Tatsächlich scheint im modernen Fussball der kumpelhafte Typ gefragt zu sein, der charmante, witzige Kommunikationsprofi, der Seelenmasseur und Gute-Laune-Bär. Basels Meistermacher Vogel fällt ebenso in diese Kategorie wie Jürgen Klopp vom Bundesliga-Primus Borussia Dortmund oder Roberto Di Matteo, der den FC Chelsea sensationell in den Final der Champions League führte und selbst das ewige Sorgenkind Fernando Torres wieder zu neuem sportlichem Leben erweckte.

Vogel, Klopp, Di Matteo – sie alle sprechen eine Sprache, die bei den naturgemäss jüngeren Spielern ankommt. Will Gross an alte Erfolge anknüpfen, muss er sich kommunikativ neu erfinden – an Kompetenz mangelt es ihm nicht. Gute Vorbilder gibt es genug. In der Schweiz sticht neben Vogel auch Murat Yakin heraus, der beim FC Luzern mit Kompetenz und Intellekt das Maximum aus der Mannschaft kitzelt, in Deutschland Lucien Favre. Favre, der mit Borussia Mönchengladbach an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen darf, ist mit Jahrgang 1957 biologisch zwar nur drei Jahre jünger als Gross, wirkt aber mit seinen funkelnden Augen und dem jungenhaften Charme, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Dass sich Gross nach dem dritten Scheitern in Folge den Traum vom Job als Schweizer Nationaltrainer noch erfüllen kann, darf man nach dem aktuellen Stande der Dinge nebenbei bemerkt bezweifeln.

YB in der Sackgasse

Mämä Sykora am Montag den 30. April 2012
Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Was ist eigentlich mit YB los? Der selbsternannte erste Herausforderer des FC Basel durchlebt eine desaströse Saison: Das Aus im Cup gegen Winterthur, in der Europa-League-Qualifikation gescheitert, zudem 25 Punkte Rückstand auf jenen Verein, dem man im Kampf um die Meisterschaft fordern wollte. Wäre das diesjährige Championat nicht derart verzerrt, sähe es noch viel bitterer aus für die Berner: Mit den bescheidenen 1,379 Punkten pro Partie steht man hierzulande zwar immerhin auf Platz 3, in England würde es Platz 9 bedeuten, in Deutschland und Spanien Platz 7, und in Österreich wäre man damit schon in der hinteren Tabellenhälfte.

Dass sich derzeit eine Welle des Spotts über den BSC ergiesst, mag nicht verwundern. Das Image des Verlierers wollte man ein für allemal loswerden und präsentierte selbstbewusst das 3-Phasen-Modell, dessen Schlusspunkt der Meistertitel bilden sollte. Dafür wurde viel finanzieller Aufwand betrieben, dank der Unterstützung der Brüder Rihs konnte Verwaltungsratspräsident Benno Oertig stolz den Trainer mit dem grossen Namen vorstellen. Es kam einer Art Verzweiflungstat gleich, nachdem frühere Konzepte nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatten.

Da war etwa die seltsam anmutende Geschichte mit der Fussballakademie in der Côte d’Ivoire, dank der YB Spieler wie Doumbia oder die Doubaï-Brüder verpflichten konnte, und die dem Verein Einnahmen von ca. 20 Millionen Franken bescherten. Dennoch wurde die Zusammenarbeit gekippt, weil es sich finanziell nicht lohne, so CEO Ilja Kaenzig. Angesichts dieser Zahlen klingt das etwas wunderlich, einige sahen in dieser Aktion eher eine Abrechnung mit dem geschassten Stefan Niedermaier, der diese Kooperation aufgegleist hatte.

Auch anderes Bewährtes wurde kurzerhand über Bord geworfen. Der bei den Fans beliebten Vladimir Petkovic – immerhin der Trainer mit dem höchsten Punktschnitt seit dem letzten Meistertitel – musste ebenso gehen wie eine Reihe talentierter Eigengewächse wie etwa François Affolter oder die Schneuwlys, andere verdiente Akteure wie Raimondi fanden sich plötzlich auf der Bank wieder. Die vielen Neuverpflichtungen vermochten derweil längst nicht alle zu überzeugen. Nuzzolo konnte nie an seine Leistungen bei Xamax anknüpfen, bei Josh Simpson wurde der Grund für seine Verpflichtung nie offensichtlich, und selbst die Leistungsträger der Vorsaison konnten ihr Potenzial nicht mehr abrufen. Namentlich Farnerud trat längst nicht mehr so dominant auf wie in den Monaten zuvor.

