Eine Carte Blanche von Thomas Gander*
Wer am Sonntag im «Sportpanorama» die Zusammenfassung des Derbys FC Zürich – FC Basel gesehen hat, wird sich nicht nur an den vielen Toren erfreut haben, sondern sich auch über das Fehlen der stimmungsvollen Ambiance gewundert haben, welche die beiden Fankurven normalerweise in das Zürcher Leichtathletikstadion bringen.
Eine Erklärung aus Sicht der Fans zu den Vorgängen vom Sonntag, als die Basler gar nicht erst im Stadion erschienen und die Zürcher ihre Kurve bald nach dem Anpfiff ebenfalls räumten, findet sich unter dem Titel «Solidarität statt Rivalität» sowohl auf der Website der Südkurve wie auch auf derjenigen der Muttenzerkurve Auch die Stadtpolizei schilderte ihre Sicht der Ereignisse auf ihrer Homepage.
Es ist aussergewöhnlich, dass sich zwei sonst rivalisierende Fangruppen miteinander solidarisieren und darauf verzichten, ihre Mannschaft im Stadion zu unterstützen. Kritisch könnte man hier anfügen, dass es den Fans also eher um sich selber geht als um ihre Mannschaft. Blickt man aber tiefer in die Fanszenen, erkennt man schon länger ein Brodeln in den Fankurven. Dort, wo sich wöchentlich Tausende von jungen Menschen treffen, ist es augenscheinlich so, dass vermehrt ihr Fansein und nicht die Mannschaft das Gesprächsthema ist. Es wird kontrovers fanpolitisiert, Aktionen werden ausgeheckt, Parolen auf Spruchbänder geschrieben oder Kurvenzeitungen mit kritischem Inhalt verteilt.
Verlassen zwei Fankurven, die sich ansonsten überhaupt «nicht riechen» können, gemeinsam das Stadion, um für ihre Rechte und ihr Anliegen zu kämpfen, ist dies derart ungewöhnlich, dass danach nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Fans haben keine Lobby, weder in der Politik noch in der Medienlandschaft. Ihr einziges Mittel ist es, mit solchen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Tun sie es in dieser beeindruckenden Form, müssen wir diese Ausdrucksweise ernst nehmen! Wenn so eine grosse Anzahl junger Menschen auf die Strasse gehen würde, um gemeinsam zu protestieren – wie dies in den 80er-Jahren der Fall war – würden wir plötzlich wachgerüttelt werden. Sollten dann auch noch destruktive Kräfte in deren Reihen wach werden, würden wir uns noch mehr Sorgen machen.
Fankurven tragen Werte in sich und erklären ihr Dasein auch als Kontrapunkt zu unserer Gesellschaft. Als Raum, in dem in unserer individualisierten Gesellschaft doch noch Gemeinschaft möglich ist. Dort versammelt sind einige der letzten grösseren Gruppen, die sich eine kritische Meinung zur Gesellschaftspolitik machen (so gelesen im «Schreyhals», der Kurvenzeitung der Muttenzerkurve). Die Kurven bezeichnen sich selber als Subkultur, werden zunehmend grösser und für junge Menschen immer attraktiver.
Und was machen wir? Wir antworten mit immer strengeren Gesetzen (etwa das verschärfte Hooligankonkordat) und Massnahmenvorschlägen, welche ganze Fankurven zu kriminalisieren versuchen und ihre Mitglieder als potenziell gefährliche Menschen in die Ecke drängen. Wir gehen mit ihnen auf Konfrontation und bedrohen ihre Fankultur, ohne dabei zu merken, dass wir so Tür und Tor öffnen für radikalere Ideen und damit nur die destruktiven Kräfte in den Fankurven stärken.
Die gemeinsame Solidarisierungsaktion der Zürcher Südkurve mit der Basler Muttenzerkurve kann auch als Appell verstanden werden, endlich mal genauer hinzuschauen, was da in und um unseren Fankurven geschieht. Das Feld nur den Populisten und den Profilierern zu überlassen ist nicht nur nicht klug, sondern gefährlich.
*Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz (FaCH) und Co-Leiter von Fanarbeit Basel.



Mämä Sykora (36) ist Chefredaktor beim Fussballmagazin
Alexander Kühn (33) ist Sportredaktor bei Newsnet und leidgeprüfter Fan des deutschen Zweitligisten Dynamo Dresden. Mangels fussballerischen Talents beschränkt er sich auf kritische Einwürfe von Tribüne und Schreibtisch aus.









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