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England vs Switzerland oder zwei Herzen in einer Brust

Carte Blanche am Samstag den 4. Juni 2011

Eine Carte Blanche von Florian Lehmann*.

Die Liebe zu England begann früh. Schon in der Kindheit, als in Schwarz-Weiss-TV-Bildern Roger Moore als Ritter «Sir Ivanhoe» das Schwert schwang und sich als «Simon Templar» mit schickem Sportwagen auf Verbrecher- und Frauenjagd begab, kam der Wunsch auf, einmal auf der Insel zu leben. Und da war vor allem der Fussball: Die Live-Bilder von der WM 1966, mit dem berühmten dritten Tor im Final gegen Deutschland, von dem sich unsere alemannischen Brüdern und Schwestern noch immer nicht erholt haben, bleiben unvergesslich. Natürlich die Auftritte des grossen Manchester United, mit Figuren wie Sir Bobby Charlton, George Best, der sich später auf dem gefährlichen Feld des Alkohols verdribbelte, haben meine Zuneigung zur Insel gestärkt. Der Support galt aber dem guten alten FC Chelsea, weil für mich Mittelfeldspieler Dave Webb oder Stürmerstar Peter Osgood so gut gefielen und meine Vorbilder beim Kicken in der Freizeit waren – nicht zuletzt auch, weil mir das Trikot der «Blues» zusagte.

Viele Jahre später, Mitte der 80er-Jahre, zog es mich weg also von der beschaulichen Schweiz. In England fand ich eine neue Heimat und eine neue Liebe. Und weil ich mich in den ehelichen Infight mit meiner Engländerin begab, durfte ich zur Blütezeit der Thatcher-Ära dort legal arbeiten und leben – von bilateralen Verträgen war die Eidgenossenschaft damals so weit weg wie die Stadt Zürich heute von einem neuen Fussballstadion. Aus der Verbindung stammte dann auch ein Sohn. Und Sam teilte mit dem Daddy vom Zürichsee die Vorliebe für den Fussball. Wegen der lokalen Nähe zu Birmingham entschied sich der Bub, Fan von Aston Villa zu sein; fortan war der Villa Park, das architektonisch schönste Gebäude der zweitgrössten Stadt Englands, ein Ort der kulturellen Weiterbildung für das Duo.

Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Der Dad kehrte in den 90er-Jahren in die Schweiz zurück, weil er genug hatte von Tandoori Chicken und schlechtem Bier und er sich entschied, dem grossen Team von Väter beizutreten, die am Monatsende freudvoll die Alimente bezahlen dürfen. Sam ist bei der Mutter auf der Insel geblieben, er studiert heute in Leeds und arbeitet nebenbei in einem Pub – wo denn sonst im alten Königreich. «Weisst du noch Dad, als wir zu Eröffnung der Fussball-EM 1996 im Wembley waren?» «Natürlich», erwiderte ich am Handy zu Beginn dieser Woche, «dieses Spiel in dieser tollen Atmosphäre im alten Wembley, wie könnte ich das je vergessen?» 1:1 trennte sich damals die Schweiz von Gastgeber England. Die Schlagzeile tags darauf im «Sunday Telegraph» lautete: «Swissed off». Kein anderes Volk auf der Welt versteht es so gut, Selbstironie und Sarkasmus vorzuleben wie die Bewohner des «United Kingdom». Vater und Sohn diskutieren weiter, bis Sam sagt: «Es wäre schön, es gäbe am Samstag wieder ein Unentschieden. Wenn England gegen die Schweiz spielt, weiss ich nämlich nicht, wem ich helfen soll.» «Aha», erklärt der Vater, dem es genau so geht, weil er sich, wie der Sohnemann, in beiden Nationen zu Hause und als Doppelbürger fühlt. «Es ist schwierig mit zwei Herzen in einer Brust zu leben», füge ich hinzu. «Aber, Sam, ich bin schon zufrieden, wenn die Schweizer endlich wieder einmal mit Herz und mit Freude Fussball spielen. Das würde mir schon genügen. Das mit der EM 2012, dieser Zug ist realistisch gesehen schon abgefahren. Und richtig verdient haben die Spieler diese EM-Teilnahme nicht, bisher jedenfalls nicht.»

Sam sagt, er müsse Schluss machen. Die Gäste an der Theke haben Durst. Natürlich, darum seien sie auch dort, erklärt der Gesprächspartner aus Zürich besserwisserisch. Bevor er die Konversation abbricht, sagt die 24-jährige Stimme aus der Grafschaft West Yorkshire: «Ich werde am Samstag bei der Arbeit wieder mein Schweizer Nati-Trikot anziehen. So wie bei der WM in Südafrika.» Aber das sei doch auch gefährlich, schliesslich gehören die Fussball-Fans aus Leeds nicht unbedingt zur netteren Sorte der Supporter-Gemeinde, wende ich ein. «Kein Problem, Vater, sie mögen mich, sie wissen, dass ich englisch-schweizerisches Blut habe. Niemand hier hat etwas gegen die Schweiz oder die Schweizer. Nur dieser Blatter, der hat keine Freunde hier.»