Bei YB wollte man den Erfolg erzwingen. Es ist zwar verständlich, dass man nicht ständig nur die zweite Geige spielen will, doch immerhin schaffte man es mit etwas Kontinuität, den Branchenprimus Basel einige Male bis zuletzt zu fordern. Nach den vielen tiefen Schnitten ist man nun so weit von der Spitze entfernt wie schon lange nicht mehr – und dies bei stark gestiegenen Ausgaben. Dass die Berner den Afrika-Cup-Triumph ihres Stürmer Emmanuel Mayuka mit dem Hinweis feierten, er habe nun einen Marktwert von 14 Millionen Franken, ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr man die Realität in der Hauptstadt verkennt. Denn diese Zahl ist mehr als absurd, wenn man bedenkt, dass etwa Dortmunds Goldfüsschen Shinji Kagawa für den gleichen Betrag zu haben ist.

Eine Mannschaft wie Basel kann man nicht fordern, indem man seine Pläne regelmässig verwirft und einen Grossteil des Budgets für einzelne Personen aufwendet. Geld alleine reicht bei Weitem nicht, vor allem im Wissen, dass den FCB aus den bevorstehenden Transfers grosse Summen erwarten. Es wäre die Chance der Young Boys gewesen, in aller Ruhe ein funktionierendes Team aufzubauen, eigene Junioren einzubauen, von der Afrika-Connection zu profitieren und kleine Schritte nach vorne zu machen, denn so hätte man in der nächsten Saison, wenn der Konkurrent einige Schlüsselpositionen neu besetzen muss, bereit für den Zweikampf sein können.

Doch YB wählte den falschen Weg. Weil es einige Male knapp nicht gereicht hat, änderte man wiederholt das ganze Konzept, übrig geblieben ist ein Scherbenhaufen, ein extrem teurer noch dazu, der sich in der Meisterschaft mit Thun und Servette messen muss. Nun steckt der Verein geradezu in einer Sackgasse: Erwartet wird trotz dieser ernüchternden Saison auch nächstes Jahr wieder der Titel, nun ist man aber weiter davon entfernt als noch vor der Zündung der «Phase 3». Ein erster Weg aus der Krise wäre sicherlich, die Ansprüche auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren und jetzt nach der Entlassung von Trainer Christian Gross nochmals da zu beginnen, wo Vladimir Petkovic vor knapp vier Jahren angefangen hat.

Der falsche Neid auf die Bayern

Alexander Kühn am Samstag den 28. April 2012
Heimvorteil genutzt: Bayern München fühlt sich in der Allianz Arena wohl. (Bilder: Keystone)

Heimvorteil genutzt: Bayern München fühlt sich in der Allianz Arena wohl. (Bilder: Keystone)

Statistisch betrachtet hat der FC Bayern die Champions League schon jetzt gewonnen – aus einem einfachen Grund. Das Endspiel der Königsklasse findet am 19. Mai in der Münchner Allianz Arena statt, und der deutsche Rekordmeister war in der laufenden Saison auf internationalem Parkett daheim dreimal erfolgreicher als sein Gegner auf fremden Plätzen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Finalspielort München in England kritische Geister auf den Plan ruft, zum Beispiel Kenny Dalglish. «Man sollte nicht das Stadion einer Mannschaft auswählen, die am Wettbewerb teilnimmt. Das ist vollkommen unfair und ein riesiger Vorteil für Bayern München», schimpfte der Trainer des FC Liverpool.

«Vollkommen unfair»: Dalglish sieht Chelsea klar im Nachteil.

«Vollkommen unfair»: Dalglish sieht Chelsea klar im Nachteil.

