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Der Fussball ist ein Gott

Hugo Stamm am Montag den 27. Juni 2011

Religion hat die Aufgabe, Orientierung zu bieten, Sinn zu stiften, Hingabe zu ermöglichen, emotionale Rückbindung auf ein göttliches Wesen zu schaffen und Trost zu spenden. Gläubige sind in der Regel überzeugt, dass nur der Glaube an einen personalen Gott diese Anforderungen zu erfüllen vermag. Doch: Stimmt dieser Alleinanspruch?

Nein. Es gibt eine scheinbar weltliche Disziplin, die die Anforderungen an eine Religion ebenfalls bestens erfüllt: der Fussball.

Das klingt in den Ohren vieler Gläubiger nach Gotteslästerung. Fussball mit dem Glauben an Gott zu vergleichen, ist für sie blasphemisch.

Treten wir also den Beweis für die Behauptung an.

Ob es Gott tatsächlich gibt, kann niemand beweisen. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist eine metaphysische Spekulation. Der Fussball hingegen ist ein reales, sinnstiftendes Objekt. Er ist zwar nur mit Luft gefüllt, aber er bewegt die Welt wie kaum ein anderer Gegenstand. Fussball begründet Gemeinschaft – mehr als leere Kirchen. Fussball stiftet Identität, die klar definiert ist: Meine Farben sind Blau-Weiss, meine Heimat ist das Letzigrund-Stadion, mein Talar sind die Fan-Klamotten, meine Glaubensbrüder finde ich im Fanclub oder der Südkurve. Ich weiss, wer ich bin, ich gehöre zu einer grossen Familie, ich lebe für den Fussball, ich zelebriere das weltumspannende Spiel, ich bin Teil der globalen Fussball-Kultur.

Der katholische Geistliche Josef Hochstrasser, der das Buch «Ottmar Hitzfeld – die Biographie» geschrieben hat, unterstreicht den religiösen Charakter des Fussballspiels ebenfalls – als Mann Gottes muss er es schliesslich wissen: «Der Fussball ist tatsächlich eine Religion. Mögen Kritiker diesen Sport allenfalls als Ersatzreligion durchgehen lassen, ich halte ihn für eine Primärform von Religion.»

Fussball ist gar eine Weltreligion mit einer globalen Heilslehre. Sie verbindet Menschen unterschiedlicher Farben, Ethnien, Weltanschauungen und Kulturen. Es gibt auch im Fussball «Religionskriege», doch diese sind ritualisiert und beschränken sich in der Regel auf 90 Minuten.

Das Fussballspiel kennt auch den Gottesdienst. Das Stadion ist die Kirche, ein Final in der Champions-League ein Hochamt. Das Ritual beginnt ebenfalls mit einem (Fan-)Gesang, der Schiedsrichter amtet als Pfarrer. Seine Glocke ist die Pfeife. Die Fans glauben und hoffen wie die Gläubigen. In heiklen Momenten beten sie zum Fussballgott. Und sie pendeln auch zwischen Halleluja und Hölle. Wenn das Ritual den Höhepunkt erreicht, erheben sie sich wie die Gläubigen in der Kirche.

Mancher Pfarrer würde sich wünschen, seine Gläubigen wären nur halb so ergriffen wie die Fans beim Abspielen der Hymne. Und die Ehrfurcht vor Jesus wäre so stark wie vor ihren Fussball-Idolen. Übrigens: Der Fussball ist eine hoch entwickelte Religionsform. Er kennt wie das monotheistische Christentum nur einen personifizierten Gott: den Fussball.

Kritiker werden einwenden, Fussball sei nur ein Spiel. Wer beweist, dass Religionen mehr sind? Einzig bei der Transzendenz wird es schwierig: Fussball hat wenig mit dem Jenseits zu tun. Aber er kommt auch von einem andern Stern, wenn ihn Fussballgötter wie Lionel Messi spielen.

Hugo Stamm arbeitet seit über 30 Jahren beim «Tages-Anzeiger». Er hat als Sektenexperte mehrere Bücher geschrieben und betreibt seit 2006 einen viel beachteten Blog zu Glaubens- und Sektenfragen.

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