* Florian A. Lehmann hat vier Jahre in England gelebt und fühlt sich praktisch als Doppelbürger. Der passionierte Sportjournalist ist seit 2008 bei «Newsnetz».

Wo ist eigentlich «in behind»?

Carte Blanche am Donnerstag den 28. April 2011

Heute vergibt Steilpass seine erste Carte Blanche an den Leser Auguste, der immer wieder mit präzisen Kommentaren die Diskussion hier im Blog befeuert hat. Willkommen!

Rainer-Maria Salzgeber? Nein, Auguste.

Rainer-Maria Salzgeber? Nein, Auguste.

In einem hat «ische Sepp» von der FIFA ja schon recht – kaum etwas sorgt für mehr Völkerverständigung auf der Welt als der Fussball. Mit seinen wunderbaren, völkerverbindenden Schmelztiegeln, die manchmal stolz nach Nationen benannt in den Himmel ragen, dann wieder zugig wie ein alte Scheune in Aussersihl, als längst verlassene Ruine neben einem unbeugsamen, «bernoullischen Dorf» oder wie eine überdimensionierte Baugerüst-Reklame entlang der Autobahn in Grenznähe rumstehen, bringt er Menschen aller Länder zusammen. Manchmal gar so nahe, dass die Verbundenheit noch in der Notaufnahme so richtig gepflegt wird. Heute sind selbst lokale Fussballmannschaften bunte Multi-Kulti-Truppen, die kicken und das Kauderwelsch pflegen.

Das Schweizer Fernsehen begleitet diese Entwicklung nach bestem Wissen und Gewissen. Für das Champions-League-Hinspiel zwischen Schalke 04 und Manchester United bot man das Kommentatoren-Urgestein Beni Thurnheer auf, damit sprachlich alle Register gezogen werden konnten. So halbwegs klappte das dann ja auch, obwohl die helvetischen Wortschöpfungen und Sprachbilder der «Mutter des hiesigen Fussball-Kommentars» selbst aus einen Champions-League-Halbfinale, wie üblich, eine blumige Angelegenheit machten, die einer Emmentaler Bauernhausfront im Sommer in nichts nachsteht.

Und wem das nicht reichte, dem bewies SF in der Halbzeitpause, dass man im Deutschschweizer Fernsehen nicht unbedingt Deutsch können muss, um Moderator oder Studio-Experte zu werden – Schweizer sein, genügt vollauf. Nach einer Halbzeitpause mit Rainer-Maria Salzgeber und Johann Vogel waren die letzten Zweifel beseitigt. Die Macher von «il Telesguard» hatten wieder zugeschlagen. Um die beiden einwandfrei verstehen zu können, war das Aufwachsen im deutschsprachigen Raum nicht wirklich hilfreich gewesen. Zum totalen Minderheiten-Programm wurde die Halbzeitpause durch Salzgebers Kleiderwahl.

Helle Hose mit einem dunklen Nadelstreifen-Veston, «Poschettli» und ohne Socken zu kombinieren, war ziemlich «Binnensee-Yachtclub-mässig». Ich kann mir nicht helfen, aber manchmal denke ich, dass entweder seine Studio-Stylistin oder seine Ehefrau dem Salzgeber gerne mal einen Streich spielt oder sich auf diese hinterhältige Weise an der «Walliser Stil-Ikone» für irgendetwas rächt.

Mit Johann Vogel, dem offensichtlich die Ehefrau die Haare im Bad schneidet oder der dem selben, durchgeknallten Figaro vertraut wie Gilbert Gress, Urs Fischer und Hakan Yakin, sank das Gesprochene unweigerlich auf die Ebene des Mundart-Fehlpasses ab. Wenigstens hatte man dadurch einen guten Grund ein Bier mehr vom Kühlschrank zu holen, denn solche Halbzeitpausen wie am Dienstag übersteht man eigentlich nur, wenn man sie sich schönsäuft und sich damit dem Niveau dieser SF «Challenged League» Schluck für Schluck annähert.

Da lob ich mir ja die Länderspielpausen, wenn man sich wenigstens fragen kann, ob der Alain den Hüppi diesmal endlich küssen wird oder ob er immer noch eingeschnappt ist, weil der wieder den ganzen Winter mit dem Russi in engen Kabinen rumgehängt ist und auch den neuen Schal nicht bemerkt hat.

Lieben Sie diese kleinen «Peinlichkeiten live» auch so wie ich, und freuen Sie sich auch auf die Studio-Rückkehr von Andy Egli?

Bis dahin zum Thema Sportstudio die «Fast Show»:

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