Zur Illustration seiner These hier die Fakten. 7:0 gegen Basel, 2:0 gegen Marseille und 2:1 gegen Real Madrid lauten die Resultate der Bayern in der Knockout-Phase, in den Gruppenspielen gab es ein 2:0 gegen Manchester City, ein 3:2 gegen die SSC Napoli und ein 3:1 gegen Villarreal. Macht summa summarum sechs Siege in sechs Partien bei 19:4 Toren. Für Chelsea weist die Datenbank neben dem tapfer erkämpften 2:2 beim gescheiterten Titelverteidiger FC Barcelona nur ein wirklich gutes Auswärtsresultat aus – das 1:0 gegen Benfica Lissabon im Viertelfinal-Hinspiel. In den Achtelfinals setzte es für die Londoner ein 1:3 in Neapel, in der Vorrunde hiess es aus Sicht der Blues 1:1 gegen Valencia und Genk sowie 1:2 in Leverkusen. Unter dem Strich stehen ein Sieg, drei Remis und zwei Niederlagen – Tordifferenz 7:9.

Muss man sich also der These von Dalglish anschliessen und den Bayern das siebte Champions-League-Heimspiel der Saison missgönnen? Als reiner Zahlenmensch schon, als Freund des Fussballs aber nie und nimmer. Erstens gehört die Ungerechtigkeit nun einmal zum Sport – man denke nur an die Halbfinalduelle zwischen Barça und Chelsea – und zweitens würde Dalglishs Forderung den Grossteil der schönsten Arenen Europas zum vornherein als Finalspielorte ausschliessen: das Bernabéu in Madrid, das Camp Nou in Barcelona und eben auch die wunderbare Allianz Arena vor den Toren Münchens. Ein spontanes Umschwenken ist aus logistischer Sicht kaum machbar, die Uefa kann sich schlecht erst einen Monat vor dem grossen Endspiel auf einen Austragungsort festlegen.

Fand den Weg: Der FC Bayern ist in München angekommen.

Fand den Weg: Der FC Bayern ist in München angekommen.

Die Wahl eines festen Finalspielorts wie etwa im englischen FA Cup oder im DFB-Pokal würde die Ungerechtigkeit nur ein wenig mildern. Wäre es denn kein Heimvorteil mehr, wenn Chelsea zum Beispiel im Londoner Wembley zu einem Endspiel antreten würde? Bleibt die theoretische Möglichkeit, den Final der Königsklasse in ein Land zu vergeben, dessen Vertreter sicher nicht um die europäische Krone spielen werden. Die Schweiz könnte so zum Handkuss kommen. Doch ein finales Duell zwischen den Bayern und Real Madrid im Stade de Suisse oder im Basler St. Jakob-Park wäre bei aller Liebe zu den zwei schmucken Arenen blanker Unsinn. Die beiden Stadien sind schlicht zu klein. Schon jetzt muss man fast so viel Glück wie ein Lottokönig haben, um sich zu regulären Preisen Tickets für den Champions-League-Final zu sichern.

Und überhaupt: Wenn man bei der Wahl des Finalspielorts schon so päpstlich tut, was ist dann mit den teils absurden Schulden, welche die Spitzenvereine aus Spanien und England haben? Könnten die Bayern dann nicht auch sagen, dass sie nicht gegen Real Madrid spielen wollen, weil die Königlichen derart königlich in der Kreide stehen, dass die Sittenwächter des DFB ihnen erst gar keine Lizenz erteilen würden? Die Ungerechtigkeit gehört einfach zum Fussball, und das ist gut so. Um wie viel ärmer wäre die Geschichte dieses Sports, wenn es das Wembley-Tor im WM-Final 1966 zwischen England und Deutschland oder Diego Maradonas Treffer mit der Hand Gottes gegen die Engländer an der WM 1986 nicht gegeben hätte? Eben. Beim letzten wirklich bedeutenden Duell zwischen einer deutschen und einer englischen Mannschaft auf Münchner Boden siegten übrigens die Gäste von der Insel. Deutschlands Nationalteam unterlag England in der Qualifikation zur WM 2002 im alten Olympiastadion am 1. September 2001 mit 1:5.

