Beiträge mit dem Schlagwort ‘Joachim Sputnik’

Der Profilbild-Sammler

karen gerig am Freitag den 8. April 2011

Wer Facebook-User ist, verschwendet meist eine nicht unbedeutende Zeit damit, das richtige Bild fürs Profil zu finden. Sei es das ansprechende Porträt, sei es der Hund, der grosse Zeh, die beste Pose oder die coole Sonnenbrille, im Netz findet sich alles. Über sein Profilfoto kann man seine aktuelle Laune mitteilen oder die lebenslange Vorliebe für eine bestimmte Kleidermarke. Manche habens gern zeitlos, andere ändern ihr Profilbild so oft wie ihre Unterhose.

Joachim Sputnik aka Jonas Baumann.

Jonas Baumann, an der Hochschule in Luzern zum Illustrator ausgebildet, befindet sich grad in einem Zwischenjahr zwischen Studiumsabschluss und iaab-Stipendium in Montréal. Einen Job zu suchen, das machte keinen Sinn, deshalb gibt es einiges an Zeit totzuschlagen. Oder eben ein Projekt zu entwickeln, das Spass macht. Zum Zeittotschlagen surfte Baumann sich durch Facebook – und blieb immer mal wieder an einem Profilbild hängen. «Mich fing plötzlich an zu interessieren, wie Leute sich darstellen», sagt der 27-Jährige. Und aus dem Durch-die-Bilder-Klicken entstand ein Projekt, das «In Your Face Book». «Ich fragte mich, was geschieht, wenn ich die Bilder auf neue Weise interpretiere und sie den Leuten zusende», erzählt Baumann. Gedacht, getan. Er griff sich Pinsel und Acrylfarbe und malte die Profilbilder einiger Leute neu.

Die Leute, deren Fotos er malte, kannte Baumann nicht. «Da waren Ungaren drunter, oder Leute in den USA», erzählt er. Die Reaktionen auf seine Bilder, die er als Foto den Porträtierten zusandte, waren äusserst unterschiedlich – sie reichten von Begeisterung bis hin zum Vorwurf des Stalking. «Einige haben mein Bild als neues Profilbild hochgeladen», sagt er. «Das fand ich natürlich toll.» Fast täglich entstand ein neues Bild, in kurzer Zeit hatte er etwa 60 Bilder gemalt. Und wo könnte er diese besser publizieren als auf Facebook? Kurzerhand wurde aus Jonas Baumann Joachim Sputnik, der seine eigene Facebook-Page einrichtete und dort anbietet, Porträtfotos zu malen. Bis jetzt halten sich die Anfragen jedoch noch in Grenzen.

Trotzdem malt Jonas Baumann immer noch, ohne Auftrag, vielleicht auch noch im Sommer, wenn er sein Austauschatelier in Montréal bezogen hat. «200 Bilder hätte ich schon gern zusammen», sagt er. Einiges davon, was er bis jetzt gemalt hat, kann man bis Ende April im Bistro des Stellwerks im Bahnhof St. Johann angucken, organisiert vom Showroom Basel. Physisch, auf Karton. Denn das ist es, was Jonas Baumann an diesem Projekt auch interessiert: Flüchtige Bilder, die nicht selten nur digital irgendwo existieren, in die physische Welt zu übertragen: «Man kann sich fragen: Ich nehme ein einziges Bild aus Milliarden Bilder, die im Internet herumschwirren. Warum ist gerade dieses oder jenes es wert, gemalt zu werden?» Eine Antwort darauf gibt es wohl nicht. Für Baumann sind es ganz unterschiedliche Gründe, warum er ein Bild aussucht. Weil es originell ist etwa, wie das Kleinkind mit Schäferhund in der Badewanne. Oder weil es absurd ist oder künstlerisch interessant. Oder weil es einem Typus entspricht, wie etwa all jene Männer, die sich mit ihrem selbstgefangenen Fisch porträtieren. Nur etwas macht Baumann nicht: «Ich versuche, Fotorealismus zu vermeiden.» Irgendetwas ändert er meistens ab, mal mehr, mal weniger. So gleicht kein Bild dem anderen. Manchmal gar kaum mehr dem Vorbild.