Plädoyer gegen Penaltys

Mämä Sykora am Donnerstag den 26. April 2012
Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Zwei wahrlich tolle Halbfinals sahen wir in der diesjährigen Champions League. Es gab es zwar bestimmt schon fussballerisch höherklassige Begegnungen, aber an Spannung waren die Partien kaum zu überbieten. Gestern fielen bei Real gegen Bayern schon in der ersten Halbzeit drei Tore, wodurch das Hinspiel-Ergebnis egalisiert wurde, zwei davon auf Penaltys. Und ich mag schlicht und einfach keine Penaltys.

1891 wurde der Elfmeter eingeführt, eine Erfindung des irischen Leinenfabrikants und Torwarts William McCrum. Seine Idee wurde umgesetzt, nachdem ein Spieler von Notts County auf der Torlinie ein absichtliches Handspiel begangen hatte, worauf man sich nach Möglichkeiten für eine gerechte Bestrafung umgeschaut hatte. Damit wird auch klar, was die ursprüngliche Absicht gewesen ist: Wem eine klare Torchance regelwidrig vereitelt wird, der soll durch den Strafstoss mit einer ähnlich erfolgsversprechenden Situation entschädigt werden.

Die Neuerung wurde nicht nur positiv aufgenommen. C. B. Fry von Southampton liess verlauten: «Es ist eine Beleidigung des Ansehens von Sportleuten, wenn sie unter einer Regel spielen müssen, die unterstellt, dass die Spieler ihrem Gegner absichtlich ein Bein stellen, treten und schlagen und sich benehmen wie üble Kerle der gewissenlosesten Sorte.» Und der Corinthian FC aus London setzte Elfmeter jeweils absichtlich daneben. Gab es Strafstoss gegen sie, stellten sie keinen Torwart ins Tor. Würden diese Spieler heutige Fussballpartien schauen, sie würden sich angeekelt abwenden.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Bei praktisch jedem Körperkontakt im Strafraum, bei jeder Ballberührung eines Verteidigers mit etwas anderem als dem Fuss schreien Fussballer nach einem Elfmeter. Und viel zu oft haben sie damit Erfolg. Was vor über 100 Jahren als ultimative Bestrafung für eine sich in höchster Not mit unfairen Mitteln wehrende Defensive eingeführt wurde, entscheidet heute regelmässig wichtige Spiele, ohne dass überhaupt eine gute Tormöglichkeit verhindert wurde. So weit hat William McCrum damals nicht gedacht, und das machen sich die cleveren Stürmer von heute zunutze.

Dass die modernen Profis deutlich häufiger ein Foul vortäuschen als früher, ist hinlänglich bekannt. Und laut Reglement zieht jedes Vergehen im Strafraum einen Elfmeter nach sich. Hier kann man also den Schiedsrichtern keinen Vorwurf machen, denn es gibt keinen Grund, warum eine von den Unparteiischen als Foul taxierte Aktion im Strafraum anders beurteilt werden soll, als wenn sie im Mittelfeld passiert wäre. Die Stürmer sind geschickt und wissen, wie sie fallen müssen, um einen Pfiff zu provozieren. Zu lange wurde hier tatenlos zugeschaut, zu wenig abschreckend sind die Strafen für Schwalbenkönige, als dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern würde.

Der Effekt davon ist, dass der Strafraum wohl der Bereich des Spielfeld ist mit den meisten «Fouls» pro Quadratmeter. Ob Schubser im Gewühl an der Sechzehner-Grenze oder ungestümes Herauslaufen des Torwarts und Stürmerkontakt an einer Stelle, von der ein Torschuss schon gar nicht mehr möglich ist – das Verdikt heisst stets Elfmeter, ganz egal, ob es eine Torchance gewesen wäre oder nicht. Und dann kommt auch noch dieses vermaledeite Hands dazu, das in meinen Augen viel zu oft zur Höchststrafe führt.

Wir nehmen nochmals das Regelbuch hervor: «Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich berührt. Dabei achtet der Schiedsrichter auf die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand).» Gestern bekam Alaba einen Di Maria-Volley aus zwei Metern an den Arm geschossen, wie das Video unten zeigt. Hat jemand eine Absicht bemerkt? Ging etwa die Hand zum Ball? Wohin soll Alaba seinen Arm versorgen, wenn er grätscht? Darf man bald nur noch die Arme hinter dem Rücken verschränkt haben in der Verteidigung, wie es heute tatsächlich bereits viele Spieler machen in solchen Situationen? Ist das dann etwa die viel zitierte «natürliche Handhaltung»?


Arm dran: Alaba konnte nicht anders, als einen Penalty zu verursachen. (Quelle: Youtube)

Meiner Ansicht nach sind die vielen ausgesprochenen Elfer Gift für das Spiel. Nicht wenige Angreifer suchen zuerst den Penaltypfiff und erst in zweiter Linie den Torerfolg. Dem entgegenwirken könnte man gleich doppelt: Einerseits die Handsregel wieder so anwenden, wie sie ursprünglich geplant war, nämlich indem nur offensichtlich absichtliche Handspiele gepfiffen würden, andererseits auch die Elfmeter wieder nur bei «Notbremsen» verhängen. Die ganzen restlichen Vergehen im Strafraum – und die machen den Grossteil aus – sollten lediglich einen Freistoss zur Folge haben. Das ergäbe noch immer eine gute Gelegenheit für ein Tor, aber es wäre bei Weitem nicht mehr so fatal wie diese unsäglichen Penaltys. Ich denke, das wäre durchaus im Sinne von Mister McCrum.

Rache an Real

Alexander Kühn am Mittwoch den 25. April 2012


Jupp Heynckes ist kein Mann der lauten Töne. Im gesegneten Traineralter von fast 67 Jahren erst recht nicht mehr. So verwundert es nicht, dass der Stratege auf der Bank des FC Bayern vor dem heutigen Halbfinal-Rückspiel in der Champions League bei Real Madrid jede Polemik vermeidet. Wie es in seinem Inneren aussieht kann man aber nur erahnen. Heynckes hat mit Real noch eine Rechnung offen – und zwar eine von historischem Format. 14 Jahre ist es her, dass der Deutsche mit den Madrilenen die Krone des europäischen Clubfussballs gewann und dann statt eines neuen Vertrags doch nur einen Tritt in den Hintern bekam.

In den Augen der Real-Führung war Heynckes stets ein Notnagel. Den Job im Bernabéu bekam er nur, weil der heutige Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld dem spanischen Rekordmeister zuvor eine Absage erteilt hatte. Entsprechend respektlos war die Kommunikation bei seiner Entlassung. Der damalige Real-Präsident Lorenzo Sanz unterrichtete zunächst einen Radiosender von seinem Entschluss, erst dann telefonierte er mit dem geschassten Coach. Noch wichtiger als der Erfolg sei bei Real der Draht zu den Mächtigen, lautet Heynckes’ Lehre aus dem bewegten Jahr in Madrid. Man müsse nicht nur ein begnadeter Trainer sein, sondern auch ein Verkäufer der Extraklasse.

José Mourinho ist so ein Verkäufer. Einer der sich seinen Vorgesetzten gegenüber wie ein Gott gebärden kann, obwohl er seit seiner Ankunft im Jahr Sommer 2010 noch keinen bedeutenden Titel gewinnen konnte und seinen ersten Clásico gegen den Erzrivalen FC Barcelona am 29. November 2010 im Camp Nou mit 0:5 verlor. Mourinho steht für den Glamour, der bei Real Madrid ganz oben im Pflichtenheft figuriert. Ob er auch der bessere Taktiker als Heynckes ist, hat der Portugiese heute Abend aber erst noch zu beweisen. Er muss mit der Erwartungshaltung klarkommen, die er selbst geschaffen hat.

Trainer Heynckes ist im Bayern-Kader nicht der Einzige, für den das Motto «Rache an Real» gilt. Auch sein Flügel Arjen Robben weiss, wie es ist, wenn man bei den Königlichen nicht mehr erwünscht ist. Nach den Transfers von Cristiano Ronaldo und Kaká legte ihm die Chefetage im Sommer 2009 den Abschied nahe – knapp zwei Jahre zuvor war er für 36 Millionen Euro von Chelsea nach Spanien gelotst worden. Robben machte anders als Heynckes kein Geheimnis daraus, wie sehr ihn die Vertreibung aus Madrid traf: «Von aussen betrachtet sieht bei Real immer alles so schön aus, aber wenn man drin ist, kommt es einem ganz anders vor als aus der Entfernung», sagte er der holländischen Zeitung «Sportwereld». «Ich finde nicht, dass ich in Madrid sehr gut behandelt wurde. In diesem Verein ist alles so politisch.»

Man kann sich denken, welche Befriedigung es für den Holländer wäre, seinem Ex-Club einen grossen Strich durch die Rechnung zu machen. Trifft Robben im Bernabéu für die Bayern, muss Real schon drei Tore schiessen, um den Champions-League-Final zu erreichen. Das Erreichen des Endspiels würde den Flügelspieler auch ein wenig für den mit 0:1 verlorenen WM-Final 2010 gegen Spanien entschädigen. Dort hätte er in der 83. Minute nach einem Zuspiel von Robin van Persie zum Helden werden können, scheiterte aber am herausstürzenden Real-Goalie Iker Casillas.

Raubbau an Fussballerkörpern

Mämä Sykora am Montag den 23. April 2012
Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Die Fussballprofis spielen bis zum Umfallen: Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Fussballprofis in Top-Vereinen verdienen viel Geld. Verdammt viel Geld. Dafür – so die weit verbreitete Meinung – darf man auch einiges von ihnen erwarten. Noch vor nicht allzu langer Zeit, bestand das Pflichtprogramm für die Profis aus den Meisterschaftspartien, einigen Cup-Fights sowie bei den wenigen Vereinen, die europäisch spielten, aus einer Handvoll internationalen Partien. Der Rest der Zeit diente dem Training und der Regeneration, die besten aus den Top-Nationen spielten zudem alle zwei Jahre noch ein paar EM- oder WM-Spiele.

Die Anzahl der in einer Saison zu absolvierenden Spiele ist seither massiv gestiegen. Bei einem erfolgreichen Champions-League-Teilnehmer kommen noch circa 10 Partien (und damit ebenso viele englische Wochen) hinzu, wenn’s ganz dumm (bzw. erfolgreich) läuft, stehen als Bonus noch Dinge wie der UEFA-Supercup oder die FIFA Klub-WM an. Und wenn andere Fussballer in die Ferien fahren, dürfen die Besten der Besten im Sommer direkt im Anschluss an die Meisterfeier ins EM- oder WM-Trainingslager einrücken, im Winter sind sie zudem verpflichtet, mit ihren Vereinen sportlich höchst fragwürdige, aber finanziell sehr einträgliche Freundschaftsspiel-Serien in Asien zu spielen. Den überspielten Stars eine Pause zu gönnen liegt nicht drin, Sponsoren und Zuschauer erwarten deren Einsatz.

Die Folgen dieses Raubbaus an den Körpern der Stars werden jedes Jahr spätestens im Frühling offensichtlich. Dieses Wochenende blieb Lionel Messi gegen Real Madrid derart ohne Einfluss, dass schon wenige Stunden nach dem Schlusspfiff folgender Witz die Runde machte: «Was haben ich und Lionel Messi gemeinsam? – Wir haben beide am Samstag beim ‹Clásico› zugeschaut.» Sicher, das lag nicht nur daran, dass der kleine Argentinier am Ende seiner Kräfte ist, denn immerhin verteidigte Real hervorragend, aber dass es bereits sein 54. Pflichtspieleinsatz in dieser Saison war, ist bestimmt auch ein Grund dafür. Und die grossen Entscheidungen stehen erst noch an…

Die Engländer leisten sich sogar weiterhin zwei Pokalwettbewerbe, je nach Runde sogar mit Hin- und Rückspiel bzw. mit einem Wiederholungsspiel im Falle eines Remis. Auch wenn einige Vereine zumindest im Carling Cup mehrheitlich Ergänzungsspieler auflaufen lassen, kommen die grossen Stars wie ihre Kollegen in Spanien auf über 60 Spiele pro Jahr – und das nahezu ohne Pause. Und just wenn mit dem Schlusspfiff des letzten Meisterschaftsspiel die letzten Kraftreserven aufgebraucht sind, beginnt die EM. Es kann nicht erstaunen, dass die Affichen zwischen den besten Mannschaften des Kontinents unter diesen Umständen nur selten halten können, was sie versprechen.

Das Rotationsprinzip, das Ottmar Hitzfeld bei den Bayern einst eisern angewandt hatte, findet bei Europas führenden Vereinen kaum Anwendung. Gerade in Spanien und England, wo die Meisterschaften meistens zu Zweikämpfen verkommen, will kein Trainer Gefahr laufen, sich im Falle eines Ausrutschers unangenehme Fragen zur Aufstellung gefallen lassen zu müssen. Die Superstars und Leistungsträger laufen somit immer auf, egal ob Auswärtspartie beim Tabellenvorletzten, Champions-League-Halbfinale oder Freundschaftsspiel gegen die thailändische Nationalmannschaft.

Über einige Saisons hält ein gut trainierter Körper diese irre Belastung aus, mit der Zeit lässt das Leistungsvermögen indes nach. Für uns Zuschauer bedeutet das, dass wir an den grossen Endrunden Akteure sehen, die schon auf dem Zahnfleisch gehen, und damit ist die Gesundheit der Spieler in Gefahr. Nach dem tragischen Tod des Livorno-Profis Piermario Morosini vor einer Woche meldete sich Ex-Nationalspieler Antonio Di Natale zu Wort: «Wir müssen weniger und nicht so schnell hintereinander spielen. Fussball ist schön und wichtig, aber wir müssen auch auf unsere Gesundheit achten.» Und selbst Sepp Blatter sieht die Bedrohung für seine einträgliche WM und liess die Engländer wissen, dass bei ihnen zu viel Fussball gespielt werde.

Nur: Die heimischen Championnats waren schon immer da, während die zusätzlichen Termine immer mehr wurden. Die EM und die WM wurden massiv vergrössert, die Anzahl Qualifikationsspiele nahm laufend zu, die Europacup-Wettbewerbe aufgeblasen, neue Turniere geschaffen und zudem gibt’s nun auch noch statt Ferien Sponsorentours. Ob das lange gut geht? Wie es scheint, versuchen die Vereine derzeit, die Schmerzgrenze auszuloten. Denn mehr Partien ergeben auch mehr Einnahmen, und solange die Spieler es irgendwie aushalten, wird daran nichts geändert. Für die Klubs liegt die Schuld ohnehin beim dichten Kalender der Nationalmannschaften. Erst kürzlich wurden höhere Entschädigungszahlungen für Nationalspieler erstritten, damit bleibt der Terminkalender weiterhin randvoll.

Ein weiterer Ausbau der Anzahl Spiele pro Jahr ist kaum mehr möglich, eine Reduktion hingegen ebenso undenkbar. Die aktuelle Generation Superstars wird so lange am körperlichen Limit spielen müssen, bis ihren Vereinen – ihren «Besitzern» – daraus ein Nachteil entsteht. Und das ist erst der Fall, wenn diese Kicker ihre Leistung nicht mehr bringen können oder gar von ständigen Verletzungen geplagt sind.

Red Bull und die Albtraumliga

Alexander Kühn am Samstag den 21. April 2012
Stierisch ernst: So präsentiert sich die 1. Mannschaft von RB Leipzig auf der Vereinswebsite.

Stierisch ernst: So präsentiert sich die 1. Mannschaft von RB Leipzig auf der Vereinswebsite.

Dietrich Mateschitz, der Chef des Energydrink-Herstellers Red Bull, ist es gewohnt, dass alles zu Gold wird, was er anfasst. Erst recht nach dem zweiten Weltmeistertitel für sein Formel-1-Team um Sebastian Vettel im vergangenen November. Der Red-Bull-Masterplan zur Eroberung des deutschen Fussballs funktioniert aber auch rund drei Jahre nach der Gründung des Retortenvereins Rasenballsport Leipzig hinten und vorne nicht. Zwar begann die Saison für RB mit dem Sieg über das VW-Spielzeug VfL Wolfsburg in der 1. Runde des DFB-Pokals glänzend, in der viertklassigen Regionalliga Nord liegen die Leipziger aber fünf Runden vor Schluss vier Punkte hinter dem einzigen Aufstiegsplatz zurück. Trotz des renommierten Trainers Peter Pacult und erfahrenen Profis wie dem österreichischen Nationalstürmer Roman Wallner oder Pekka Lagerblom, der zwölfmal das Trikot der finnischen Auswahl trug und in Deutschland auf 25 Einsätze in der 1. Bundesliga kam.

Die Verantwortlichen in Leipzig machen kein Geheimnis daraus, dass ihr Ziel mittelfristig 1. Bundesliga und langfristig Champions League heisst. Wenn der starke Regionalliga-Tabellenführer Hallescher FC um den früheren Nürnberger Bundesliga-Profi Maik Wagefeld nicht noch empfindlich einbricht, werden die Gegner von RB in der kommenden Saison aber weiter Germania Halberstadt, TSV Havelse oder ZFC Meuselwitz heissen. Gegen die Mannschaft aus dem thüringischen 11’000-Einwohner-Örtchen Meuselwitz kassierten die Leipziger vor zwei Wochen zu Hause eine wohl verhängnisvolle 0:1-Niederlage. Krasser als an diesem Tag kann die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei den steinreichen fussballerischen Sendboten des Red-Bull-Konzerns kaum zutage treten. Bayern München oder Borussia Dortmund sind sportlich Lichtjahre entfernt.

Das Problem der RB-Equipe, die im vergangenen Jahr gegen den Chemnitzer FC im Aufstiegsrennen den Kürzeren zog, liegt auf der Hand. Gegen den Krösus der Regionalliga Nord ist jedes Team motiviert, als handle es sich um einen Pokalfight mit dem FC Bayern. Den reichen Emporkömmlingen gönnt keiner den Erfolg, einem Traditionsverein wie Chemnitz oder Halle dagegen schon. Ein Team, das sich gegen Leipzig zerreisst, legt sich gegen Halle nach einem Rückstand vielleicht nicht mehr ganz so fest ins Zeug. Heute Nachmittag muss RB beim Tabellendritten Holstein Kiel antreten, dem Lieblingsclub des Comic-Helden Werner. Die Kieler haben bei zwei Punkten Rückstand auf Leipzig selbst noch eine kleine Chance auf den Aufstieg in der 3. Liga.

«Schwule Sau»: So konterte Trainer Pacult den verbalen Angriff eines St.-Pauli-Fans. (Keystone)

«Schwule Sau»: So konterte Trainer Pacult den verbalen Angriff eines St.-Pauli-Fans. (Keystone)

Zum sportlichen Krebsgang kommen bei RB in schöner Regelmässigkeit peinliche Geschichten über das Fehlverhalten des Personals. Zuletzt geriet Trainer Pacult ins Kreuzfeuer der Kritik, weil er gemäss übereinstimmenden Berichten von «Bild» und «Hamburger Morgenpost» beim Spiel gegen die Amateure des FC St. Pauli Anfang April einen Anhänger der Hansestädter als «schwule Sau» beschimpfte. Der Fan habe ihn zuvor provoziert und einen «schwulen Österreicher» genannt, rechtfertigte sich Pacult. Es habe während des Spiels weitere Beleidigungen gegen ihn und seine Spieler gegeben, selbst körperliche Angriffe seien nicht ausgeblieben.

Im Juli 2010 hatte sich die Presse in Sachsen genüsslich über verbotene Besuche von RB-Spielern in der Mensa der Leipziger Universität hergemacht. Mehrere der fürstlich entlohnten Fussballer verschafften sich mittels geliehener Chipkarten eines der vom Staat subventionierten Tagesmenüs zu Preisen zwischen 1.50 und 3.50 Euro. Von Betrug am Steuerzahler war die Rede, Werbung für Red Bull sieht anders aus.

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